Landtagswahl in Baden-Württemberg Zur Politik gehört auch der Fehler

Vier Bewerber für die Landtagswahl in der Barbara-Künkelin-Halle: Swantje Sperling, Sybille Mack, Julia Goll und Siegfried Lorek (von links) Foto: Gottfried Stoppel

Ein Ende des Lockdowns in Gastronomie und Einzelhandel, Pannen beim Homeschooling: Im Livestream der Wirtschaftsjunioren Rems-Murr zur Landtagswahl waren teils überraschende Wahrheiten zu hören.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Schorndorf - Mit fünf Themenblöcken – von der Verkehrspolitik bis zum Nachholbedarf bei der Digitalisierung – haben die Wirtschaftsjunioren Rems-Murr bei einer Online-Podiumsdiskussion vier lokalen Bewerbern für die Landtagswahl auf den Zahn gefühlt. Das live aus dem Hybrid-Studio in der Schorndorfer Barbara-Künkelin-Halle gestreamte Rededuell beschränkte sich am Donnerstagabend nicht nur auf bekannte Statements zur Landespolitik, sondern barg durchaus Überraschungen.

 

Dass Siegfried Lorek, CDU-Abgeordneter und einziger Mann in der Kandidatenrunde, offen über Pannen beim Homeschooling referierte, war beispielsweise so nicht zu erwarten. Und auch die Vehemenz, mit der sich Julia Goll (FDP) für ein Ende des Lockdowns in der Gastronomie und im Einzelhandel aussprach, ließ zumindest aufhorchen. „Wenn es in einem Backnanger Wohnheim eine Infektionswelle gibt, spricht nichts dafür, in Fellbach die Geschäfte zu schließen. Und es ist wirklich nicht zu verstehen, warum man jetzt nicht auf dem Marktplatz bei einer Tasse Kaffee sitzen sollte“, sagte sie – und forderte, den Ruf nach Freiheit in der Coronakrise ernstzunehmen.

Wunsch nach kontrollierter Öffnung

Mit dem Wunsch nach kontrollierter Öffnung stand Goll in der von dem Makler Andreas Ruppert moderierten Runde nicht allein. SPD-Kandidatin Sybille Mack („Viele Einzelhändler stehen buchstäblich an der Wand“) warnte massiv vor einem Ausbluten der Innenstädte. Auch Swantje Sperling (Grüne) sah durch die Kosten für die Coronakrise den Erhalt der Infrastruktur in Gefahr: „Klar, das kostet viel Geld, es werden viele Dinge hinten runterfallen. Wir müssen nur aufpassen, dass es nicht die falschen Dinge sind“, sagte sie.

Bei der Konzeption für die knapp zweistündige Diskussionsrunde für den Wahlkreis Waiblingen hatten sich die Wirtschaftsjunioren einen Kniff überlegt: Die vorbereiteten Fragen richteten sich jeweils nur an einen der vier Bewerber, die politische Konkurrenz musste sich in Zurückhaltung üben. Das führte zu einer straffen, mitunter sogar fast kurzweiligen Abhandlung der Themenblöcke, hatte aber den Nachteil, dass die Standpunkte in den seltensten Fällen wirklich vergleichbar waren. Während Sybille Mack zur Attraktivität von Handwerksberufen referierte und den vom Markt nicht beherrschbaren Wohnungsmangel in der Region beklagte, durfte sich Julia Goll der Frage widmen, ob Deutschland zu viele Politiker hat oder die Nähe zu Menschen im Wahlkreis nicht vielleicht auch von Vorteil ist.

Massiver Ausbau des ÖPNV-Angebots gefordert

Und während Swantje Sperling auf die Frage nach der Verkehrslage im Raum Backnang ein breites Mobilitätsangebot mit einem massiven Ausbau des ÖPNV-Angebots und der Verlagerung von Gütern auf die Schiene empfahl, durfte Siegfried Lorek sagen, dass die Konzentration auf E-Autos aus seiner Sicht deutlich zu kurz gesprungen ist: „Problem ist nicht der Verbrennungsmotor, sondern das, was im Tank ist.“ Ein Punkt, bei dem alle vier Landtagskandidaten zu Wort kamen, war der von der Coronakrise gerade in der Schulpolitik offenkundig gemachte Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung: Die Grüne Swantje Sperling bezeichnete es als tragische Fehlleistung, dass die Bildungsplattform Ella wegen massiver Technikprobleme gescheitert ist.

Schüler und Lehrer brauchen nötige Ausstattung

Die Liberale Julia Goll sah es als entscheidend an, dass Schüler und Lehrer mit der nötigen Hardware arbeiten können. Die Sozialdemokratin Sybille Mack verwies auf eine seit Jahren problemlos funktionierende Plattform der Volkshochschulen. „Da hätte man sich als Kultusministerin auch mal erkundigen können.“ Aus Sicht von Siegfried Lorek hat Parteifreundin Susanne Eisenmann alles richtig gemacht, als sie das Projekt einstampfen und neu auflegen ließ: „Zu einer guten Politik gehört auch, Fehler zu erkennen und zu beseitigen.“

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