Landtagswahl im Kreis Böblingen „Dieses krasse Stimmen-Splitting ist neu“
Während die CDU zwischen Frust im Land und Freude über zwei neue Direktmandate im Kreis Böblingen schwankt, bleiben die Grünen-Abgeordneten die alten.
Während die CDU zwischen Frust im Land und Freude über zwei neue Direktmandate im Kreis Böblingen schwankt, bleiben die Grünen-Abgeordneten die alten.
Nach einem turbulenten und hoch spannenden Wahlabend gehört der Tag danach im Kreis Böblingen der Analyse: Was bedeutet dieses Ergebnis, dessen Botschaft erst bei näherer Betrachtung wirklich deutlich wird? In einer scherzhaft als „Elefantenrunde“ bezeichneten Telefonschalte auf Kreisebene sortierten die Neugewählten von der CDU und der AfD gemeinsam mit den Verteidigern des Mandats aus der Grünen-Fraktion und den Abgewählten von SPD und FDP das Votum der Wähler. Und das fällt ja durchaus zwiespältig aus.
Durch die Angleichung des Landeswahlrechts an den Bund hatten die Wähler erstmals die Möglichkeit, ihre Stimmen zu splitten. Davon machten sie rege Gebrauch, wie das Ergebnis im Landkreis zeigt. Die CDU eroberte beide Direktmandate zurück: Regina Dvořák-Vučetić holte im Wahlkreis Böblingen vier Prozentpunkte mehr Erststimmen als Thekla Walker, die im Land auf Platz eins der Grünen-Liste stand und seit 2016 als direkt gewählte Abgeordnete im Landtag sitzt.
Dass Walker als einzige der Abgeordneten im Kreis Böblingen nicht an der Telefonschalte teilnahm, ist symptomatisch: Von Anfang an gab es Stimmen, die sich mehr Vor-Ort-Präsenz der Landespolitikerin gewünscht hatten. So blieb Dvořák-Vučetić die alleinige Interpretation des Erststimmen-Ergebnisses: „Die Bürger fühlen sich mit dem Zwei-Stimmen-Wahlrecht wohl und haben es genutzt. Das spricht für ihr politisches Verständnis.“
Ihr Parteifreund Albrecht Stickel eroberte als Herrenberger CDU-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat aus dem Stand das Direktmandat im Wahlkreis 6 (Leonberg) vor Peter Seimer. Stickel: „Die Wähler haben stärker zwischen Partei und Person getrennt, die CDU ist vor Ort in der Kommunalpolitik eben stark verwurzelt“, sagt er und sieht darin den Grund für das starke Abschneiden bei den Erststimmen. Dieses Auseinanderklaffen zur Zweitstimme – dort unterlag die CDU den Grünen bekanntlich knapp – bewegt indes auch die anderen Kandidaten.
Als Grünen-Abgeordneter im Wahlkreis Leonberg war Peter Seimer über einen guten Listenplatz abgesichert und behält wie Thekla Walker sein Mandat. „Zum ersten Mal sehen wir dieses krasse Stimmen-Splitting, in dieser Deutlichkeit ist das neu“, sagt Seimer. Offensichtlich hätten viele Wähler sich gesagt: „Wir wollen Cem Özdemir als Ministerpräsident, aber trotzdem der CDU auch eine Stimme geben“, analysiert der Aidlinger. Was das für die Ökopartei bedeutet, „wird noch spannend sein herauszulesen“.
Klar enttäuscht, aber nicht zerknirscht gibt sich am Montag der bisherige FDP-Abgeordnete im Wahlkreis 6, Hans Dieter Scheerer. „Wir haben nie und nimmer damit gerechnet, mit so einem Ergebnis konfrontiert zu sein. Stattdessen sind wir fest davon ausgegangen, stabil über sechs Prozent zu landen.“ Scheerer behält seine Mandate in Kreistag und Weil der Städter Gemeinderat.
Für die AfD ziehen Christine Schäfer im Wahlkreis 5 und Andreas Auer im Wahlkreis 6 ins Landesparlament. Sie haben keine neue Botschaft für die Wähler parat, außer sich für „gute Sachpolitik“ einsetzen zu wollen.
Zwischen beiden Polen zerrieben fühlt sich Florian Wahl (SPD), der ausdrücklich den Abgeordneten Seimer, Dvořák-Vučetić und Stickel gratuliert – die AfD-Abgeordneten lässt er aus. „Für uns ist es ein absolutes Katastrophenergebnis, wir sind gerade so dem parlamentarischen Tod von der Schippe gesprungen“, sagt er. Sein Listenplatz 13 war gut, bei sieben Prozent hätte es gereicht. Außer ihm holte nur Andreas Stoch so viele Erststimmen. Doch: Es half alles nichts.
Landrat Roland Bernhard bedauerte Wahls Ausscheiden aus dem Landtag – er habe mit seiner Expertise die Debatten im Kreis bereichert. Seine Mandate in Stadt und Kreis Böblingen behalt Wahl. Als er von 2016 bis 2021 nicht im Landtag saß, arbeitete Wahl als Leiter der Stabstelle Kommunikation und Politik der kassenzahnärztlichen Vereinigung. Dorthin kehrt er zurück.
Den gewählten Abgeordneten gratulierte Bernhard – und kündigte sogleich Hausaufgaben an: „Der Forderungskatalog ist schon geschrieben.“