Landwirtschaft in der Stadt Haben wir bald alle eine Farm im Keller?

Von Yannik Buhl 

Immer mehr Experten und Start-ups machen sich Gedanken über die Zukunft der Landwirtschaft. Urban Farming, also der Anbau mitten in den Städten, gilt als ein viel versprechendes Konzept.

Anbau in der Stadt, das heißt Technologie, wie beim Stuttgarter Start-up Farmee. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Anbau in der Stadt, das heißt Technologie, wie beim Stuttgarter Start-up Farmee. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Lösung für die Ernährung der Zukunft hat noch niemand gefunden. 2050 sollen rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, rund zwei Drittel davon in Städten. Das schätzen die Vereinigten Nationen. Diese Zahlen werfen grundlegende Fragen auf: Wie soll es in unseren Städten dann aussehen, wie wollen wir wohnen und arbeiten? Und am wichtigsten: Wo produzieren wir die Nahrung für so viele Menschen?

Einer, der sich darüber viele Gedanken macht, ist der Maschinenbauingenieur Udo Wolz. Er hat lange für Bosch gearbeitet, unter anderem in Japan. Inzwischen ist er in Rente und plant mit Geschäftspartnern eine große Fabrikhalle im Raum Stuttgart, in der er beispielhaft innerhalb der Stadt Gemüse anbauen will. „Vertical Farming“ nennt sich der industrielle Ansatz, den Wolz verfolgt. „Das heißt, dass der Salat in Hochregalen wächst statt auf dem Acker“, erklärt Wolz.

Der Anbau in Städten spart wertvolle Flächen

Das soll Platz sparen und die Nahrungsmittelproduktion ankurbeln, um zehn Milliarden Menschen versorgen zu können. Denn die Fläche des anbaufähigen Ackerlandes kann selbstverständlich nicht im selben Maße wachsen wie die Weltbevölkerung. Nach Schätzungen von Agrarexperten sind bis zu 80 Prozent davon bereits bewirtschaftet. „Durch den Klimawandel und das Austrocknen der Erde nimmt die Fläche eher noch ab“, sagt Wolz. Er schwärmt daher auch vom Einsatz von Drohnen, Sensoren und künstlicher Intelligenz in der Landwirtschaft, um den Anbau effizienter zu machen und eine Ernte das ganze Jahr über zu ermöglichen. „Das erlaubt auch den Verzicht auf Pestizide“, erläutert Wolz.

Wo es um neue Technologien geht, sind Start-ups meistens vorne mit dabei. Das ist in der Branche des „Urban Farming“, also der Landwirtschaft in Städten, nicht anders. Das Stuttgarter Start-up Farmee beispielsweise ist mit einem öffentlichen Betriebssystem für vertikalen Gemüseanbau gestartet und versucht inzwischen, die Idee der Landwirtschaft im kleinen Stil in die Städte zu holen. Das Start-up Visioverdis, ebenfalls aus Stuttgart, arbeitet an Lösungen für einen Anbau von Blumen und Pflanzen an Häuserfassaden in den Städten der Zukunft. Kürzlich hat sich auch das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (FIAO) in einer umfassenden Studie mit dem Thema „Urban Farming“ auseinandergesetzt. Derzeit sehen die Wissenschaftler beim Anbau von Obst und Gemüse innerhalb von Gebäuden noch große Hürden: hohe Investitionskosten sowie hohe Betriebskosten durch einen hohen Stromverbrauch. Hinzu kämen strenge Gesetze, so das FIAO.

Udo Wolz beispielsweise sagt, dass seine Farm in der Fabrikhalle bisher vor allem daran gescheitert sei, dass in Stuttgart eine solche Landwirtschaft nicht erlaubt sei. Doch dieser sehr technische Ansatz ist in der Branche ohnehin nicht ganz unumstritten. Kritikern geht das immer stärkere Vertrauen auf Computer und Maschinen ohnehin zu weit; sie wollen lieber zurück zu den Wurzeln der Landwirtschaft.

Zu den Kritikern gehört der Landwirt Christoph Simpfendörfer. Er leitete mit seiner Frau bis vor kurzem den Reyerhof in Stuttgart-Möhring­en und ist nach wie vor dort engagiert. „Der Mensch und die Natur sind keine Maschinen“, sagt Simpfendörfer. Statt auf Automatisierung setzt Simpfendörfer auf eine Veränderung unserer Lebensweise. „Der Großteil der produzierten Lebensmittel wird weggeworfen“, sagt er. Für ihn liege die Lösung des Ernährungsproblems daher in einer „ursprünglichen“ Form der Landwirtschaft, die „vor Ort“ und genau für die Bedürfnisse der Weltbevölkerung produziert. „Das fängt damit an, dass wir Tiere nicht mehr mit Lebensmitteln füttern.“ Auf dem Reyerhof geschieht das laut Simpfendörfer über eine sogenannte solidarische Landwirtschaft: Jedes Mitglied zahlt einen Beitrag und bekommt dafür wöchentlich biologisch angebaute Lebensmittel.

Hohe Investitionskosten und der Stromverbrauch sind Hürden

Statt Automatisierung die Lebensweise verändern?

Haben also bald viele Menschen eine eigene Farm im Keller oder vor der Haustür? Noch sei der Anbau an Gebäuden zu teuer, sagt Udo Wolz. Ein so produzierter Salat würde zehn Euro kosten. Ob die solidarische Landwirtschaft die große Weltbevölkerung ernähren kann, ist ebenfalls ungewiss – nicht nur wegen der hohen Verkaufspreise. Die Wissenschaftler des FIAO attestieren der Branche aber in Zukunft einen vielversprechenden Markt – viel Potenzial also für innovative Start-ups.