Livia-Sophie Schöninger, Kiriakos Fotis und Aliya Obermann (von links) aus Leonberg dürfen zum ersten Mal mitbestimmen, wer in den nächsten Landtag kommt. Foto: Jelena Maier
Sie dürfen erstmals an die Wahlurnen: Drei Leonberger erklären, warum sie ihre Stimme nutzen – und weshalb junge Menschen in der Politik mehr Gewicht bekommen sollten.
Bezahlbarer Wohnraum, ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und Migration sind Themen, die diese junge Menschen besonders bewegen. Auch Bildung gehört dazu – schließlich ist ihre eigene Schulzeit noch nicht lange vorbei. Aliya Obermann, Livia-Sophie Schöninger und Kiriakos Fotis aus Leonberg können dieses Jahr zum ersten Mal mitbestimmen, wer in den Landtag kommt. Als junge Menschen finden sie es wichtig, die politische Diskussion mitzuprägen.
„Es ist einfach, Dinge zu kritisieren. Aber wenn man wirklich Veränderung anstrebt, sollte man dafür eintreten“, sagt Kiriakos Fotis. Der 20-Jährige wohnt in Leonberg und studiert in Tübingen Geschichtswissenschaft sowie Volkswirtschaftslehre. Wie auch Aliya Obermann und Livia-Sophie Schöninger engagiert er sich im Leonberger Jugendausschuss.
Die enge Zusammenarbeit mit der Stadt schätzen die Jungwähler. „Leonberg investiert viel, damit sich Jugendliche beteiligen können“, sagt die 18-jährige Livia-Sophie Schöninger, die im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht hat. Gemeinsam mit Kiriakos Fotis ist sie Sprecherin des Jugendausschusses. Dass sie im und mit dem Gremium Gehör finden, sehen sie positiv – das sei nicht selbstverständlich.
Leonberger Jungwähler: Die Jugend wird oft nicht mitgedacht
„Unsere Altersgruppe wird in Debatten oft nicht mitgedacht, das ist ein gesellschaftliches Problem“, sagt Fotis. Dabei sei die Jugend mit ihrer Perspektive eine wichtige Stimme. „Jugendliche hinterfragen unglaublich viel und regen damit zum Neudenken von Themen an“, ergänzt die 18-jährige Aliya Obermann. Jungwähler wählten nicht einfach eine Partei, die sie schon immer gewählt haben. Vielmehr setzten sie sich aktiv damit auseinander, welche Positionen zu ihren eigenen Überzeugungen passen – und welche nicht.
Dass nun erstmals auch 16- und 17-Jährige bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg abstimmen dürfen, befürworten die Drei. „Man erwartet unglaublich viel von jungen Leuten, beispielsweise in der Schule oder in Vereinen. Deshalb sollte uns auch die Verantwortung zugemessen werden, über unsere eigene Zukunft mitzuentscheiden“, sagt Aliya Obermann.
Junge Menschen setzen sich ein: Der Jugendausschuss Leonberg finanziert eine Nachtbuslinie. Foto: Simon Granville (Archivbild)
Dem Vorurteil, junge Menschen interessierten sich nicht für Politik, widersprechen sie entschieden. In ihrer eigenen Arbeit im Jugendausschuss merkten sie, wie groß der Gesprächsbedarf sei. Allerdings müsse der Austausch zwischen Politik und Jugend verbessert werden. Dafür seien auch die Parteien mitverantwortlich, was leider bei einigen noch nicht angekommen sei. „Viele Politiker reden zu intellektuell – oder zu populistisch“, meint Livia-Sophie Schöninger.
Politik müsse bürgernah und zugleich faktenbasiert sein. Besonders in sozialen Medien beobachten die drei Leonberger Versuche, junge Menschen gezielt zu beeinflussen. Umso wichtiger sei es, seriöse Quellen erkennen zu können – gerade in Zeiten von Demokratiebedrohung und KI-generierten Inhalten. Hier sehen die Jungwähler auch die Schulen stärker in der Verantwortung.
Soziale Medien wollen sie nicht pauschal verurteilen. Schließlich seien sie die erste Informationsquelle vieler Menschen. Aber das Leonberger Trio beobachtet eine zunehmende Verrohung der politischen Debatte – und hält das Internet für mitschuldig. Der Austausch gehe immer mehr verloren, dabei müsse man offen bleiben für andere Meinungen. Denn, so Aliya Obermann: „Diskussion ist das Herzstück unserer Demokratie.“
Breit informiert für die Landtagswahl in Baden-Württemberg
Für ihre Wahlentscheidung haben die Drei auf breite Information gesetzt – über soziale Medien, Nachrichten, Interviews auf Youtube und in Online-Zeitungen, im direkten Gespräch mit Politikern und mithilfe des von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg angebotenen Wahl-O-Mats. Auch die Wahlprogramme haben sie aufmerksam gelesen.
Wählen zu gehen verstehen sie als Privileg – und als Verantwortung. Nicht zu wählen sei keine neutrale Haltung, sondern stärke den Status quo. Deshalb rufen sie besonders Gleichaltrige dazu auf, ihre Stimme zu nutzen. „Schließlich sind wir die Menschen, die noch am längsten auf diesem Planeten leben werden“, sagt Aliya Obermann.