Trotz großem Altersunterschied setzen sowohl Konrad Epple (CDU) als auch Helena Herzig (FDP) im Wahlkampf auf die traditionellen Infostände. Foto: Julian Meier
Der langjährige Abgeordnete Konrad Epple setzt im Wahlkreis Vaihingen auf seine Bekanntheit. Newcomerin Helena Herzig muss sich mit großem Einsatz erst Sichtbarkeit verschaffen.
An Helena Herzig kommt man an diesem Samstagvormittag kaum vorbei. In den Straßen von Vaihingen an der Enz hängen mehrere große Plakate mit ihrem Konterfei, und wer vom Marktplatz kommend die Fußgängerzone entlangschlendert, wird von der echten Helena Herzig abgefangen. Mit einer Blume bewaffnet steht sie vor dem Stand der FDP und sagt mit einem breiten Lächeln im Gesicht: „Hallo, darf man Ihnen eine Blume mitgeben?“
Am Stand der CDU ist Konrad Epple dagegen nur selten mit Flyer in der Hand anzutreffen, zumeist erledigen das seine Wahlkampfhelfer vor Ort, während er selbst im Gespräch ist. Die Passanten kann er meist per Namen ansprechen – und sie kennen ihn ebenfalls. „Ich bin extra nochmal zurückgekommen, weil ich gesehen habe, dass der Konrad kommt. Den habe ich schon ewig nicht mehr gesehen“, sagt eine ältere Frau.
Helena Herzig und Konrad Epple treten beide im Wahlkreis Vaihingen an, wenn am 8. März ein neuer baden-württembergischer Landtag gewählt wird. Neben Herzig gibt es in den drei Wahlkreisen des Landkreises Ludwigsburg noch viele weitere junge Kandidatinnen und Kandidaten. Haben sie einen anderen Ansatz, wie sie Wahlkampf machen wollen, als die älteren, etablierten Kandidaten? Vergleicht man die Wahlkämpfe von Herzig und Epple, wird deutlich, dass die 26-jährige Herzig den Wahlkampf besonders engagiert und strukturiert angehen muss, während der 62-jährige Epple seine Bekanntheit voll und ganz ausspielen kann.
Epple trifft auf zahlreiche Bekannte
Einen wirklich durchgetakteten Zeitplan hat Epple nicht. An den einzelnen Infoständen in seinem Wahlkreis lässt er sich immer nur kurz blicken. Für ihn geht es darum, gesehen zu werden, Präsenz zu zeigen. Aufregung ist bei ihm nach 15 Jahren im Parlament und dem mittlerweile vierten Wahlkampf ohnehin nicht mehr zu spüren. In den Gesprächen geht es auch nicht immer um konkrete Inhalte: „Wir haben gerade über dich geschwätzt“, sagt eine Frau. „Hoffentlich nur Positives“, entgegnet Epple mit einem Augenzwinkern.
Viele Flyer mit seinem Konterfei braucht Epple nicht zu verteilen – die meisten Leute kennen ihn auch so. Foto: Julian Meier
Doch Überraschungen sind auch bei ihm nicht ausgeschlossen. Als am Stiegelplatz in Münchingen die Grünen ihren Stand aufbauen, kommt kurz darauf einer ihrer Vertreter zu Epple und fragt ihn „als interessierter Bürger“, warum die CDU nichts zum Thema Klimaschutz in ihrem Wahlprogramm stehen habe. Auf die Diskussion lässt sich Epple aber nicht ein. „Er ist selbst im Wettbewerb. Wenn er jetzt wirklich als Bürger gekommen wäre, dann hätte man sich unterhalten können. Aber so etwas brauche ich nicht“, erklärt Epple. Von dem Grünen-Vertreter könne er eh keine Stimme erwarten.
Viele Passanten kennen Herzig noch nicht
Auch Helena Herzig wird mit dem Thema Klimaschutz konfrontiert, nur löst das bei ihr ganz andere Gefühle aus. Als in Vaihingen ein Vertreter der Werte-Union auf sie zukommt und fragt, was sie über Klimaschutz denke, reagiert Herzig mit einem längeren Vortrag, warum sie als FDP-Vertreterin großen Wert auf Klimaschutz lege – einig werden die beiden sich aber nicht. „Dann kümmere ich mich um das Klima und Sie sich um etwas anderes“, schließt Herzig das Gespräch.
