Tierwohl ist ein großes Thema: Die Tiere, die oder deren Produkte der Verbraucher verspeist, sollen wenigstens ein gutes Leben haben. Doch sind die Verbraucher auch bereit, dafür mehr zu bezahlen? Und braucht es neue Labels fürs Tierwohl? Bei beidem sind die Landwirte im Kreis Esslingen skeptisch.
Eines wird schnell klar bei der Recherche: Eine Massentierhaltung, wie sie immer wieder in der Kritik steht, gibt es eher in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen als in Baden-Württemberg. Das liegt an den traditionellen, gewachsenen Strukturen, aber auch an der Besiedlungsdichte. Rund um Stuttgart finden sich eher kleinere Betriebe, darunter viele Selbstvermarkter.
Die Schweine werden auf Stroh gehalten
Familie Seifried vom Waldwiesenhof in Altbach hält ihre 80 bis 100 Schweine auf Stroh und verkauft deren Fleisch und Wurst komplett über die eigene Theke. Selbst schlachten darf sie seit 2009 nicht mehr – nachdem eine neue EU-Verordnung in Kraft getreten war. Den Weg zum relativ kleinen Göppinger Schlachthof hält Ulrike Seifried aber für vertretbar. „Bei uns kommen die Leute auf den Hof und wissen, was sie kaufen“, sagt sie. „Unsere Kunden achten schon auf die Haltungsbedingungen, die fragen auch nach und dürfen in den Stall schauen.“ Auch das verschiedene Geflügel kann man vor Ort erleben. Der Direktverkauf bringe natürlich einen höheren Erlös, allerdings benötige man dafür zusätzliche Mitarbeiter: „Das sind ja auch wieder Ausgaben“, sagt Seifried.
Ein Hofladen „läuft nicht nur nebenher“
So ein Hofladen „läuft nicht nur nebenher“, bestätigt Christoph Eberhardt vom Berghof in Deizsau, sondern sei mit viel Aufwand verbunden. Familie Eberhardt hält eine Herde Freilandhühner draußen auf der Wiese, eine zweite Hühnerherde lebt im Stall in Bodenhaltung – wobei es denen nicht schlechter gehe. „Technisch funktioniert das genau gleich“, sagt Eberhardt, die Tiere hätten so oder so ausreichend Platz; Sauberkeit und gesunde Ernährung seien garantiert. Eine von beiden Herden werde zudem nach dem Bruderhahn-Prinzip gehalten. Das bedeutet, dass eine Abgabe gezahlt wird, damit auf einem anderen Hof männliche Küken – „Brüderhähne“ – großgezogen werden. Auch das können die Kunden durch den Kauf der entsprechenden Eier unterstützen. Gerade bei Eiern scheint es zu funktionieren, dass viele Verbraucher ein paar Cent mehr bezahlen für „glückliche Hühner“ – vielleicht, weil sie beim Kauf eine klare und nachvollziehbare Wahl haben.
Bei der Milch ist das schwieriger. Deren Preis sei seit Jahren „relativ gleichbleibend“, sagt Andreas Friesch aus Esslingen-Sulzgries, während Maschinen, Ersatzteile und Nebenkosten immer höher zu Buche schlügen. Er hat die Zahl seiner Kühe in den vergangenen Jahren deutlich reduziert, sodass er nur noch eine Arbeitskraft zu 50 Prozent benötigt: Mehr sei nicht bezahlbar. Über eine „Milchtankstelle“ vermarktet er zumindest einen Teil der Milch direkt an die Kunden, die Eier gehen fast komplett in die Selbstvermarktung.
Bei schönem Wetter dürfen die Kühe raus
Natürlich brauche man gewisse Standards, sagt Traugott Fetzer vom Neuwieshof in Aichwald. Aber die seien mit dem Tierschutzgesetz und dem Qualitätsmanagement Milch gegeben. Für seinen Hof gälten zusätzlich die erhöhten Anforderungen der Molkerei Landliebe. Bei schönem Wetter dürfen die Kühe raus auf die Weide, bei Hitze bleiben sie unterm Dach, wo sie sich frei bewegen können. Auch Bullen und Kälber, einige Schweine und Schafe leben hier, die Hühner spazieren teilweise frei herum. Für Fetzer ist das mehr eine ethische Frage als eine von Vorschriften: „Wir leben ja mit den Tieren“, sagt er und schaut einer Kuh zu, die sich mit offensichtlichem Vergnügen an einer aufgehängten Bürste rubbelt. Abgesehen davon habe man mit guter Haltung weniger Tierarztkosten und eine höhere Milchleistung: „Das ist ganz eindeutig.“ Zusätzliche Label hält er für wenig sinnvoll. „Der Handel versucht sich damit zu profilieren und bezahlt nicht dafür.“ Bei den Bauern komme nichts an, im Gegenteil, sie „sollen investieren, aber wissen nicht, wie lange es gilt – in zehn Jahren kann alles wieder anders sein.“ Für alle genannten Höfe rund um Esslingen gilt: Sie haben eine überschaubare Größe und wirtschaften verbrauchernah; die Kunden können sich ein eigenes Bild von der Tierhaltung machen.
Eigentlich ist das ein Privileg, nicht jeder habe die Möglichkeit, direkt auf einem Hof einzukaufen, gibt Ulrike Seifried zu bedenken. Und die Zahl der Höfe schrumpft, gerade die Tierhaltung geht stark zurück. Wenn man dann am Ende Lebensmittel aus dem Ausland importieren müsse, habe man gar nichts gewonnen, sagt Seifried.
In Deutschland gibt es kein staatliches Tierwohllabel
Kennzeichnung
Ein staatliches Tierwohlkennzeichen gibt es in Deutschland nicht. Darüber diskutiert wird schon seit Jahren, allerdings gibt es auch schon vor der Einführung Kritik. So beanstanden Tierschutz- und Verbraucherverbände, dass es sich lediglich um eine freiwillige Kennzeichnung handeln soll. Zudem seien die Verbesserungen gegenüber den bereits bestehenden Vorgaben des Tierschutzgesetzes minimal.
Label
Verschiedene Organisationen und Verbände haben eigene Labels geschaffen, was die Verbraucher aber eher verwirrt. So gibt es das Label der Initiative Tierwohl (mit vier Stufen), einem Zusammenschluss der Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und mehrerer Lebensmittelketten. Der Deutsche Tierschutzbund hat das Label „Für mehr Tierschutz“ mit zwei Stufen entwickelt. Weitere Label sind „Neuland“ oder „Tierschutz kontrolliert“, ebenso enthalten die Bio-Marken Tierwohlkriterien.