Landtagswahl 2026 Was beschäftigt Erstwähler? Überraschungen bei Podiumsdiskussion in Marbach

Die sechs Direktkandidaten im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen stellen sich den Fragen der Schüler des FSG Marbach. Foto: Andreas Essig

Am Friedrich-Schiller-Gymnasium erzwingen die Schüler einige Zugeständnisse der Landtagskandidaten. Tayfun Tok überzeugt am meisten, während AfD-Kandidat Reno Geisler überrascht.

Volontäre: Julian Meier (mej)

Auch wenn es für den Großteil der Schülerinnen und Schüler eine Pflichtveranstaltung ist, wollen viele gar nicht gehen, als der offizielle Teil vorbei ist. Nach der Podiumsdiskussion am Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) in Marbach werden die Landtagskandidaten regelrecht belagert, um individuelle Fragen zu beantworten. Da soll noch einer sagen, junge Menschen würden sich nicht für Politik interessieren.

 

Etwa 900 Schülerinnen und Schüler haben sich am Mittwochnachmittag auf den Rängen der Stadionhalle versammelt, um zu lauschen, was die Landtagskandidaten aus dem Wahlkreis Bietigheim-Bissingen zu ihren Fragen und Anliegen zu sagen haben. Ab der 10. Klasse war die Veranstaltung verpflichtend – schließlich dürfen bei der diesjährigen Landtagswahl erstmals auch die 16- und 17-Jährigen wählen.

Klima und Wirtschaft beschäftigen die Schüler

Doch was ist den Erstwählern wichtig? Die sechs Themenblöcke reichen von Sozialpolitik über Bildung, Sicherheit, Klima und Wirtschaft bis hin zu Verkehr. In der anschließenden Fragerunde kommen Fragen etwa zur Legalisierung von Abtreibungen, einer Straferhöhung für Sexualstraftäter oder Waffenlieferungen an Israel auf. Tatsächlich unterscheiden sich die Anliegen der Schüler nicht groß von denjenigen, die bereits im Berufsleben stehen.

Volle Ränge in der Stadionhalle: Die Podiumsdiskussion hat viele interessierte Schüler angelockt. Foto: Andreas Essig

Für Jakob sind die zentralen Themen im Wahlkampf Klimaschutz und Bildung. Er würde sich auch wünschen, dass Sportvereine mehr gefördert werden, um die Gemeinschaft in der Bevölkerung zu stärken. Der 17-Jährige ist selbst Mitglied im Fußball- und Schachverein.

Wiebke will einen billigeren und zuverlässigeren öffentlichen Nahverkehr, mehr Investitionen in den Klimaschutz und mehr Gleichberechtigung – damit „Frauen bessere Chancen haben“, sagt die 19-Jährige. Die 17-jährige Emilie sieht ebenfalls den Klimaschutz und die Wirtschaft als wichtig an. Und obwohl sie noch zur Schule geht, denkt sie bereits an die Rente: „Mir ist wichtig, dass ich weiß, wenn ich einmal arbeiten gehe und in die Rentenkasse einzahle, dass ich dann auch etwas rausbekomme.“

Spannende Konstellationen bei Ja-Nein-Fragen

Am aufschlussreichsten während der Podiumsdiskussion sind die Schnellfragen, auf die alle sechs Kandidaten gleichzeitig mit Daumen nach oben oder unten antworten mussten. Das bringt neue Erkenntnisse: Auf die Frage, ob sie der Einführung von Feedbackbögen zustimmen, mit denen Schüler ihre Lehrer bewerten können, stimmen alle sechs zu. Das löst großen Applaus aus.

Eine seltene Gemeinsamkeit offenbart die Frage nach Religionsunterricht an Schulen: Nur Linken-Kandidatin Ingrid Petri und AfD-Kandidat Reno Geisler sind dagegen. „Jeder kann seine Religion ausleben, aber das muss nicht in der Schule sein“, begründet Geisler seine Haltung – das sei aber seine persönliche Meinung. Petri will dagegen die Selbstentfaltung mit allgemeinem Ethikunterricht stärken. Alle anderen Kandidaten wollen am Religionsunterricht festhalten.

