Landtagswahl im Rems-Murr-Kreis Wer wird die stärkste Kraft im Wahlkreis Backnang?
Nach dem historischen Sieg der Grünen 2021 steht der Wahlkreis Backnang bei der Landtagswahl erneut vor einer Richtungsentscheidung.
Nach dem historischen Sieg der Grünen 2021 steht der Wahlkreis Backnang bei der Landtagswahl erneut vor einer Richtungsentscheidung.
Der Wahlkreis Backnang war jahrzehntelang eine verlässliche Konstante im baden-württembergischen Politikkalender. Schwarz wählte man hier fast reflexhaft, die CDU stellte seit 1976 ununterbrochen den Direktabgeordneten. Dass dieses politische Naturgesetz 2021 kippte, wirkt bis heute nach. Der damalige Überraschungssieger Ralf Nentwich von den Grünen sitzt seither im Landtag – und verteidigt nun ein Mandat, das viele Christdemokraten immer noch als „verloren gegangen“ empfinden.
Am 8. März steht deshalb mehr auf dem Spiel als nur ein Sitz in Stuttgart. Es geht um politische Deutungshoheit in einer Region, die gleichermaßen ländlich geprägt ist und unter dem Druck wachsender Pendlerströme und steigender Mieten steht. Wie das Landratsamt mitteilt, treten im Wahlkreis Backnang acht Direktkandidierende an – und erstmals dürfen auch 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben. Das neue Zwei-Stimmen-Wahlrecht erhöht die Chancen auf mehrere Mandate aus der Region.
Ralf Nentwich geht als Amtsinhaber ins Rennen – ein Vorteil, den man im Wahlkreis lange nicht kannte. Der frühere Lehrer und Leiter des Kreismedienzentrums setzt auf Bodenständigkeit und Kontinuität. In seinen Antworten auf Fragen unserer Redaktion betont er immer wieder, Politik müsse „greifbar“ sein und Probleme lösen, statt sie zu verwalten. Sein zentrales Thema ist die Mobilität: Die Murrbahn, chronisch verspätet und überlastet, bezeichnet er als „Lebensader der Region“. Ihr vollständiger zweigleisiger Ausbau sei entscheidend für Pendler, Wirtschaft und Klimaschutz zugleich.
Der 44-Jährige versucht, das klassische grüne Spannungsfeld aufzulösen: Ökologie und Ökonomie sollen keine Gegensätze sein. Klimaschutz, so seine Botschaft, müsse sich rechnen, für Unternehmen ebenso wie für Kommunen. Ob diese pragmatische Linie erneut verfängt, ist offen. Sein Listenplatz 30 könnte reichen, falls er das Direktmandat verliert. Sicher ist: Er kämpft nicht aus der Defensive.
Für Jens Steinat ist die Lage klarer – und riskanter. Der Allgemeinmediziner aus Weissach im Tal steht auf keinem Listenplatz seiner Partei. Gewinnt er das Direktmandat nicht, bleibt der Weg nach Stuttgart versperrt. Der 49-Jährige inszeniert sich bewusst als Gegenentwurf zum Berufspolitiker: Arzt, Familienvater, Kreistag, Pandemieerfahrung. In seinen Antworten zieht sich ein Motiv durch: Pragmatismus statt Ideologie.
Er spricht von „Regelungswut“ und davon, dass der Staat wieder lernen müsse, den Menschen zu vertrauen. Besonders die hausärztliche Versorgung in der Fläche will er sichern – aus eigener Praxis, wie er betont. Gleichzeitig versucht Steinat, die CDU als Kraft der gesellschaftlichen Mitte zu positionieren, die Populismus von links wie von rechts entgegentreten soll. Ob ihm das gelingt, hängt davon ab, ob es der CDU gelingt, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen – und ob nostalgische Erinnerungen an frühere Wahlerfolge noch mobilisieren.
Daniel Lindenschmid muss sich um sein Mandat wenig Sorgen machen. Platz vier auf der Landesliste der AfD gilt als sicher. Dennoch tritt der 33-jährige Landtagsabgeordnete an, um das Direktmandat zu holen. Er sagt, Backnang sei einer der Wahlkreise, „in denen wir es schaffen können“. Lindenschmid setzt auf klassische AfD-Themen: Bürokratieabbau, niedrige Steuern, eine harte Linie in der Innenpolitik und ein sehr weit gefasstes Verständnis von Meinungsfreiheit.
