Landwirtschaft in Stuttgart Die Nöte des Bauern in der Großstadt

Oberbürgermeister Fritz Kuhn (rechts) im Stall mit Biobauer Klaus Wais und dem Ochsen Emil, einem württembergischen Braunvieh. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky
Oberbürgermeister Fritz Kuhn (rechts) im Stall mit Biobauer Klaus Wais und dem Ochsen Emil, einem württembergischen Braunvieh. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Flächenknappheit, bürokratische Hürden und hohe Kosten: Bei einer Ausfahrt über die Felder des Sillenbucher Stadtteil Riedenberg hat sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn ein Bild davon gemacht, wo die Stuttgarter Landwirte heute der Schuh drückt.

Lokales: Mathias Bury (ury)
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Stuttgart - Es ist kurz vor 11.30 Uhr, die Sonne brennt, es ist schon um diese Uhrzeit richtig heiß. Die Besuchergruppe mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) und der Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung, Ines Aufrecht, an der Spitze steigt über eine Stahltreppe von der Pritsche des Traktoranhängers. Klaus Wais, 59, zeigt auf die verschiedenen Abschnitte seiner Hauptanbaufläche. Hier wachsen Brokkoli, Zucchini, Möhren, Zwiebeln und noch einiges mehr.

Die Möhren verkauft seine Frau Monika im Hofladen des Demeter-Betriebs in Riedenberg, der Brokkoli geht in den Großhandel. Da muss die Ware gut, die Lieferung gesichert sein. Auch bei der Hitze. „Da kommen täglich 8000 Liter Wasser drauf, sonst wird das nichts mit dem Brokkoli“, sagt Biobauer Wais. An der Stelle ist das kein Problem, unweit der Felder bei einer großen Linde befindet sich ein Hydrant. Aber das ist nicht überall so. „Das Wasser ist im Gemüseanbau entscheidend“, betont Wais. Nur: Selbst im Vergleich zu den Nachbarstädten sei das Wasser in Stuttgart „extrem hoch“. Er kenne keine Gegend in Deutschland, wo bei einem solchen Wasserpreis noch Gemüse produziert werde, erklärt der 59-jährige Landwirt. Dabei werde das Zukunftsthema in absehbarer Zeit noch drängender. „Wir hier im Südwesten sind vom Klimawandel doch ganz besonders betroffen“, sagt Wais.

Besuch als Wertschätzung des Bauernstandes

Es ist nur eines einer ganzen Reihe von Problemen, mit denen der OB bei der Ausfahrt konfrontiert wird. Seit 2013 gibt es den bei der Wirtschaftsförderung angesiedelten Runden Tisch Landwirtschaft. Bei Besuchen wie diesen will Fritz Kuhn selbst vor Ort „ein Gefühl dafür bekommen, wie die Probleme aussehen“, sagt er. Gleichzeitig soll dies ein Zeichen der Wertschätzung für die Arbeit der Bauern sein. „Landwirtschaft ist keine Folklore“, sagt Kuhn. Sie erhalte die Kulturlandschaft und versorge Stuttgarts Bürger mit frischen, regionalen Produkten.

Es gibt in Stuttgart gar nicht so wenige Bauern, wie man meint. 198 landwirtschaftliche Betriebe weist die Statistik aus, aufgenommen werden nur Betriebe mit einer Fläche fünf Hektar und mehr. Darunter sind viele kleine Weingärtner, die im Nebenerwerb Teil einer Genossenschaft sind. Aber noch immerhin 100 landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe weist die Statistik aus. Alle zusammen bewirtschaften eine Fläche von 2500 Hektar. Unter diesen seien acht Biobauern, die 200 Hektar Land nach ökologischen Kriterien bearbeiten, sagt Uta Dickertmann, die Landwirtschaftsbeauftragte der Stadt.

Viele Widrigkeiten

Von denen haben viele ein Problem: zu wenig Fläche. Vor einem Weizenfeld zeigt Klaus Wais hinüber zum Wohngebiet östlich der Riedenberger Schremppstraße. Ende der 80er Jahre, er hatte den noch konventionellen Betrieb gerade vom Vater übernommen, musste er dort acht Hektar abgeben. Jetzt sind es noch 38 Hektar, die er mit Frau, Schwiegersohn und einer Halbtagskraft bewirtschaftet. Das ist wenig. „Wir müssten eigentlich wachsen“, sagt Wais. Nur wie? Die Fleischproduktion, auf die er den väterlichen Milchbetrieb umgestellt hat, ließe sich angesichts der Nachfrage verdoppeln. Durch mehr Tiere als die heutigen zwölf Rinder und damit mehr Dünger könnte der Landwirt gleichzeitig die Fruchtbarkeit seiner Ackerböden besser sichern. Als Schwiegersohn Clemens Löber den Traktor bei den Wiesen im Riedenberger Täle anhält, erklärt Klaus Wais dem Oberbürgermeister, dass er dort schon vor Jahren gerne einen Stall für eine Mutterkuhherde gebaut hätte. Der Naturschutz der Stadt lehnte ab.

Fritz Kuhn nimmt die Informationen mit, die Sache mit dem Weidestall werde man sich nochmal anschauen, sagt er zu. Wenn man eine Landwirtschaft in Stuttgart wolle, das ist für den OB klar, dann muss man dafür auch etwas tun. Ein Selbstläufer ist das jedenfalls nicht, das hat der Besuch auf dem Hof am Eichenhain, dem letzten in Riedenberg, gezeigt. Seit drei Jahrzehnten stelle er sich immer wieder die Frage, sagt Klaus Wais: „Wird es uns in zehn Jahren noch geben?“

Broschüre mit Direktvermarktern

Um Direktvermarkter und Kunden zusammenzubringen, hat die Stadt die Broschüre „Lust auf Frisches“ aufgelegt. Sie ist erhältlich unter www.stuttgart.de/direktvermarkter oder kann telefonisch (0711/216-607 08) bestellt werden.



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