Wie in Backnang Jens Steinat gewinnen alle CDU-Kandidaten im Rems-Murr-Kreis ihr Direktmandat. Foto: Frank Rodenhausen
Der Vorsprung der Grünen bei der Landtagswahl schlägt sich bei den Erststimmen im Rems-Murr-Kreis nicht nieder. Alle drei Grünen-Abgeordnete verlieren ihre Mandate wieder an die CDU.
Trotz einer relativ klaren Prognose pro Grüne ist die Landtagswahl für die Kandidaten im Rems-Murr-Kreis am Ende nicht zufriedenstellend ausgegangen.
Mit knappem Vorsprung haben die Grünen im Wahlkreis Waiblingen die Nase vorn – und liegen bei der Landtagswahl am Sonntag erneut vor der CDU. 32,5 Prozent der Stimmen erhält die Partei nach einer bemerkenswerten Aufholjagd in den vergangenen Monaten, die CDU muss sich mit 30,2 Prozent zufrieden geben – wie auch die folgende Grafik zeigt:
Anders als beim Zweitstimmen-Ergebnis sieht es allerdings im Rennen ums Direktmandat aus. Nach Auszählung der 142 Wahlbezirke hat sich CDU-Mann Siegfried Lorek mit 35 Prozent der Erststimmen den Einzug als gewählter Wahlkreisabgeordneter gesichert haben. Seiner Kontrahentin Swantje Sperling bleibt mit einem Stimmenanteil von 28,1 Prozent nur der Weg über die Landesliste.
Sperling: „Ich bin froh und dankbar, aber ganz schön durch“
Der immerhin darf als sicher gelten – im parteiinternen Ranking liegt die Politikwissenschaftlerin auf dem 19. Platz. Allzu euphorisch über den erneut geglückten Sprung ins Parlament zeigt sich die in Leutenbach lebende 42-Jährige allerdings nicht: „Ich bin froh und dankbar, wenn es geklappt hat – aber jetzt ehrlich gesagt ganz schön durch“, gibt Swantje Sperling in einer ersten Reaktion zu Protokoll.
Noch in den letzten Tagen vor der Wahl hätten die Grünen rund um Waiblingen einen Haustür-Wahlkampf gemacht und alle Kräfte mobilisiert. „Wir alle haben eine krasse Aufholjagd gestemmt und als grüne Familie noch mal alles gegeben“, berichtet die in Ludwigsburg geborene Polit-Frau vom Versuch, den im Herbst noch uneinholbar scheinenden Vorsprung der CDU auf den letzten Metern noch wett zu machen.
Siegfried Lorek holt sich das Direktmandat im Wahlkreis Waiblingen zurück Foto: Gottfried Stoppel
Stimmen gewonnen hat auch die CDU: Bei 25,1 Prozent war die Partei vor fünf Jahren gelandet, jetzt sind es 30,2 Prozent – und das zurückeroberte Direktmandat.
Katzenjammer herrscht hingegen bei der FDP: Ausgerechnet im liberalen Stammland scheitern die Gelben an der Fünf-Prozent-Hürde. Mit 5,5 Prozent hätten die Liberalen im Wahlkreis Waiblingen den Einzug in den Landtag zwar knapp geschafft. Beim Landesergebnis allerdings fehlen die entscheidenden Stimmen für den Sprung über die magische Marke.
Julia Goll verliert Mandat: Frust über Wahlergebnis sitzt tief
Für den Wahlkreis Waiblingen heißt das, dass Julia Goll nicht mehr im Landtag vertreten sein wird – trotz anerkannt guter Arbeit und hoher Präsenz vor Ort. Die Bitte um eine Stellungnahme bleibt am Sonntagabend unbeantwortet – ein Zeichen, wie tief der Frust sitzen muss.
Bitter auch das Ergebnis für die SPD: 5,5 Prozent erhält die einstige Volkspartei am Sonntag sowohl im Land als auch im Wahlkreis – eine Halbierung des bisherigen Stimmenanteils. Die AfD erhält im Wahlkreis Waiblingen 16,4 Prozent der Stimmen, die Links-Partei landet bei 3,6 Prozent.
In Schorndorf holt Gehring das Direktmandat, Haußmann droht das Aus
Auch im Wahlkreis Schorndorf erobert die CDU das Direktmandat von den Grünen zurück. Kandidat und amtierender Landtagsabgeordneter Christian Gehring kommt auf 34,1 Prozent der Erststimmen und liegt damit deutlich vor dem Grünen-Kandidaten Florian Haßler, der 23,9 Prozent erreicht.
