InterviewLandwirt Willi Kremer-Schillings Tierhaltung in der Kritik

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Im Zentrum der Kritik steht meist die Tierhaltung.
Die Tierhaltung hat ohne Zweifel ein massives Problem. Schnäbel kürzen beim Geflügel, Schwänze kupieren bei Schweinen, betäubungslose Kastration bei Ferkeln – das sind Praktiken, die man einem Nichtlandwirt nur schwer erklären kann. Manchmal frage ich mich allerdings, ob der das überhaupt erklärt bekommen will. Aber wenn mehr Bauern an die Öffentlichkeit gehen, wird es auf jeden Fall einfacher, grundlegende Zusammenhänge zu vermitteln: dass man dem Schwein mehr Platz im Stall lassen oder weniger Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel einsetzen könnte, wenn die Verbraucher mehr für Lebensmittel zahlen würden. Der Marktanteil von Biofleisch liegt etwa bei Geflügel bei gut einem Prozent. Das ist absurd wenig, wenn man bedenkt, dass wir zehn Prozent grüne Wähler haben, die doch eigentlich alle Bio kaufen müssten.
Ist das wachsende Interesse der Öffentlichkeit nicht auch eine Chance für die Bauern?
Ist es wirklich Interesse? Wenn Sie jemandem ein Mikrofon hinhalten und fragen „Wie stehen sie zu Massentierhaltung?“, sagt doch jeder, dass er dagegen ist. Wenn man ihn dann fragt, bei wie viel Tieren Massentierhaltung eigentlich beginnt, kann er schon nicht antworten.
Der Bioanbau genießt ein höheres Ansehen. Sollten mehr Landwirte umstellen?
Das ist eine Überlegung wert. Das Ganze muss sich aber am Ende rechnen. Vom guten Gefühl allein kann ich nicht leben, auch nicht als Biobauer. Wo ich auf jeden Fall Chancen sehe, ist die Produktion von Nahrungsmitteln, die es nicht überall gibt – ob Bio oder nicht, ist erst mal sekundär. Wir haben im Garten testweise Haferwurzel, Salatchrysantheme und Spornblume kultiviert – alles essbare Pflanzen. Auf dem Acker haben wir im kleinen Rahmen alte Kartoffelsorten wie Bamberger Hörnchen oder Blauer Schwede angebaut – und letztere für drei Euro je Kilo verkauft. So muss sich halt jeder seine Nische suchen.
Haben die Agrarsubventionen dazu geführt, dass die Bauern zu wenig über neue Produktionsrichtungen nachdenken?
Das ist sicher ein Punkt. Ganz ohne Grund werden die Subventionen aber nicht bezahlt. Wir müssen ja dafür auch eine Reihe von Auflagen bei der Produktion einhalten. Das schränkt unsere Wettbewerbsfähigkeit ein. Ohne zusätzliches Geld von der EU wäre unser Betrieb ziemlich bald weg vom Fenster. Rund 30 Prozent unseres landwirtschaftlichen Einkommens stammen aus Subventionen. Bei anderen sieht es ähnlich aus. Würde die Streichung der Subventionen mit höheren Preisen ausgeglichen, wäre das kein Problem. Wenn die Erzeugerpreise ein Drittel höher wären, müssten die Lebensmittelpreise für die Kunden wahrscheinlich um weniger als zehn Prozent steigen.
Wie wollen Sie höhere Preise durchsetzen? Wir leben in einer Marktwirtschaft.
Da sind wir ganz schnell bei den Handelsketten und beim Kartellamt. Das hätte nie zulassen dürfen, dass wir unsere Lebensmittel nur noch von vier großen Ketten bekommen, die die Preise nach Belieben drücken können.
Immerhin machen die großen Ketten mit bei der Tierwohl-Initiative für bessere Haltungsbedingungen in Schweine- und Geflügelställen.
Das tun die nicht aus Überzeugung, sondern weil sie sich ein gutes Image davon versprechen. Trotzdem finde ich es gut, dass endlich mal die gesamte Ernährungswirtschaft an einem Tisch sitzt. Doch dass die Ketten sich angesichts des viel zu niedrigen Aufschlags von gerade mal vier Cent pro Kilo Fleisch derart geziert haben, kann ich nicht verstehen. Ein Problem ist auch, dass das weitgehend im Hintergrund läuft. Fragen Sie doch mal Verbraucher, ob sie schon mal was von der Tierwohl-Initiative gehört haben!