In der Alten Kanzlei wollte die FDP feiern. Doch schon von der ersten Prognose an, gibt es wenig Hoffnung auf den Einzug in den Landtag. Manchen ist an diesem Abend zum Heulen zumute.
Glauben möchte es in der Alten Kanzlei in Stuttgart, so richtig keiner. Eigentlich hatten die Liberalen gehofft, hier den Wiedereinzug in den Landtag feiern zu können. Als die ersten Prognosen über die Bildschirme laufen und der FDP-Balken bei 4,5 Prozent stehen bleibt, ist jedoch das Entsetzen mit Händen zu greifen. Ebenso groß ist es darüber, dass die SPD danach nur bei 5,5 Prozent und noch weiter als in den Voraussagen in der Wählergunst gesunken ist. Jubel hingegen gibt es, dass auch Die Linke in dieser ersten Momentaufnahme nicht den Sprung in den Landtag geschafft hat. Und Entsetzen über die deutlich gestiegenen Zahlen für die AfD.
Kurz nach 21 Uhr kommt Hans-Ulrich Rülke zur Basis. Er gesteht die Niederlage ein. Es tue ihm leid für die Jungen, bedankt sich bei Friedrich Haag für sein Engagement. Trotz Niederlage gibt es kämpferische Ruhe aus der Gruppe der Ausharrenden: „Wir machen weiter!“.
Gabriele Reich-Gutjahr, die Kreisgeschäftsführerin der FDP und ehemaliges Landtagsmitglied, hatte erst mal als Devise ausgegeben: „Wir bleiben solange, bis die Zahlen über fünf Prozent sind“. Aber das will auch bei den nächsten Zahlen aus den Wahlstudios nicht eintreffen. Die Landespartei und der Kreisverband feiern hier gemeinsam. „Die hohe Wahlbeteiligung ist schlecht für uns“, sagt Reich-Gutjahr um halb sechs noch – und hofft auf die Briefwähler. Die Stammwählerschaft gehe immer zur Wahl. Das heißt für sie, andere Parteien haben potenzielle Wähler mobilisiert. Sie kann ihren Ärger über die Wahlempfehlung von Friedrich Merz nicht verbergen. Der Kanzler und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hatten am Freitag noch vor Stimmen für die FDP gewarnt.
Skudelny: Ministerpräsidentenwahlkampf in Baden-Württemberg
Mit dem Slogan „Zurück auf vorwärts“ haben die Freien Demokraten im Wahlkampf um die Gunst der Wählerschaft geworben – und mit der Ansage ihres Spitzenkandidaten Hans-Ulrich Rülke, auf keinen Fall mit den Grünen eine Koalition eingehen zu wollen. Sie wollten eine Deutschlandkoalition. In der letzten Woche, sagt eine deutlich angeschlagene Landesgeneralsekretärin Judith Skudelny in der Alten Kanzlei, sei es nur noch darum gegangen, wer den Ministerpräsidenten stellt und nicht mehr um Inhalte. Dabei brauche Baden-Württemberg eine Regierung der bürgerlichen Mitte.
Nicht nach Optimismus zumute
Juliane Becker, die Kandidatin für den Wahlkreis Stuttgart IV, will ihre Enttäuschung nicht verbergen. Am liebsten würde sie jetzt heimgehen, sagt sie. „Ich kann nicht so tun, als ob mir das nichts ausmacht“. Danach, auf Optimismus zu machen, sei ihr nicht zu Mute. „Das ist so eine Ohrfeige für die Idee von einer Politik, die eine Zukunft haben sollte“, sagt sie und betont, dass ihre Partei einen fairen Wahlkampf gemacht habe.
Ein gutes Gefühl hatte Gabriele Heise, die im Wahlkreis III antrat, an den Wahlkampfständen. Besonders junge Leute hätten das Gespräch gesucht. Unabhängig von der Partei, für die sie sich engagieren, mache ihr das Mut, dass sich junge Menschen wieder mehr für Politik interessieren und dabei nicht zu den Rändern wegdriften. Auch ihr machen die SPD-Zahlen großen Kummer. Die Vertreter der Jungen Liberalen sitzen zusammen an einem runden Tisch. Das gute Gefühl, zum ersten Mal gewählt zu haben, wird vom Wahlergebnis getrübt.
Friedrich Haag, der Stuttgart aktuell im Landtag Stuttgart vertritt, will auf das Ergebnis des Abends warten. Alle sagen hier, dass es eine lange Wahlnacht werden wird. Aber als die Zahlen auf 4,3 Prozent schrumpfen, verbessern sich die Chancen nicht für die Liberalen. Stuttgart und Baden-Württemberg brauche eine liberale Partei so Haag. Die einzige Hoffnung sei, dass das Wahlergebnis für die Stuttgarter Kandidaten besser werde als das Baden-Württemberg-Ergebnis.
Kein Stuttgart-Vertreter mehr
Haags Gemeinderatskollege, der FDP-Fraktionsvorsitzende Matthias Oechsner, spricht von einem bitteren Ergebnis, „das ich so nicht erwartet habe“. Für die FDP läute das eine schwierige Zeit ein. Aber auch für die SPD. Dass nun aller Voraussicht nach der Fraktionskollege Friedrich Haag nicht mehr im Landtag vertreten sei, sei für Stuttgart nicht gut. Es sei schon zu spüren gewesen, dass in Berlin kein Vertreter mehr sei.
Dann philosophiert Oechsner, dass die Menschen offenbar einen älteren politikerfahrenen Kandidaten, also Cem Özdemir, wählen würden, als eine Jungen. Irgendwie konservativ nennt er das. Dass die Baden-Württemberger mit Özdemir aller Voraussicht nach den ersten Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund gewählt hätten, sei dann doch irgendwie wieder „was Besonderes“. Aber ein wirkliches Bonbon sei das dann aber auch nicht.