Im Landtag ist er bekannt für aggressive Zuspitzungen, was ihm Aufmerksamkeit, aber auch scharfe Kritik einbringt. Seine Strategie ist klar: Er will das Gefühl vieler Menschen aufgreifen, dass der Staat überfordert sei und falsche Prioritäten setze. Die Frage ist weniger, ob Lindenschmid wieder einzieht – sondern wie stark die AfD im Wahlkreis tatsächlich wird und ob sie die Konkurrenz um das Direktmandat ernsthaft gefährden kann.
Simone Kirschbaum ist erst seit Oktober 2024 Landtagsabgeordnete – und wirkt doch bereits erstaunlich etabliert. Als Nachrückerin für den erkrankten Gernot Gruber kam die 52-Jährige aus Backnang eher unverhofft ins Parlament. Inzwischen genießt die Hebamme und Trauerbegleiterin offenkundig Rückhalt in der Partei. Listenplatz acht gilt als nahezu sicher.
Kirschbaum bringt konsequent ihre berufliche Erfahrung ein. Gesundheitsversorgung „von der Geburt bis zum Lebensende“ ist ihr Leitthema. Sie spricht von Politik mit Bodenhaftung, von Gesprächen am Küchentisch statt abstrakter Debatten. Ihr neues Format mit Hausbesuchen und offenen Gesprächen passt zu diesem Selbstbild. Beim Direktmandat gibt sie sich realistisch: Ein sehr gutes Erststimmenergebnis sei das Ziel – mehr nicht. Dennoch könnte sie am Wahlabend zu den Gewinnerinnen zählen.
Für Marc Juric von der FDP ist der Wahlkampf eher Visitenkarte als Eintrittskarte in den Landtag. Platz 36 auf der Landesliste ist zu weit hinten. Juric, der eine ungewöhnliche Mischung aus Bundeswehrlaufbahn, Wirtschafts- und Theologiestudium mitbringt, versucht, den Liberalismus sozial zu deuten: Freiheit bedeute auch Chancengleichheit. Der 35-jährige Backnanger argumentiert gern über Biografie: kroatische Wurzeln, Umwege, Wechsel – früher SPD-Mitglied, heute liberal. Das soll Nähe signalisieren und zugleich zeigen: Politik ist kein gerader Karrierepfad, sondern ein Lernprozess. Mandatschancen hat er kaum – aber er setzt darauf, dass die FDP im Wahlkreis wenigstens sichtbar bleibt.
Ähnlich ist die Lage bei Allegra Conrad von der Linken. Die Backnangerin kandidiert ohne Listenplatz, ihr Einzug gilt als ausgeschlossen. Dennoch nutzt sie den Wahlkampf, um soziale Themen zuzuspitzen: bezahlbare Mieten, kostenlose Kitas, kostenloser Nahverkehr. Ihre Biografie – aufgewachsen mit wenig Geld, geprägt von Pflegearbeit in der Familie – ist Teil ihrer politischen Erzählung. Die 29-jährige Sozialpädagogin aus Weissach im Tal arbeitet in der ambulanten Jugendhilfe. Wie sie in ihren Antworten mitteilt, versteht sie Politik als konkrete Alltagshilfe, nicht als Schlagwortproduktion. Ihr politischer Antrieb speist sich aus persönlicher Erfahrung und aus dem Anspruch, „dass linke Politik hilft“, wie sie formuliert.
Auch Damaris Lauffer von Volt, 32-jährige Betriebswirtin aus Welzheim, kandidiert ohne Listenplatz. Die paneuropäische Partei setzt auf kommunale Verankerung und europäische Perspektive zugleich. Volt wirbt landesweit für eine stärkere Vernetzung von Kommunen, digitale Verwaltung und evidenzbasierte Politik.
Der 35-jährige Welzheimer Mechatroniker, Regional- und Stadtrat tritt für die Piraten an. Diese setzen traditionell auf Transparenz, Datenschutz und direkte Demokratie. In Zeiten zunehmender Digitalisierung staatlicher Prozesse knüpfen sie an ihre Kernthemen an: offene Daten, Bürgerrechte im Netz und eine Verwaltung, die nachvollziehbar arbeitet.
Durch das neue Wahlrecht könnten am Ende bis zu vier Abgeordnete aus dem Raum Backnang im Landtag sitzen. Sicher erscheinen derzeit Lindenschmid (AfD) und Kirschbaum (SPD). Offen ist, ob das Direktmandat erneut an die Grünen geht oder zur CDU zurückkehrt – und ob Ralf Nentwich notfalls über die Liste abgesichert ist.
Der Wahlkreis Backnang bleibt damit, was er seit 2021 ist: kein politischer Selbstläufer mehr, sondern ein Seismogramm für die Verschiebungen im Land.