Die Umfrage ist frisch, der Wahlkampf läuft. Bei der Podiumsdiskussion des Handwerkstags zeigen die Spitzenkandidaten, wie sie mit Rückenwind und Gegenwind umgehen.
Es ist ein besonderes Publikum, vor dem die Spitzenkandidaten an diesem Abend sitzen. Jeder zehnte Wähler, so betont es der Baden-Württembergische Handwerkstag gern, ist ein Handwerker. Ihre Stimmen sind also entscheidend, wenn am 8. März ein neuer Landtag gewählt wird.
Und es ist ein besonderes Timing: Wenige Stunden zuvor war der aktuelle Umfrage des BWTrends von Stuttgarter Zeitung und SWR veröffentlicht worden. Die CDU liegt mit 29 Prozent unverändert vorn und könnte damit stärkste Kraft werden. Die Grünen holen auf: Mit 23 Prozent verbessern sie sich deutlich und ziehen wieder an der AfD vorbei, die bei 20 Prozent liegt. Deutlich abgeschlagen folgen SPD (8 Prozent), FDP (5 Prozent) und die Linke, die allerdings mit 7 Prozent erstmals Chancen auf den Einzug in den Landtag hätte. Koalitionsoptionen? Genau eine: Schwarz-Grün.
Aber es sind noch sechs Wochen bis zur Wahl. Und so hält das Umfrageergebnis CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel nicht davon ab, sich am grünen Konkurrenten Cem Özdemir abzuarbeiten. Hagel wirft den Grünen vor, kurz vor der Wahl plötzlich zu versprechen, was in den vergangenen Jahren nicht gelungen sei. „Zuerst kommt das Land, dann die Partei“, sagt er – und schiebt hinterher: „Jetzt soll plötzlich alles gehen.“ Özdemir kontert scharf. Zehn Jahre lang habe die CDU das Wirtschaftsressorts verantwortet, sagt er, Verantwortung lasse sich nicht einfach abschütteln. Wer Bürokratieabbau ernst meine, müsse Kommune, Land und Europa zusammendenken und auch die Opposition einbinden. FDP-Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke frotzelt, zum Glück gebe es in Baden-Württemberg keine Zwangsehe. Auch wenn die Umfragen das noch nicht hergeben, sähe er die Grünen gern in der Opposition und hofft auf eine Deutschlandkoalition mit CDU, SPD und FDP.
Geladen sind neben Özdemir und Hagel die Spitzenkandidaten SPD und FDP – Andreas Stoch und Hans-Ulrich Rülke – sowie die Spitzenkandidatin der Linken, Kim Sophie Bohnen. Lediglich AfD-Kandidat Markus Frohnmaier fehlt trotz Einladung. Seine Partei hat an dem Abend die Bundesvorsitzende Alice Weidel zum Wahlkampfauftakt in Heilbronn zu Gast.
Özdemir spricht nach der Umfrage von einem „ermutigenden Zwischenschritt“. Mehr will er aus dem Plus von drei Prozentpunkten nicht machen. „Das ist jetzt noch nicht das Ergebnis“, sagt er, fast demonstrativ nüchtern. „Am Ende setzt sich durch, was gut ist.“ Das Rennen sei offen, die kommenden Wochen entscheidend. Zuversicht, ja – Selbstzufriedenheit, nein. Später jedoch schiebt er die Bescheidenheit beiseite und spricht davon, was er „als Ministerpräsident“ so vorhätte.
Die FDP steht mit fünf Prozent weiterhin an der Schwelle zum Wiedereinzug in den Landtag. Hans-Ulrich Rülke gibt sich unerschütterlich routiniert. „Ich bin das schon gewohnt“, sagt der dienstälteste Fraktionschef im Landtag. Er erinnert an frühere Wahlkämpfe, in denen die Liberalen ähnlich schlecht dastanden und am Ende doch zweistellig abschnitten. „Das ist kein Naturgesetz“, räumt er ein. Aber noch seien sechs Wochen Zeit, „ein bisschen dafür zu arbeiten“.
Historische Höhen und Tiefen
Deutlich schwerer fällt die Einordnung der Zahlen der SPD. Mit acht Prozent liegt sie auf einem historischen Tiefstand. Parteichef Andreas Stoch spricht offen von einer Zahl, „die einen nicht gerade motiviert“. Zugleich verweist er darauf, dass der Wahlkampf bei vielen Menschen noch nicht angekommen sei. Die Diskussion um Wirtschaft und Arbeitsplätze werde erst in den kommenden Wochen ihre Wirkung entfalten, hofft Stoch.
Bei der Linken ist die Stimmung gelöster. Sieben Prozent würden erstmals den Einzug in den Landtag bedeuten. Spitzenkandidatin Kim Sophie Bohnen spricht von „enormem Rückenwind“ – und von einer Bestätigung. „Baden-Württemberg braucht eine Linke im Landtag“, findet sie. Die Umfrage liest Bohnen weniger als Momentaufnahme sondern als Auftrag.