Die Landtagswahl ist auch bei jungen Menschen ein Thema. Dass 16-Jährige erstmals mit abstimmen konnten, finden Sarullah Tajik und Mikail Polat ebenso gut wie wichtig.

Region: Andreas Pflüger (eas)

Satte vier Jahre liegen die beiden rein altersmäßig auseinander. Bei einer Landtagswahl waren sie dennoch zum ersten Mal stimmberechtigt, was schlicht daran lag, dass das Alter, von dem an gewählt werden konnte, von 18 auf 16 gesenkt wurde – und jetzt beide durften. Während der 20-jährige Sarullah Tajik am Sonntag im Quartiersbüro in der Weiler Lukaskirche abstimmte, wählte der 16 Jahre alte Mikail Polat im Wahllokal in der Realschule Oberesslingen.

 

Die beiden Schüler – Tajik besucht die Käthe-Kollwitz-Schule, Polat seine „Wahllokal-Schule“ – kennen sich aus dem Esslinger Jugendhaus Nexus und freuen sich, dass sie dieses Mal stimmberechtigt waren. „Für mich ist das eine große Sache“, sagt der Ältere, der bereits 2024 bei der Kommunal- und der Europawahl sowie im vergangenen Jahr bei der Bundestagswahl mitreden konnte. „Viele denken zwar, dass sie keinen Einfluss haben, man muss sich aber einbringen und das möglichst früh“, fügt Tajik hinzu.

Polat: Ein bisschen aufgeregt war ich schon

Polat hat für sich selber festgestellt, dass sein politisches Interesse, das immer schon da war, durch das Wahlrecht gestiegen ist. „Ich habe mich dieses Mal mit den Parteien, die zur Landtagswahl antraten und auch mit den Kandidaten im Wahlkreis Esslingen beschäftigt“, erklärt er. Ein bisschen aufgeregt sei er vor seiner Premiere zwar schon gewesen, ergänzt er, „aber dass wir jetzt mit 16 wählen durften, finde ich toll“. Polat hat sich in zahlreiche Themen reingefuchst und dabei festgestellt, „dass viele Parteien Mist bauen“. Zumindest ein wenig hoffe er, mit seiner Stimme dazu beizutragen, das zu ändern.

Apropos wenig: Die Zahl der wahlberechtigten 16- und 17-Jährigen in Baden-Württemberg lag diesmal bei 2,2 Prozent, was in etwa dem Anteil der über 80-Jährigen entspricht. Dennoch ist es für Tajik kein Argument, sich zu entziehen. „Viele Dinge sind einem zwar fern, letztlich aber doch so nah, weil es einen direkt betrifft“, betont der junge Mann, der sich deshalb auch im Esslinger Jugendgemeinderat engagiert.

Tajik: Natürlich gibt es welche, denen das alles egal ist

Gerade die aktuellen Entwicklungen würden zeigen, wie wichtig es sei, gehört zu werden, fährt er fort und nennt als Beispiel die Einführung des freiwilligen Wehrdienstes. „Da haben junge Menschen, auch wenn einige jetzt vielleicht noch Witze darüber machen, eine völlig andere Meinung als ältere, weshalb es für mich wichtig ist, das Bürgerrecht zum Wählen zu haben“, sagt Tajik.

Dass nicht alle ihrer Altersgenossinnen und -genossen das genauso sehen, wissen die beiden Jungwähler sehr wohl: „Natürlich gibt es welche, denen das alles egal ist, aber auch viele, die sich interessieren, weil sie dieses Mal gefragt waren“, weiß Polat, der zugleich davor warnt, sich allein durch Social-Media-Werbevideos leiten zu lassen. „Das ist gefährlich, wenn das als einzige Quelle benutzt wird“, ist er überzeugt.

Jugendhäuser leisten auch demokratische Bildungsarbeit

Tajik weist auch den oft gehörten Vorwurf zurück, dass junge Leute alle zwei Wochen ihre politische Meinung ändern. „Man hat Wünsche, Ziele und Ansichten, die gleich bleiben.“ Klar, da ändere sich auch mal was, das sei aber bei Erwachsenen nicht anders. Und auch er warnt vor den einschlägigen Online-Plattformen: „Da basiert viel auf Sympathie oder Antipathie, aber nicht aufgrund politischer Standpunkte, sondern wegen individueller Einschätzungen, ob einem die Nase einer Person gefällt oder nicht.“

Um objektive und vor allem verständliche Informationen bemüht sich indes das Jugendhaus Nexus, was die beiden Jungwähler explizit loben. Die Einrichtung des Esslinger Kreisjugendrings leistet demokratische Bildungsarbeit und macht dazu, wie die Sozialpädagogin Sinem Yüksel betont, „niederschwellige Angebote“. So auch vor der Landtagswahl. „Wir haben mit unseren Jugendlichen gesprochen, warum es wichtig ist, zu wählen und haben unter anderem den Wahl-O-Mat nicht nur erklärt, sondern auch in eine einfachere Sprache übersetzt“, sagt Yüksel. Und dabei wurden nicht nur die Themen angegangen, die die Nexus-Besucherinnen und -Besucher direkt betreffen.

Für Sarullah Tajik zeigt das vor allem eines: „Wenn die Politik in finanziell schwierigen Zeiten als Erstes bei sozialen Einrichtungen spart, ist das die falsche Ecke.“

Ergebnisse der Landtagswahl von 2021 im Kreis Esslingen

Prozente
Bei der Landtagswahl am 14. März 2021 hatten im Landkreis Esslingen die Grünen mit 35,9 Prozent die Nase vorn. Die CDU kam auf 23,3 Prozent, gefolgt von der SPD, die es lediglich auf 11,9 Prozent brachte. Für die FDP votierten vor fünf Jahren 10,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler, während die AfD 9,9 Prozentpunkte erreichte. Die Linke, der dieses Mal Chancen auf einen Einzug ins Parlament eingeräumt werden, kam 2021 auf 3,0 Prozent.

Abgeordnete
Vertreten wird der Kreis Esslingen im Landtag bisher durch insgesamt acht Abgeordnete. Dies sind: Winfried Kretschmann, Andrea Lindlohr und Andreas Schwarz (alle Grüne), Andreas Deuschle und Natalie Pfau-Weller (beide CDU), Nicolas Fink und Andreas Kenner (beide SPD) sowie Dennis Birnstock (FDP).