Neun Abgeordnete aus dem Rems-Murr-Kreis sitzen künftig im Stuttgarter Landtag – genauso viele wie bisher. Auf den ersten Blick wirkt das Ergebnis wie politische Statik: gleiche Zahl, gleiche Region, gleiche demokratische Bühne. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Unter der Oberfläche hat sich das Koordinatensystem verschoben.
Backnang schickt künftig gleich vier Stimmen nach Stuttgart, eine mehr als bisher. Waiblingen verliert eine, Schorndorf tauscht FDP gegen AfD. Die Mandate bleiben also, aber die Farben auf der politischen Landkarte verschieben sich. Das neue Zwei-Stimmen-Wahlrecht wirkt dabei wie ein politischer Verstärker: Es bildet nicht nur Sieger ab, sondern auch Kräfteverhältnisse.
Mehr Mandate, neue Machtverhältnisse im Rems-Murr-Kreis
Besonders sichtbar wird das im Wahlkreis Backnang. Dort kehrt die CDU mit Jens Steinat zum Direktmandat zurück, während gleich drei weitere Kandidaten über Listenplätze in den Landtag einziehen. Vier Abgeordnete aus einer Region – das ist politischer Einfluss, der künftig auch Erwartungen weckt. Wer so stark vertreten ist, kann sich später schwer herausreden.
Gleichzeitig zeigt Backnang aber auch die zweite große Geschichte dieser Wahl: den Aufstieg der AfD. Mit dem größten Stimmenzuwachs aller Parteien und rund einem Viertel der Stimmen im Wahlkreis wird sie dort zur zweitstärksten Kraft. In manchen Gemeinden liegt sie sogar deutlich vorne. Das ist kein politisches Randphänomen mehr, sondern ein Signal – und zwar ein lautes.
Der Aufstieg der AfD verändert das politische Gefüge
Während die einen wachsen, verschwinden andere fast lautlos von der Bühne. Für die FDP endet der Wahlabend im Remstal wie ein bitterer politischer Heimatfilm mit traurigem Ende. Ausgerechnet hier, im Stammland der Liberalen, scheitern die Kandidaten an der Fünf-Prozent-Hürde.
Dabei sind ihre Einzelergebnisse gar nicht so katastrophal wie die ihrer Partei. Julia Goll und Jochen Haußmann holen noch vergleichsweise respektable Werte. Doch in der politischen Mathematik zählt am Ende nur eine Zahl: fünf. Und die wird landesweit verfehlt. So verliert das Remstal zwei profilierte liberale Stimmen – nicht wegen fehlender Arbeit vor Ort, sondern wegen eines landesweiten Absturzes.
Politische Mitte schrumpft, Ränder gewinnen an Einfluss
Die Wahl im Rems-Murr-Kreis zeigt damit exemplarisch, was gerade vielerorts passiert: Die politische Mitte bleibt zwar präsent, aber sie wird enger. Während CDU und Grüne um die Spitzenposition ringen, wachsen an den Rändern neue Kräfte – und alte verschwinden.
Demokratie, schrieb einst Theodor Heuss, ist keine Glücksversicherung. Im Rems-Murr-Kreis hat dieser Satz an diesem Wahlabend eine neue Aktualität bekommen. Denn die Mandate bleiben zwar gleich – doch politisch hat sich die Landschaft spürbar verschoben.