Dass der Klimaschutz ihr Herzensthema ist, wissen viele nicht. Aber viele wissen eben auch nicht, wer sie überhaupt ist – trotz der Wahlplakate. Bei ihrer Blumen-Offensive müssen die Menschen erst mal verorten, mit wem sie es zu tun haben. Eine ältere Frau, die gerade die Straße entlanggeht, fragt: „Von wem?“ Dann liest sie den FDP-Schriftzug auf dem Zelt. „Nein, danke“, sagt sie und geht weiter. „Aber die Blume bekommen Sie auch so“, ruft ihr Herzig hinterher – vergeblich.
Epple setzt auch auf die veränderte „Grundstimmung“
Bei Konrad Epple haben die Leute keine Probleme, ihn zu verorten. Schon von weitem ruft ein Mann dem CDU-Kandidaten entgegen: „Sei kein Depple, wähl’ den Epple.“ Joachim Winter, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Münchingen, ist sich sicher, dass Epple im Wahlkreis das Rennen um das Direktmandat machen wird: „Man kennt ihn, das ist sein großer Pluspunkt. Viele werden sagen: Das ist einer von uns, deswegen wähle ich ihn.“
Auch Epple selbst hat keine Angst um seinen Platz im Parlament. „Ich bin davon überzeugt, dass ich dieses Mal das Direktmandat gewinnen werde“, sagt er. Seinen Optimismus schöpft er nicht nur daraus, dass sein bisheriger Kontrahent von den Grünen, Markus Rösler, nicht mehr antritt. Es gebe nun eine andere „Grundstimmung“ im Land. „Das Direktmandat hole ich dieses Mal zurück, egal, wer sonst noch antritt.“
Was bei seiner Infostand-Tour aber auffällt: Junge Menschen erreicht er damit so gut wie gar nicht. Zuletzt gab es eine jugendpolitische Informations- und Diskussionsveranstaltung mit jungen Menschen aus Gerlingen. Und was macht Epple sonst für junge Menschen? „Die erreicht man durch die Grundstimmung“, entgegnet Epple bestimmt.
Zur Podcast-Aufnahme nach Mannheim
Helena Herzig hat dagegen einen eigenen Kanal, mit dem sie junge Menschen erreichen kann: einen Podcast, genannt „Wahlkämpf“. Der erfordert ihr aber auch einiges ab. Es ist ein Samstag der Extreme: Nach vier Stunden Infostand trinkt Herzig schnell einen Kaffee, bevor es schon weitergeht zum nächsten Tagesordnungspunkt, einer Diskussionsrunde mit Bürgern. Im Friedrich-Abel-Gymnasium in Vaihingen an der Enz treffen Herzig und Epple direkt aufeinander. Die Begrüßung ist freundlich, die beiden sind per Du.
Noch während der Abschlussdiskussion muss sich Herzig entschuldigen, es geht weiter nach Mannheim, wo Herzig die nächste Folge des Podcasts aufnimmt. Zu Gast ist FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner. Während der Aufnahme hat Herzig das Handy in der Hand, in dem sie ihre Fragen notiert hat. Viel Zeit zur Vorbereitung auf den Podcast hatte sie nicht. Doch sie und Büttner spulen auch so souverän ihr Programm ab.
Helena Herzig (links) bei einer Podcast-Aufnahme mit ihren Parteifreunden Oskar Weiß und Generalsekretärin Nicole Büttner in Mannheim. Foto: Julian Meier
Trotz all dieser Anstrengungen schätzt Herzig ihre Chancen realistisch ein. Im Rennen um das Direktmandat ist sie Außenseiterin, und auch über die Landesliste dürfte es bei Platz 27 schwierig werden. Warum sie trotzdem Wahlkampf macht? „Weil Demokratie vom Mitmachen lebt. Man muss sich auch dann engagieren, wenn man keine Aussicht auf ein Mandat hat“, sagt sie. Dieser Ehrgeiz imponiert auch Roland Zitzmann, der 2016 und 2021 für die FDP antrat und jetzt Herzigs Wahlkampfmanager ist. „Ich finde es beeindruckend, wo sie die Motivation hernimmt. Sie hat eigentlich keine Chance“, sagt er.
In Vaihingen sagt Konrad Epple kurz nach Mittag, dass er jetzt Feierabend mache, und entschwindet. In Mannheim ist um kurz vor 19 Uhr Feierabend. Nach elf Stunden im Dauereinsatz fällt von Helena Herzig ganz viel Last ab, der Wahlkampftag ist beendet. Nicht aber der Wahlkampf. Die Wochen vor der Wahl zeigen: Demokratie lebt nicht nur vom Gewinnen, sondern vom Mitmachen. Sie zeigen aber auch, wie viel Idealismus nötig ist, um einen Bekanntheitsrückstand aufzuholen. Diesen Rückstand aufzuholen, ist der Preis, den politische Newcomer offensichtlich zahlen müssen.