Landwirtschaft Bruderhahn und Schwesterhenne

Von Bernd Eberhart 

Das Töten männlicher Küken schockt viele Verbraucher. Eine neue Züchtung soll Abhilfe schaffen. Doch dabei gibt es einen wichtigen Punkt, der dem möglichen Erfolg im Weg steht.

Das Zweinutzungshuhn kann mehr als Eier legen. Foto: dpa
Das Zweinutzungshuhn kann mehr als Eier legen. Foto: dpa

Stuttgart - Noch vor 60 Jahren nahm man die Hühner, wie sie eben aus ihren Eiern schlüpften. Die Hennen legten Eier, die Gockel landeten im Topf. Damals waren allesamt Zweinutzungshühner. Seitdem schufen die Züchter zwei Typen von Hühnern: zum einen die Mastbroiler, dicke, kompakte Rassen, die schnell Fleisch ansetzen, vor allem an der Brust. Hennen und Hähne stehen beide im Stall, picken 32 Tage lang Körner und Proteinfutter und beenden ihr kurzes Hühnerleben auf der Schlachtbank. Zum anderen die Legehennen, magere Vögel, die ihre ganze Energie in Eier stecken. Gut 320 Stück im Jahr schafft eine moderne Hybrid-Legehenne. Nach anderthalb Jahren landet das ausgebrannte Tier im Suppentopf.

Für die Gockel ist kein Platz in diesen Ställen. Eier haben sie nicht beizusteuern, und in Sachen Fleischproduktion sind die Legerassen völlig ineffizient. Nach gängiger Praxis wird die Hälfte der Küken also direkt nach dem Schlüpfen aussortiert; in Deutschland werden sie meist mit Kohlenstoffdioxid (CO2) eingeschläfert und zu Tierfutter verarbeitet.

Jährlich sterben 47 Millionen männliche Küken

Im Laufe eines Jahres sterben so in Deutschland rund 47 Millionen männliche Eintagsküken. Effizient, sagen die Hühnerhalter, die in einem knallharten Business bestehen und Kosten minimieren müssen. Grausam, sagen die Tierschützer. Mit Filmen von geschredderten Küken oder Fotos von totgepickten Legehennen laden sie das Thema emotional auf; Landwirte werden nicht selten beschimpft und beleidigt. Man missachtet die Komplexität einer Branche, die im Spannungsfeld steht zwischen ­Discountkäufern und Biofreunden, zwischen Ressourcenverbrauch und Tierwohl, Produkten und Lebewesen.

An dieser Sachlichkeit und einer ausgewogenen Betrachtung war vor Kurzem den Veranstaltern einer Konferenz an der Universität Hohenheim gelegen. Agrarwissenschaftler und Tiergenetiker, Hühnermäster und Bioeier-Produzenten diskutierten das Töten männlicher Eintagsküken – und dessen Alternativen. Der Bruderhahn, der aus Mitleid oder aus Respekt vor dem Leben mit aufgezogene männliche Vertreter der Legehuhnrassen, kann er den moralischen Konflikt lösen? Oder moderne Zweinutzungshühner, neu gezüchtete Kompromissrassen also, die für Fleisch und Eier gleichermaßen gut sind?