Landwirtschaftliche Schule Hohenheim „Wir werden rumgeschubst“

Von red 

Michael Ernst und Karin Sailer von der Leitung der Landwirtschaftlichen Schule in Hohenheim fühlen sich rumgeschubst. Aus ihrer Sicht ergibt es keinen Sinn, wenn sie die zweieinhalb Räume an der Paracelsusstraße für die Körschtalschule freigeben.

Michael Ernst und Karin Sailer fehlt ein Konzept für die Zukunft der Landwirtschaftlichen Schule. Foto: Sägesser
Michael Ernst und Karin Sailer fehlt ein Konzept für die Zukunft der Landwirtschaftlichen Schule. Foto: Sägesser

Hohenheim - Die Landwirtschaftliche Schule will nicht weg aus Hohenheim. Geht es nach der Stadt muss sie, denn die Körschtalschule brauche die Räume, in der die Landwirtschaftliche Schule seit 35 Jahren unterrichtet. Im November haben die Bezirksbeiräte der Landwirtschaftlichen Schule den Rücken gestärkt. Zum Leidwesen der Körschtalschule. Michael Ernst und Karin Sailer von der Schulleitung erklären ihre Sicht auf die Dinge.

Waren Sie froh über das deutliche Votum im Bezirksbeirat im November?
Michael Ernst: Ich hätte nicht erwartet, dass sich der Bezirksbeirat so geschlossen hinter die Landwirtschaftliche Schule stellt. Und ich war positiv überrascht, dass der Bezirksbeirat, dem eine Grundschule, ein Gymnasium und eine Gemeinschaftsschule selbstverständlich näher liegen, auch uns als eine in Plieningen verwurzelte Schule ansieht.
Hatten Sie Mitleid mit der Körschtalschule?
Ernst: Sicher. Sie sehen das als eine Entweder-oder-Situation. Wenn man die Fakten nüchtern betrachtet, muss man sagen, die zweieinhalb Räume, die wir im Gebäude Paracelsusstraße 44 nutzen, sind ja kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, die Problematik der Körschtalschule und des Paracelsus-Gymnasiums ist ja wesentlich größer als das, was es bringen würde, wenn wir uns quasi selbst aufgeben.
Bei dem Thema gibt’s immer einen Verlierer.
Ernst: Es gibt in jedem Fall zwei Verlierer. Wenn wir drinbleiben, verliert die Körschtalschule, wenn wir rausgehen, hat sie auch nicht wirklich etwas gewonnen. Dass man der Körschtalschule andere Versprechungen gemacht hat, wurde offensichtlich in der Sitzung. Ganz offensichtlich sind sie mit einer anderen Erwartungshaltung da reingegangen. Und ich hatte schon ein bisschen das Gefühl, dass wir von Seiten der Schulleitung der Körschtalschule hochgradig unerwünscht sind und jetzt zum Sündenbock gestempelt werden. Letztendlich muss man konstatieren: Wir sind seit 1980 in diesen Räumen, und zwar nicht in Räumen der Körschtalschule, sie sind Eigentum der Stadt, und die hat sie uns zugewiesen. Seit 35 Jahren nutzen wir sie, und wir nutzen sie effizient, denke ich. Wenn man sieht, dass in zweieinhalb Unterrichtsräumen 70 bis 80, manchmal auch 90 Schüler, ganztätig unterrichtet werden. Es ist ja nicht so, dass wir uns breitgemacht hätten und im Luxus schwelgen würden.
Hoffen Sie, dass alles bleibt wie bisher?
Ernst: Ich denke, dass es nicht so bleiben wird wie bisher. Sowohl bei der Körschtalschule als auch beim Paracelsus-Gymnasium gibt es Sachzwänge, die sich auftürmen. Das gilt auch für die Substanz unserer Gebäude, es gibt einen Investitionsstau. Ich meine, wenn man jahrelang auf einen Neubau reflektiert, wird niemand in das alte Gebäude investieren. Deshalb sind wir natürlich in einer entsprechenden Situation.
Aber der Neubau lässt ja auf sich warten.
Ernst: Die Gelder sind mit etwa einer Million Euro schon seit Jahren für die Machbarkeitsstudie und die Planung eingestellt, sie werden nur Jahr für Jahr nicht abgerufen. Tatsächlich hat man ein bisschen den Eindruck, der Schwarze Peter wird zwischen Stadt und Land hin- und hergeschoben, und die Sachzwänge häufen sich. Was bei uns ankommt, ist eine gewisse...
Karin Sailer: ...Verschieberei.
Ernst: Ja, man kommt sich rumgeschubst vor. Es fehlt ein schlüssiges Konzept, das dem Profil dieser Schule entspricht und das wirklich eine Perspektive aufzeigt, es geht viel mehr darum, die Schule einfach nur irgendwo unterzubringen.
Sie denken also, die gemeinsame Trägerschaft von Stadt und Land ist das Problem?
