Eine meterhohe Staubfahne zieht in den Himmel, als Albert Gramling den abgeernteten Acker neben seinem Dörnishof bei Ravenstein (Neckar-Odenwald-Kreis) mit dem Krupper, einer Art Egge, bearbeitet. Viel zu trocken war es dieses Jahr auch bei ihm im Bauland, wie die Gegend heißt, wieder einmal, schon vier Jahre in Folge. Auch der Regen der letzten Tage zog fast vollständig vorbei – die Region gilt allgemein als recht niederschlagsarm. Der Mais, der noch auf den Feldern steht, ist sogar teilweise vertrocknet: „Da rechne ich mit einem Ernterückgang um 40 Prozent“, sagt der 58-Jährige. Beim Weizen seien es 20 Prozent.
Gramling ist reiner Ackerbauer – er baut auf 150 Hektar Weizen, Gerste, Mais oder Zuckerrüben an. Was ihn derzeit aber noch mehr umtreibt als die Trockenheit und die dadurch sinkenden Erntemengen, das sind die geradezu explodierenden Preise für fast alle Betriebsmittel, seien es Dünger, Diesel, Gas oder Pflanzenschutzmittel. Auf einem Zettel hat Gramling die Kosten für 2021 und für dieses Jahr aufgeschrieben.
Dünger ist drei bis fünf Mal so teuer wie früher
Besonders drastisch ist der Anstieg beim Dünger, weil dieser unter hohem Energieaufwand, also unter Einsatz von viel Gas, hergestellt werden muss. Letztes Jahr habe er 18 Euro für einen Doppelzentner Stickstoffdünger bezahlt, dieses Jahr seien es 63 Euro gewesen, erzählt Gramling. Und da habe er noch Glück gehabt. Er ruft zur Bestätigung kurz beim regionalen Lagerhaus an und erfragt den aktuellen Preis: 84 Euro. „In der Spitze wurden sogar 100 Euro bezahlt.“ Und selbst wer diesen Preis zu bezahlen bereit ist, weiß nicht, wann er den Dünger bekommt: Aufgrund des Niedrigwassers auf den Flüssen gibt es Engpässe bei der Lieferung. Auch das ist letztlich eine Folge des Klimawandels.
Für den Diesel, den Gramling per Lastwagen angeliefert bekommt und in einem großen Fass lagert, zahlte er früher wegen der hohen Abnahmemenge 20 Cent weniger als an der Tankstelle. Nun kostet es ihn genauso viel wie jeden Autofahrer. Getankt hat er jetzt trotzdem, denn nach dem Auslaufen des Tankrabatts zum Monatsende würde es noch viel teurer werden. Die Spritzmittel seien um 20 Prozent gestiegen, Geräte für den Hof und sonstige Betriebsmittel im gleichen Umfang.
Hohe Gewinne bei Düngerhersteller
Nachvollziehen kann Gramling die Preissprünge nicht immer. Tatsächlich hat etwa der Düngemittelhersteller K+S vor wenigen Tagen seine Zahlen für das zweite Quartal bekannt gegeben: Der Umsatz hat sich gegenüber dem Vorjahresquartal mehr als verdoppelt auf 1,5 Milliarden Euro. Und ganz offen räumt der Konzern mit Sitz in Kassel ein: „Deutlich höhere Durchschnittspreise konnten dabei gestiegene Kosten mehr als ausgleichen.“ Auch für das gesamte Jahr rechnet K+S, selbst wenn das Gas um bis zu ein Viertel gekürzt würde, mit einer Gewinnsteigerung (Ebitda) um bis zu 150 Prozent.
Auch bei Albert Gramling gibt es einen positiven Effekt auf der Einnahmeseite, wenngleich dieser die höheren Kosten nicht annähernd ausgleichen kann: Der Weizenpreis hat sich deutlich erhöht, von unter 200 Euro pro Tonne noch im Frühjahr 2021 hin auf bis zu 440 Euro im Mai dieses Jahres. Aktuell liegt er aber nur noch bei etwa 270 Euro. Die meisten Landwirte, betont auch Ariane Amstutz vom Landesbauernverband, hätten allerdings nichts davon, weil sie das Getreide schon viele Monate vor der Ernte verkaufen und deshalb die Verträge zu viel geringeren alten Preisen abgeschlossen haben. Diesen Landwirten tun die Kostensteigerungen richtig weh, teils könnten sie sogar existenzbedrohend sein. Der Berater im Raiffeisenmarkt bestätigt ebenfalls, dass 60 bis 70 Prozent der Bauern Vorkontrakte eingegangen sind.
Albert Gramling kann auf einen besseren Preis warten
Albert Gramling dagegen hat auf seinem Dörnishof Silos, in denen er den Weizen zwischenlagern kann. So kann er auf einen besseren Preis warten und verkauft erst dann. Das rettet ihn in diesem Jahr aber keineswegs: Selbst bei ihm droht deshalb das Ergebnis gegenüber 2021 um ein Drittel zurückzugehen: „Ich kann nur hoffen, dass sich der Preis zum Jahresende hin nochmals steigt.“
Noch schlimmer treffe es die Schweinehalter, betont Ariane Amstutz: Die Schweinehaltung liege ohnehin am Boden und rutsche jetzt wegen der stark gestiegenen Futtermittelpreise in die nächste Krise.
Joachim Rukwied, der Vorsitzende des Bauernverbandes in Deutschland, fordert angesichts dieser Lage dreierlei. Zum einen müssten die höheren Verkaufspreise für Lebensmittel im Einzelhandel an die Bauern weitergegeben werden; das sei bisher nicht überall der Fall. Zum anderen müsse die Lebensmittelerzeugung und die Düngemittelproduktion bei der Gaszuteilung priorisiert werden, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. „Wenn wir weniger düngen, würden die Erträge um bis zu 40 Prozent einbrechen“, warnt Rukwied. Und drittens brauche es einen EU-weiten Mindestlohn, um konkurrenzfähig zu bleiben.