Dahinter folgen Stephan Schwarz (AfD) mit 17,3 Prozent, Jochen Haußmann (FDP) mit 8,1 Prozent, Peter Hutzel (SPD) mit 8,0 Prozent sowie Avra Emin (Die Linke) mit 4,0 Prozent. Die Wahlbeteiligung liegt bei 74,3 Prozent.
Bei den Zweitstimmen zeigt sich dagegen ein deutlich engeres Bild zwischen den großen Parteien – wie die folgende Grafik zeigt:
Bündnis 90/Die Grünen erreichen 30,9 Prozent und liegen damit knapp vor der CDU mit 30,4 Prozent. Dahinter folgen AfD (18,0 Prozent), FDP (6,3 Prozent), SPD (5,0 Prozent) und Die Linke (3,3 Prozent).
CDU-Landtagsabgeordneter und -kandidat Christian Gehring zeigte sich am Wahlabend enttäuscht über das Ergebnis seiner Partei im Land und kritisierte den Ton im Wahlkampf: „Der Stachel sitzt tief.“
Haßlers Hoffnung auf Einzug in den Landtag
Grünen-Kandidat Florian Haßler dagegen zeigte sich zufrieden mit dem Abschneiden seiner Partei: „Ich freue mich riesig über das Ergebnis – wir haben auf den letzten Metern einen überragenden Wahlkampf geführt.“ Grünen-Kandidat Florian Haßler könnte trotz der Niederlage beim Direktmandat noch über die Landesliste in den Landtag einziehen: Er steht auf Platz 14.
Für den langjährigen FDP-Abgeordneten Jochen Haußmann hingegen droht das Aus im Landtag: Obwohl er auf Platz 2 der FDP-Landesliste kandidiert, hängt sein Wiedereinzug davon ab, ob die Partei landesweit die Fünf-Prozent-Hürde überspringt.
CDU holt Wahlkreis Backnang zurück – Dämpfer für Nentwich
Auch der Wahlkreis Backnang hat wieder einen CDU-Direktabgeordneten. Der Weissacher Hausarzt Jens Steinat gewinnt das Direktmandat und beendet damit das kurze grüne Intermezzo im traditionell schwarzen Wahlkreis. Für Amtsinhaber Ralf Nentwich wird der Wahlabend dagegen zur bitteren Niederlage – auch wenn er politisch noch im Spiel bleiben könnte.
Dabei begann der Abend zunächst offen. Nach den ersten ausgezählten Gemeinden lagen CDU und Grüne noch dicht beieinander. Doch mit jeder weiteren Meldung wuchs der Vorsprung Steinats. Am Ende setzte sich der CDU-Kandidat mit 34,5 Prozent der Stimmen deutlich vor Nentwich (22,2 Prozent) durch – und holte damit den Wahlkreis zurück, der jahrzehntelang als sichere Bastion der Christdemokraten galt.
Für Steinat ist der Sieg mehr als nur ein persönlicher Erfolg. Der Allgemeinmediziner war ohne aussichtsreichen Listenplatz ins Rennen gegangen – für ihn galt deshalb: Direktmandat oder kein Landtag. Im Wahlkampf setzte er auf das Bild des pragmatischen Praktikers. Als Arzt wolle er sich vor allem für eine bessere hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum einsetzen, hatte er im Vorfeld betont.
Für Ralf Nentwich endet der Abend dagegen ernüchternd. Der Grünen-Politiker, der 2021 erstmals das Direktmandat für seine Partei gewann, musste sich diesmal klar geschlagen geben. Selbst AfD-Kandidat Daniel Lindenschmid (25 Prozent) lag bei den Erststimmen vor ihm. Nentwich könnte dennoch im Landtag bleiben: Sein Listenplatz wird wohl ausreichen, um das Mandat abzusichern.
AfD dominiert in Spiegelberg mit 35,4 Prozent der Zweitstimmen
Auffällig stark präsentierte sich die AfD im Wahlkreis. Lindenschmid gilt über die Landesliste ohnehin als gesetzt. In einzelnen Gemeinden zeigte sich die Stärke der Partei besonders deutlich. In Spiegelberg, der ersten vollständig ausgezählten Kommune im Rems-Murr-Kreis, lag die AfD mit 35,4 Prozent der Zweitstimmen klar vorn, gefolgt von der CDU mit 24,7 Prozent.
Das folgende Schaubild zeigt die Zweitstimmenanteile der AfD im Wahlkreis Backnang:
Auch für die SPD könnte der Wahlabend ein Mandat bringen. Die Backnanger Abgeordnete Simone Kirschbaum dürfte über ihren guten Listenplatz erneut in den Landtag einziehen – obwohl ihre Partei landesweit das historisch schwächste Ergebnis hinnehmen muss und zeitweise sogar um die Fünf-Prozent-Hürde zittern musste.