Ernst: Das wird zumindest vorgebracht. Es gibt aber andere Beispiele, man braucht bloß nach Möhringen zur IT-Schule zu gehen, wo man als Außenstehender den Eindruck hat: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Der Wille fehlt Ihrer Meinung nach?
Sailer: Ich glaube schon, es zieht sich jetzt schon jahrelang.
Ernst: Wobei man sagen muss: Der politische Wille, das hat ja auch die Bezirksbeiratssitzung gezeigt, ist da. Und der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats hat im Januar 2014 einstimmig votiert, dass die Schule hier bleiben soll. Und auf Landeseben ist der politische Wille auch sehr eindeutig. Der politische Wille ist also da.
Das ist doch das Wesentliche in einer Demokratie, sollte man meinen.
Ernst: Da kann ich nicht widersprechen. Sicher ist es so, dass eine Verwaltung nicht von jetzt auf nachher wie ein Sportboot den Kurs ändern kann. Das geht dann eher wie bei einem Ozeanöltanker, der immer weiterschiebt in eine Richtung.
Sailer: Aber langsam sollte es zum Kurswechsel kommen. Punkt.
Ernst: Zur Standortfrage würde ich gern noch etwas ergänzen. Die Unterbringung hier vor Ort wird sehr häufig nur an den Räumlichkeiten festgemacht, und die sind wahrlich nicht optimal. Aber Unterrichtsqualität hängt nicht nur davon ab, ob ich bequeme Stühle und ob ich in jedem Raum eine Medienausstattung habe. Für eine Schule wie unsere ist es ein riesiger Standortvorteil, wenn man die Möglichkeit hat, die Sachen in unserer Lehr- und Versuchsanstalt live zu sehen, deshalb sehen wir uns als ein grünes Bildungszentrum.
Sailer: Die Nutzung ist eben auch ad hoc möglich, also innerhalb eines ganz normalen regulären Schultags, in einem 45-Minuten-Unterricht kann ich, wenn es passt, rausgehen. Das kann ich zum Beispiel in der Jakobsschule in der Innenstadt nicht.
Ernst: Man kann zwar langfristig planen: Übermorgen sind wir in Hohenheim. Aber dann regnet’s. Das machen Sie zweimal, dann wird der Lehrer sagen: So jetzt schlagen wir das Buch auf.
Sailer: So ist es. Und unsere schulartübergreifenden Projekte können wir dann auch total vergessen.
Ernst: Wenn eine Stunde ausfällt, können Sie keine Vertretung machen, weil der Lehrer die Hohlstunde für die Fahrt von oben nach unten braucht, und kaum ist er unten, müsste er schon wieder oben sein. Selbst bei zwei Hohlstunden geht es nicht, da können Sie Grüßgott sagen und wieder gehen. Der Unterricht würde also qualitativ leiden, und es würde quantitativ dazu führen, dass die Vertretbarkeit nicht mehr gegeben ist, weil man nicht mehr auf den ganzen Lehrerpool zurückzugreifen kann.
Wirken sich die Querelen um die Landwirtschaftliche Schule negativ aus?
Sailer: Die Verunsicherung in den Praxis- und Ausbildungsbetrieben war relativ hoch. Das hat sich jetzt aber in ein Wir-Gefühl gewandelt. Die Betriebe unterstützen die Schule ungemein.
Ernst: Die Fachkompetenz und die Infrastruktur an diesem grünen Zentrum wird höher eingeschätzt als die bauliche Substanz und die Querelen. Das sind traditionsreiche Gartenbaubetriebe, die ganz klar sagen: Das kann gar nicht sein, dass man die Schule hier hin- und herschubst.
Das Gespräch führte Judith A. Sägesser.

Zwei Schulen, eine Schulleitung, viele Standorte

Die Landwirtschaftliche Schule unterrichtet rund 550 Schüler in Vollzeit, teils in Teilzeit. Es ist ein duales Ausbildungssystem. Träger ist die Stadt.

Die Staatsschule für Gartenbau und Landwirtschaft unterrichtet insgesamt rund 200 Schüler in Vollzeit. Es handelt sich um eine Weiterbildung für ausgebildete Gärtner. Träger ist das Land. Die beiden Schulen sind sehr miteinander verflochten, sie teilen sich das Lehrerkollegium und die Schulleitung.

Die Gartenbauschule unterrichtet im Schloss Hohenheim. Die Landwirtschaftliche Schule hat fünf Außenstandorte: den Pavillon am Paracelsus-Gymnasium (ehemalige Stadtteilbibliothek, Paracelsusstraße 36), die Räume im selben Gebäude wie die Körschtalschule (Paracelsusstraße 44), die Paracelsusstraße 2, das Gebäude an der Scharnhauser Straße 19 und der dritte Stock des Bezirksrathauses (Filderhauptstraße 155) mit hochwertigem Labor.

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