Landwirtschaft im Wandel Die Landwirtschaft zeigte Vorbilder

Reportage: Robin Szuttor (szu)
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Als ich in den Siebzigern meine Landwirtslehre begann, kam die Tierproduktion gerade richtig in Gang. Neue bunte Agrarmagazine erschienen auf dem Markt. Unglaublich erfolgreiche Betriebe wurden vorgestellt. Ein Ehemann hielt 500 Sauen, seine Familie betrieb einen Partyservice am Wochenende und war ehrenamtlich engagiert. Souveräne Chefs großer Ackerbaubetriebe zeigten modernste Maschinenparks. Ein fröhlicher Mensch stand mit Gummistiefeln inmitten seiner hundertköpfigen Herde, während die Ehefrau als Studienrätin im städtischen Gymnasium unterrichtete. Die Landwirtschaft zeigte Vorbilder.

Nach der Gesundheit von Mensch und Tier fragte man selten. Und so kam es zunehmend zu Überforderungszuständen bei Betriebsleitern und ihren Familien. Zuerst versuchte man mit Maschinenringen, Zeitmanagementseminaren und Fachtagungen vieles auszugleichen und aufzuholen. Trotzdem konnten viele Bauern dem Größenwettlauf nicht folgen. Der Begriff „Strukturwandel“ wurde erfunden. Die modernen Produktionsformen waren intensiv durchstrukturiert. Sie verlangten einen enormen körperlichen und psychischen Einsatz. Und vor allem verlangten sie eine distanzierte Einstellung zu den Tieren. Die Remontierung, also die ständige Erneuerung von produktionsfähigen Sauen oder Kühen, wurde zum wichtigen Fachbegriff. Das Einzeltier zählt nichts, es zählt das System.

Nach meinem Fachschulabschluss 1982 errichteten wir einen Abferkelstall und bauten den Viehstall um. 60 Sauen und 30 Milchkühe waren eine ordentliche Größe. Aber obwohl alles versucht wurde, war ich mit den biologischen Leistungen unserer Tiere nie so ganz zufrieden. Wir besuchten Kurse, lasen Fachmagazine, traten dem Beratungsdienst bei. Aber ich kam einfach nicht so richtig weiter. Immer hatte ich das Gefühl, die Tiere hatten uns und nicht wir die Tiere im Griff.

Anfang der Neunziger war die Zeit unserer ersten großen Zukunftspläne: Milchviehhaltung aufgeben, Sauen verdoppeln und die eben angefangene Saatgutvermehrung von Blumen, Kräutern und Gräsern ausweiten. Also zogen meine Frau und ich los, besichtigten so richtig große, gut geführte, erfolgreiche Sauenbetriebe. Tief beeindruckt saßen wir eines Morgens vor unserer Kaffeetasse und erkannten: Das können wir nicht! Unsere bäuerliche Sauenhaltung war von dieser Perfektion meilenweit entfernt. Unsere Persönlichkeiten passten nicht zu solchen Betriebsgrößen.

Wir weiteten die Saatgutvermehrung aus. Das war mein Ding. Schweinepest und Aujetzkysche Krankheit erschütterten die Tierhaltung. Es gab Keulungen und Totalsanierungen. Hier trennten sich vollends die Wege in der Landwirtschaft. Während die einen nicht wahrhaben wollten, was da geschah, sanierten die Profis ihre Bestände, ohne mit der Wimper zu zucken durch und ließen sich den Schaden von der Tierseuchenkasse erstatten. Während die einen noch ihren Tieren nachtrauerten, waren die Ställe der anderen schon wieder voll in der Produktion. Das war das Schlüsselerlebnis! Wir gaben die Sauen auf und gründeten 1994 mit einem Partner ein Vertriebsbüro für die von uns erzeugten Kräuter- und Grassamen. Unsere Kühe liefen als finanzielles Fundament nebenher, während das ganze Engagement in die Wildpflanzen floss. 14 Jahre führten wir die Firma zusammen, dann schlugen wir einen anderen Weg ein. Heute vermehren wir Gräser und Leguminosensaatgut, ernten und trocknen es, bereiten es auf und liefern palettenfertige Ware von mehr als 60 Arten an unsere frühere Firma.

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