Landtagswahl Wie Baden-Württemberg den Spitzenplatz der Forschung sichern will

Diesem Robo-Hund ist Forschungsministerin Petra Olschowski in Tübingen begegnet. Foto:  

Die Forschung im Land belegt Spitzenplätze. Doch der angestammt Platz ist nicht unangefochten. Das Land wappnet sich gegen neuen Wettbewerb und will Zukunftsfelder erschließen.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Auf den ersten Blick ist Baden-Württembergs Hochschul- und Wissenschaftssystem top aufgestellt. Bei vielen Indikatoren belegt der Südwesten mit all seinen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen Spitzenplätze. Nach den jüngsten Daten des Statistischen Landesamts flossen 2023 gut 36 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (F+E) – weit mehr als in allen anderen Bundesländern. Das waren 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – im Bundesschnitt sind es 3,2 Prozent. Zum Vergleich: Europäische Statistiken beziffern den F+E-Anteil am Bruttoinlandsprodukt in den USA auf 3,5 Prozent.

 

Wo die Forschung aus dem Land die Nase vorne hat

Dass die hiesigen Hightech-Unternehmen und der Mittelstand auf eine exzellente Forschungsinfrastruktur angewiesen sind, ist eine der langen Leitlinien der Hochschul- und Forschungspolitik im Land, unabhängig davon, welche Partei den zuständigen Minister stellte. Die hohen Investitionen in die Innovationsfähigkeit, die Land, Bund und die Unternehmen (die mit zuletzt 30 Milliarden Euro den Löwenanteil schultern) gemeinsam finanzieren, zahlen sich nach wie vor aus: Beim europäischen Innovationsindex, einem wichtigen Gradmesser für die Leistungsfähigkeit der Forschungsregionen, liegt Baden-Württemberg unter sechzig Konkurrenten mit einem Wert von 76,5 Punkten erneut auf dem ersten Rang – gefolgt von Südholland (63,8) auf dem zweiten und Bayern als nächstbestem deutschen Wettbewerber (60,3) auf dem fünften Platz.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass andere Regionen aufholen und Baden-Württemberg bei der Innovationsdynamik nur noch den zehnten Rang innehat. Allein für sich genommen, ist das noch kein Alarmzeichen. Aber es ist ein Indiz dafür, dass auch der Spitzenreiter Baden-Württemberg in einer Dynamik steckt, die der Wissenschaftsrat in einem Grundlagenpapier über Lage und Aussichten der deutschen Forschungslandschaft als besorgniserregend beschrieben hat.

Deutschland droht zurückzufallen

„Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040“ heißt das Papier. Es beschreibt die Wissenschaft weltweit in einem fundamentalen Wandel, in dem andere Weltregionen – insbesondere China – „eine zentrale Rolle“ spielen. Während die USA und Großbritannien ihre Spitzenplätze laut dieser Expertise halten können, drohen Deutschland und Europa zurückzufallen. Als eine zentrale Schwäche wird genannt, dass Deutschland „in der Forschung zu Schlüsseltechnologien der Zukunft nicht genügend Schlagkraft und Dynamik aufbringt“. Beim zentralen Zukunftsthema Künstliche Intelligenz etwa habe die Wissenschaft „die massive Beschleunigung und Ausweitung des Feldes in den letzten Jahren nicht mitgestaltet“. Sie sei „im Blick auf weltweit sichtbare KI-Modelle oder auf Patente derzeit wenig sichtbar“. Insgesamt sieht der Wissenschaftsrat die deutsche Forschung und Entwicklung zu stark „auf die Verbesserung bereits bestehender Produkte und Dienstleistungen“ und auf die Weiterentwicklung reifer Technologien ausgerichtet, „anstatt auf neue Hochtechnologiebranchen mit hohem Wachstumspotenzial“.

Unwucht zwischen Traditions- und Zukunftsthemen

Schaut man sich die Forschungsfinanzierung im Land genauer an, gibt es Hinweise, dass dieses Problem auch Baden-Württemberg betrifft: 47 Prozent der Mittel von Unternehmen – sie stemmen einen Anteil von achtzig Prozent der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen im Südwesten – kamen laut den Landesstatistiken aus der Autoindustrie. Eigene Zahlen für KI werden nicht erfasst. Doch für Information und Kommunikation, wo laut Statistischem Landesamt ein großer Teil der KI-Investitionen verbucht wird, wurden lediglich elf Prozent der Forschungsgelder von Unternehmen ausgegeben.

Um Innovationskraft in Zukunftsfeldern aufzubauen, haben Wissenschaftsministerin Petra Olschowski und ihre Vorgängerin Theresia Bauer (beide Grüne) seit 2016 sechs Innovationscampusse initiiert. Der erste war das Cyber Valley in Tübingen, das mittlerweile ergänzt wird durch den rasant wachsenden Innovationspark für künstliche Intelligenz (IPAI) in Heilbronn. Weitere Themen sind Quantencomputing, Mobilität und Produktivität, Gesundheit- und Lebenswissenschaften sowie Nachhaltigkeit.

Zuletzt wurden Grundlagen für einen weiteren Innovationscampus für Verteidigung gelegt. In diesen Einrichtungen werden Grundlagen- und angewandte Forschung eng verzahnt; Hochschulen, Unternehmen und außeruniversitäre Forschungsinstitute arbeiten in einem gemeinsamen „Ökosystem“ zusammen. Mit dieser Strategie hat die Landesregierung Weichen gestellt, um bei gewachsenen Unwuchten gegenzusteuern und damit eine aktuelle Empfehlung des Wissenschaftsrat zur Zukunftssicherung der Forschung bis 2040 vorweggenommen.

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