Landtagswahl 2021 in Baden-Württemberg Welche Besonderheiten hat das Landtagsgebäude?

Baden-Württembergs Landtag mit dem Ursprungsgebäude  neben dem Neuen Schloss und dem unterirdischen Erweiterungsbau. Unsere Bilderstrecke zeigt, wie das Gebäude früher einmal aussah. Foto: dpa/Bernd Weissbrod 10 Bilder
Baden-Württembergs Landtag mit dem Ursprungsgebäude neben dem Neuen Schloss und dem unterirdischen Erweiterungsbau. Unsere Bilderstrecke zeigt, wie das Gebäude früher einmal aussah. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Der Bau in der Stuttgarter City macht nicht so viel her wie andere Parlamentsgebäude, doch er besticht durch klare Formen und hochwertige Materialien. In den 1950ern stand allerdings auch ein anderes Domizil zur Debatte.

Politik/Baden-Württemberg : Arnold Rieger (ari)

Stuttgart - Verglichen mit München oder Düsseldorf residiert der Souverän in Stuttgart bescheiden. Baden-Württembergs Haus des Landtags, ein schwarzbrauner Kubus im Stil der klassischen Moderne, macht längst nicht so viel her wie andere Parlamentsgebäude.

Zwar war das zwischen 1959 und 1961 entstandene Haus ursprünglich größer geplant, doch dann ging dem Bauherrn Land offenbar das Geld aus. Dies hat der Architekt Horst Linde, der es wissen musste, einmal dieser Zeitung erzählt. Der Freiburger Professor ist 2016 im Alter von 104 Jahren gestorben.

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Das Gebäude spiegelt Understatement

Wer meint, der Landtag sei ein billiger Bau, täuscht sich jedoch. Er spiegelt vielmehr Understatement – und das passt nicht so schlecht zu den Schwaben, denen man ja bis heute nachsagt, dass sie den Pelz nach innen tragen.

„Das ist ein Klassiker, er hat eine übergeordnete Gestalt und widersteht jeder Mode“, hat Linde den Solitär einmal charakterisiert. Das Quadrat sei eine kräftige Figur, eine Art Baustein für das Zentrum des ganzen Landes.

Wie ist das heutige Gebäude entstanden?

Ein Neubau war in den 1950er Jahren keineswegs Konsens. Auch das Neue Schloss, damals noch ein Trümmerfeld, war als Domizil im Gespräch. Doch darf ein demokratisch gewähltes Parlament am Sitz absolutistischer Fürsten tagen? Diese Frage beherrschte damals die Diskussion. Auch ein Neubau im Rosensteinpark wurde erwogen. Letztlich entschied man sich für den Platz neben der Oper.

In zwei Wettbewerben setzte sich der Mainzer Architekt Kurt Viertel mit seinem Entwurf durch: ein dreigeschossiger, von 49 Stützen getragener Skelettbau mit 63 Meter Seitenlänge. Weil er selbst diese Maße nicht verringern wollte, wurden die Architekten Horst Linde und Erwin Heinle damit betraut. Sie verkleinerten den Baukörper auf 54 Meter und rückten ihn weiter vom Schloss ab. In vielen Details brachten sie demokratische Ideale zum Ausdruck: So gab es nur einen gemeinsamen Eingang für Abgeordnete und Besucher. Im Lauf der Jahrzehnte hat sich allerdings gezeigt, dass dies den neuen Sicherheitsanforderungen nicht genügt, also wurden Schleusen und Drehtüren eingebaut.

Wann kamen Lichtkuppel und Erweiterung hinzu?

Verändert wurde auch der einst fensterlose Plenarsaal, der sich wie der Kern einer Haselnuss im Innern verbergen sollte. Der Ursprungsgedanke war, dass die Abgeordneten dort frei und unbeeinflusst ihrer Arbeit nachgehen, während die gläserne Außenhaut des Gesamtbaus für Transparenz steht. Nicht wenige Abgeordnete klagten jedoch über den Mangel an Tageslicht. Vor einigen Jahren wurden deshalb Lichtkuppeln eingebaut.

Weil das Gebäude aber auch insgesamt für einen modernen Parlamentsbetrieb zu klein wurde, beschloss der Landtag schließlich einen Erweiterungsbau. Seit 2016 bietet nun ein unterirdisches Bürger- und Medienzentrum zusätzliche Räume.

Denkmalpfleger bescheinigen dem Haus eine hohe Qualität bei Materialien und Ausführung. Dazu zählen sie etwa den marmorartigen Spezialzement, mit dem man die Stahlbetonpfeiler beschichtet hat. Auch der Holzmadener Schiefer an der Wand der Haupttreppe, der Travertin und der Schwarzwälder Granit für Böden und Sockel zeugen nach Ansicht von Fachleute von Sorgfalt und Detailliebe.

Das „braune Haus“

Eine ganz eigene Geschichte verbindet sich mit dem Außengerüst aus Buntmetall. „Tombak“ nennt sich die Messinglegierung mit einem hohen Kupferanteil, die man dafür verwendete. Ihr anfangs mittelbrauner Farbton hat in der Öffentlichkeit zunächst Irritationen ausgelöst, wie in alten Zeitungen nachzulesen ist. Ein „braunes Haus“ wollte man in Stuttgart 15 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur nicht unbedingt haben. Doch im Lauf der Jahre ist die Farbe nachgedunkelt – aus braun wurde schwarzbraun.

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