Abwechselnd tragen Schüler die Fragen an die Kandidaten vor. Die Podiumsdiskussion war vom Gemeinschaftskunde-Leistungskurs organisiert worden. Foto: Andreas Essig

Zu den Fragen aus dem Publikum zählt auch jene, woher das Geld für die ganzen Wahlversprechen kommen soll. Während Petri für Vermögens- und Erbschaftssteuer plädiert, will der Grünen-Abgeordnete Tayfun Tok bei den Ausgaben stärker priorisieren. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch CDU-Generalsekretär Tobias Vogt: „Wir geben zu viel Geld für Dinge aus, die wir uns nicht mehr leisten können.“ Deswegen müsse man alle Ausgaben kritisch hinterfragen.

Besonders emotional wird die Publikumsfrage nach Waffenlieferungen an Israel diskutiert. Petri ist klar dagegen. „Wir sollten uns nicht auf die Seite der Täter und Mobber stellen. Free Gaza“, sagt sie und erhält dafür ordentlich Applaus. Auch hier stimmt AfD-Kandidat Geisler mit der Linken-Politikerin überein: „Ich bin gegen jegliche Waffenlieferungen, egal wohin, denn Waffen töten.“ CDU-Mann Vogt warnt dagegen: „Wenn wir heute aufhören, Waffen zu liefern, dann wird es Israel übermorgen nicht mehr geben. Israel ist umgeben von Gegnern.“

Tayfun Tok gewinnt Schluss-Voting

Die Faktencheck-Abteilung, die die Aussagen der Kandidaten auf Richtigkeit überprüft, hat nur wenig zu tun. Einzig die Behauptung von Petri, dass ein 12-jähriges Mädchen in Bochum durch Polizeigewalt ums Leben gekommen sei, stellt sich als Falschaussage heraus – das Mädchen hatte den Bauchschuss schwer verletzt überlebt. Und bei Vogt bemängeln die Faktenchecker, dass es nicht stimme, dass Deutschland mehr Waffen aus Israel importiere als andersherum.

Trotzdem können beide Politiker überzeugen. Im abschließenden Online-Voting, welcher der Kandidaten am überzeugendsten war, landet Vogt auf Platz zwei – knapp hinter Tayfun Tok, der bei den Schülern die meisten Sympathiepunkte sammeln kann. Petri folgt mit deutlichem Abstand auf Platz drei, dicht dahinter SPD-Kandidat Daniel Haas, der in vielen Fragen mit Petri übereinstimmt. Schlusslicht ist FDP-Kandidat Paul Wien – noch hinter AfD-Mann Geisler. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er häufig recht unkonkret bleibt.

AfD-Kandidat überrascht die Schüler

Die Ergebnisse der Umfrage decken sich mit den Einschätzungen einzelner Schüler. Jakob fand Tayfun Tok ebenfalls am überzeugendsten: „Er hat gut geredet und seine Meinung gut rübergebracht.“ Überrascht hat ihn dagegen, dass „der AfD-Kandidat für Klimaschutz ist. Er war insgesamt aufgeschlossener als andere AfD-Politiker und hatte keine besonders kontroversen Meinungen“, findet er.

Auch Emilie war von Geisler „sehr positiv überrascht“. Sie erinnert sich noch an das Vorjahr, als der AfD-Bundestagskandidat bei einer ähnlichen Veranstaltung am FSG mit Verschwörungstheorien polarisiert hatte und dafür sogar ausgebuht wurde. Dementsprechend hätte die 17-Jährige andere Meinungen von Geisler erwartet. Am überzeugendsten fand auch sie Tayfun Tok – genauso wie Wiebke, die fand, dass er „sehr gut auf die Fragen geantwortet“ habe.

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