Landwirtschaft in der Region Stuttgart Nur große Höfe wachsen weiter

Landwirte in der Region Stuttgart haben es nicht leicht. Immer mehr kleinere Betriebe geben auf. Foto: Bach/Jürgen Bach

Eine Untersuchung zeigt die Potenziale, aber auch die Grenzen von landwirtschaftlichen Betrieben in der Region Stuttgart auf. Warum geben vor allem die kleinen Betriebe auf?

Entscheider/Institutionen : Kai Holoch (hol)

Die Region Stuttgart und Landwirtschaft? Das klingt nach einem Widerspruch. Doch weit gefehlt: Trotz der dichten Besiedlung werden 49 Prozent der Gesamtfläche der Region, also der fünf Landkreise Rems-Murr, Ludwigsburg, Esslingen, Böblingen und Göppingen, sowie der Landeshauptstadt landwirtschaftlich genutzt. Dabei konzentrieren sich die landwirtschaftlichen Flächen rund um Göppingen, Ludwigsburg und entlang von Rems und Murr.

 

Welche Bedeutung also hat die Landwirtschaft für den Großraum Stuttgart und wie lässt sich deren Position verbessern? Das wollten mehrere Fraktionen der Regionalversammlung wissen. Deshalb hat Michael Kaiser, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, Expertenteams beauftragt, den Ist-Zustand zu ermitteln und Wege zur weiteren Aufwertung der Landwirtschaft aufzuzeigen.

Es gibt 4250 landwirtschaftliche Betriebe rund um Stuttgart

Ins Auge stechen dabei interessante Zahlen. In der Region gibt es insgesamt 4250 landwirtschaftliche Betriebe, in denen allerdings nur knapp ein Drittel Vollerwerbslandwirte tätig sind. Selbst wenn alle von ihnen produzierten Produkte in den regionalen Handel gingen, könnte die Region Stuttgart mit ihren 2,8 Millionen Bewohnern nur rund 22 Prozent ihres Eigenbedarfs mit heimischen Produkten decken. In der Tat sind es aber deutlich weniger.

Josef Bühler, Geschäftsführer der Neuland+ Tourismus-, Standort- und Regionalentwicklung Gesellschaft, der die Studie im Wirtschaftsausschuss der Regionalversammlung vorstellte, geht davon aus, dass „Produkte aus der Region nur in einem niedrigen einstelligen Prozentbereich“ auch in der Region auf dem Tisch landen.

Geringer Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg der Region

Zum Vergleich: Baden-Württemberg produziert rund 50 Prozent der von der Bevölkerung benötigten Lebensmittel. Das sind zwar deutlich mehr als in der Region, die wünschenswerte Autarkie bei der Lebensmittelversorgung lässt sich aber auch im Land nicht einmal andeutungsweise erreichen.

Zu vernachlässigen ist auch der Beitrag, den die Landwirtschaft zum wirtschaftlichen Erfolg der Region Stuttgart leistet. Der Anteil von Land- und Forstwirtschaft an der Gesamtbruttowertschöpfung der Region lag im Jahr 2020 mit weniger als 250 Millionen Euro unter einem Prozent.

Strukturwandel in vollem Gange

Deutlich schneller als im Landesdurchschnitt hat sich rund um Stuttgart der Strukturwandel bemerkbar gemacht. Von 2010 bis 2020 schrumpfte die Zahl der Betriebe um 13 Prozent. Vor allem Teilerwerbsbauern mit Tierhaltung haben sich zurückgezogen. Steigende Betriebszahlen gibt es nur noch in größeren Betrieben mit mehr als 100 Hektar landwirtschaftlich genutzter Flächen. Klar sei schon jetzt, dass die Konzentration der Betriebe weitergehen wird. In der Studie heißt es wörtlich: „Die längerfristige Weiterführung der Betriebe ist in der Mehrzahl der Fälle unsicher. Hohe Arbeitsbelastung, notwendige Investitionen und begrenzte Einkommensperspektiven konkurrieren mit günstigen gewerblichen Beschäftigungsalternativen.“ Hinzu kommt, dass auch in Zukunft landwirtschaftliche Flächen benötigt werden, um neue Gewerbegebiete und neuen Wohnraum auszuweisen.

Die Marktposition der Landwirte in der Region ist überwiegend schwach. Ihre Produkte – Getreide, Milch, Rind- und Schweinefleisch – liefern sie hauptsächlich an überregionale Anbieter, haben also keinen Einfluss auf die Preisgestaltung.

Kritisch ist die Situation auch für Biobauern. Die Entwicklung des ökologischen Landbaus bleibt mit einem Flächenanteil von 12 Prozent deutlich hinter dem politischen Ziel zurück, bis 2030 mindestens 30 Prozent aller Flächen dafür zu nutzen.

Handlungsbedarf bei der Formulierung konkreter Maßnahmen

Die Experten schlagen verschiedene Maßnahmen vor, um die Ökobilanz der heimischen Landwirte zu verbessern. Sie empfehlen, mehr lokale und regionale Vermarktungsstrukturen aufzubauen, um sich von überregionalen Händlern lösen zu können. Damit erneuerbare Energien und die Landwirtschaft sich nicht in die Quere kommen, empfehlen sie zudem, anstelle von konventioneller Freiflächenphotovoltaik auf Agri-PV-Anlagen zu setzen, um den unumgänglichen Verlust von landwirtschaftlichen Flächen zu reduzieren.

Der Wirtschaftsförderer Michael Kaiser sieht, wie mancher Regionalrat, durchaus weiteren Handlungsbedarf bei der Formulierung konkreter Maßnahmen. Kaiser: „Das Gutachten ist aber schon jetzt eine gute Grundlage, um strategisch die Zukunft planen zu können.“

Hemmnisse für die Landwirtschaft

Nutzflächen
Die Nutzflächen werden immer knapper. Rein rechnerisch stehen in der Region Stuttgart nur 585 Quadratmeter Fläche pro Einwohner für die Erzeugung von Agrarprodukten zur Verfügung. In Baden-Württemberg sind es 1444 Quadratmeter und in Deutschland sogar 2169 Quadratmeter.

Einkommen
Weil es rund um Stuttgart viele gut bezahlte und attraktive Jobs gibt, sinkt die Bereitschaft, den eigenen Betrieb zu erhalten. So rechnen Experten damit, dass die Bewirtschaftung von wenig ertragsfähigen Grünlandstandorten sowie von Flächen mit hohem Arbeitszeitbedarf – dazu gehören Sonderkulturen – aufgegeben wird.

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