Landwirtschaft auf den Fildern Nur noch ein Bruchteil der Rinder von 1979

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Die Filderebene ist von dem Rückgang der Kühe viel stärker betroffen als andere Gegenden. Woran liegt das?

Klaus Wais ist Demeter-Bauer in Stuttgart-Riedenberg. Er hält aktuell noch 28 Tiere. Auch, um eigenen Dünger für seine Felder zu produzieren. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Klaus Wais ist Demeter-Bauer in Stuttgart-Riedenberg. Er hält aktuell noch 28 Tiere. Auch, um eigenen Dünger für seine Felder zu produzieren. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Filder - Das muss man sich mal vorstellen: Vor gut 40 Jahren, im Jahr 1979, hielten noch ganze 91 landwirtschaftliche Betriebe in Stuttgart Rinder – insgesamt mehr als 2100 Stück. Seitdem hat sich die Zahl drastisch verringert: Im November 2019 gab es laut dem Herkunftssicherungs- und Informationssystem Tier (HIT) nur noch 20 Rinderhalter mit insgesamt 864 Tieren. Bereits um die Jahrtausendwende ist die Anzahl der Rinder in Stuttgart auf unter 1000 gesunken.

In Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen ist der Rückgang noch extremer: Lebten 1979 noch knapp 2100 Rinder in Filderstadt, waren es 2016 nicht einmal mehr 300. In Leinfelden-Echterdingen ist die Anzahl im selben Zeitraum von 1600 Rindern auf etwas mehr als 200 geschrumpft. Das ist ein Rückgang von beinahe 90 Prozent. Vermutlich sind es inzwischen noch weniger Tiere, aktuellere Zahlen gibt es für die einzelnen Filderkommunen nicht, lediglich für den gesamten Landkreis Esslingen, wo es im November 2019 noch gut 200 Rinderhalter mit etwas mehr als 8500 Tieren gab.

Die Filderebene ist damit verhältnismäßig viel stärker betroffen als der Rest Baden-Württembergs. Denn insgesamt hat sich die Anzahl der Rinder in den vergangenen 40 Jahren etwa halbiert: Waren 1979 noch mehr als 1,8 Millionen Rinder im Land gemeldet, waren es laut dem HIT im Jahr 2019 noch knapp 950 000.

Für Grünlandflächen sind Rinder ideal

Einer, der noch Rinder hält, ist Klaus Wais in Riedenberg, einem Stadtteil von Stuttgart-Sillenbuch. Doch auch er wirft gleich ein: „Eigentlich würde man das heutzutage nicht mehr machen.“ Er hat aber einige „absolute Grünlandflächen“, auf denen sich weder Getreide noch Gemüse anbauen lasse. Deshalb lässt er dort Kleegras wachsen, mit denen er die Rinder füttert und welches zugleich den Humusgehalt im Boden erhöht. Humus im Ackerboden ist unerlässlich, um der Klimaerwärmung und den zunehmenden Trockenphasen zu begegnen.

Als Demeter-Bauer achtet Klaus Wais außerdem auf einen möglichst geschlossenen Kreislauf. Die insgesamt 28 Tiere hält er auch, um eigenen Dünger für seine Felder zu produzieren. Mit etwa 18 Monaten kommen seine Rinder dann zu einem Bio-Metzger, der sie schlachtet. Portioniert und verkauft wird das Fleisch direkt am Hof, jedoch nur auf Bestellung. Das Fleisch ist für ihn ein Nebenerwerb, sein Fokus liegt auf Gemüse und Getreide.

Landwirte werden zur Spezialisierung gezwungen

Doch woran liegt es seiner Meinung nach, dass immer weniger Betriebe Rinder halten? „Man wird in der Landwirtschaft immer mehr zur Spezialisierung gezwungen.“ Alles zu machen – also Ackerbau, Gemüseanbau und Tierhaltung – könne kein Betrieb mehr leisten. „Man muss sich für einen Bereich entscheiden.“ Und wer seinen Fokus auf die Viehhaltung lege, müsse expandieren. 20 Kühe lohnten sich für niemanden mehr, 120 schon eher.

Der Rückgang der Rinder hat auch mit der enormen Steigerung der Milchleistung zu tun. Um eine bestimmte Menge an Milch zu bekommen, braucht es heute viel weniger Kühe als früher. Während laut der Statistikplattform Statista eine Kuh um das Jahr 1900 durchschnittlich 2165 Kilogramm Milch pro Jahr gab, so waren es vergangenes Jahr 8250 Kilogramm. Die Tiere wurden so stark hochgezüchtet, dass sie ein Vielfaches von dem an Milch geben, was eigentlich natürlich wäre – nämlich so viel, um ihr Kälbchen zu versorgen.

Flächenfraß auf den Fildern besonders eklatant

Ein weiterer Grund für den Rinderrückgang, der speziell für die Filderebene gilt, ist der Flächenfraß. Der Stuttgarter Flughafen wurde über die Jahrzehnte immer größer. 2007 wurde außerdem die neue Messe auf den Fildern eröffnet. Zugleich haben viele Firmen expandiert oder sich in der Umgebung neu angesiedelt – Stichwort Synergiepark in Vaihingen/Möhringen. Dadurch ging immer mehr landwirtschaftlicher Boden verloren. Und der Flächenfraß geht weiter: Das Projekt Stuttgart 21 verschlingt allein circa 40 Hektar auf den Fildern. Und die Verkehrsdrehscheibe mit ICE-, S-Bahn- und Stadtbahnhalt, die am Flughafen gebaut wird, erhöht den Druck noch weiter.

Frust unter den Landwirten lösen zudem sogenannte ökologische Ausgleichsflächen aus: Zuerst müssen die Bauern Böden für Bauprojekte hergeben, danach Flächen für Ausgleichsmaßnahmen. So schlägt jede Baumaßnahme beinahe doppelt durch.

Manche geben aufgrund der Auflagen auf

Und es gibt noch einen Grund, warum die Rinderhaltung auf den Fildern immer seltener wird: die Bürokratie. „Ein Kollege von mir hat kürzlich seine Rinderhaltung aufgegeben, weil die Auflagen immer umfangreicher wurden“, berichtet Klaus Wais. Biobauern hätten es diesbezüglich noch schwerer, weil sie höhere Bestimmungen zu erfüllen hätten – etwa in Bezug auf Platz und Auslauf. Um den geschlossenen Kreislauf trotzdem zu gewährleisten, auch wenn Bauern keine eigenen Tiere mehr haben, würden viele mit anderen Betrieben kooperieren. Nur: Auf die Anzahl der Rinder hat dies freilich keinen positiven Einfluss.




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