Ein Löwe mit rotem Lippenstift sorgte in der Langen Kunstnacht für Gesprächsstoff. Nun ist klar, wer das Werk in Leonberg geschaffen hat.

Ein milder samstäglicher Frühlingsabend lockt die Menschen in die historische Altstadt von Leonberg. Sie schlendern durch die Gassen, kommen mit Freunden, Bekannten oder auch Fremden ins Gespräch. Die Gastronomie auf dem Marktplatz lädt zum Verweilen ein. Und mittendrin: Kunst, die Türen öffnet. Die Lange Kunstnacht, kurz Lakuna genannt, jährt sich bereits zum 20. Mal. Sie ist mehr als eine Ausstellung, bei der etwa 30 Künstlerinnen und Künstler Schaufenster, Hinterhöfe, leer stehende Flächen oder Galerien bespielen. Sie ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt und lässt die Altstadt mit ihren festlich beleuchteten Fachwerkhäusern zum Leben erwecken.

 

So hält eine Besucherin auf dem Marktplatz inne, lässt ihren Blick über den Marktplatz schweifen und meint gedankenversunken: „Eigentlich ist Leonberg ganz schön.“ Zwischen Zeichnungen, Fotografien oder Installationen verweilen die Besucher, tauschen Eindrücke aus und genießen die besondere Atmosphäre, die diese Nacht so einzigartig macht. Die Lakuna wird nicht nur zum Rundgang, sondern zum Streifzug durch Ideen, Materialien und Perspektiven.

Ein Streifzug durch die Altstadt von Leonberg: Ideen, Materialien und Perspektiven

„Die Leute lieben die Lange Kunstnacht“, sagt der Organisator Michael Schönpflug, der seit 15 Jahren diese kulturelle Veranstaltung einmal jährlich auf die Beine stellt. „Das mache ich natürlich auch im Eigeninteresse“, sagt der 60-Jährige mit einem Augenzwinkern, denn zum einen ist er Architekt, zum anderen selbst Künstler. Seine Werke stellt er in seiner Galerie am Marktbrunnen in der Schlossstraße 2 aus, deren Schaufenster an diesem Abend goldfarben glitzern. Die Gäste drängen sich in den Räumen. „Die Laguna nimmt die Hemmschwelle, eine Galerie zu betreten“, sagt Schönpflug. Er freut sich, dass wieder mehr als 30 Künstlerinnen und Künstler teilnehmen. „Etwa 70 bis 75 Prozent sind Wiederholungstäter, die restlichen Ausstellerinnen und Aussteller sind erstmals dabei.“

Selbst im Info-Point gibt’s Kunst zu bestaunen. Foto: Simon Granville

Wie beispielsweise der Berliner Volker März, dessen Nichte in Leonberg Architektin ist. „Wir wollten immer mal was zusammen machen.“ Sie fanden Räume in einem ehemaligen, leer stehenden Büro in der Seestraße 2. Viele Werke und Figuren des Künstlers zeigen Orang-Utan-Babys. „Das sind wahnsinnig friedliche Affen, die Babys sehen so schön aus und symbolisieren für mich absolut die Unschuld. Sie sind die besseren Menschen.“ Von seinen Freunden wurde März gedrängt, in seiner Ausstellung eine Verbindung zu Leonberg zu schaffen. So entstand nicht nur der Leonberger Hund, sondern auch das Wahrzeichen der Stadt, der Engelbergturm. Und weil dieser in der Zeit entstand, als das große Feuer im Engelbergtunnel ausgebrochen war, dürfen die lodernden Flammen auf seinem Bild nicht fehlen.

Die Kamera immer im Gepäck

Oliver Graf, Fotograf aus Leonberg, betreibt ein eigenes Studio in Höfingen. Eine Reise nach China nutzte der leidenschaftliche Kampfsportler nicht nur dazu, um seinen Meister zu treffen – er hatte auch seine Kamera im Gepäck. Daraus entstand die Ausstellung „40 mm Hongkong“, die eindrucksvoll das Zusammenspiel von Architektur, urbanem Raum und dem pulsierenden Alltag der Metropole einfängt. In der „Zweitwohnung“ am Marktplatz gewährt er zudem persönliche Einblicke und erzählt spannende Geschichten von seiner Reise.

In „Bild + Rahmen“ bei Carina Straub in der Zwerchstraße 6 treffen sich unter anderem Künstler aus dem ehemaligen Künstlerhaus, die ihre Räume in der abbruchreifen alten Schuhfabrik verlassen mussten. Brigitte Guggenbiller zeigt fein arrangierte Objektkästchen, Roland Maier zarte Farbübergänge in seinen Pastellarbeiten. Chris Heinemann richtet mit seinen Tintenaquarellen historischer Persönlichkeiten den Blick direkt auf die Gegenwart. Auch zu sehen: die digital verfremdeten Unterwasserwelten in intensiven Farben von Daniela Schock, die unabhängig von der ehemaligen Künstlerhaus-Gemeinschaft ihre Fotos ausstellt.

Moment mal. Ein Bild in der Werkstatt von Carina Straub irritiert dann doch. So manchem Besucher zaubert der bunte, kindlich gemalt wirkende Löwe mit rotem Lippenstift und rot lackierten Nägeln ein Lächeln ins Gesicht. Der pompöse goldene Rahmen steht irgendwie im Widerspruch zu dem Werk, das vielen, die es betrachten, ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. „Ich empfinde es als witzig, vermisse aber die Technik“, sagt ein Besucher. Inge Horn, die ehemalige Erste Bürgermeisterin von Leonberg, sowie Elke Staubach, frühere CDU-Gemeinderätin in der Stadt, haben es sofort erkannt: „Das Bild ist von Tobias Degode.“ Die Stadt hatte zur Kunstnacht ein kleines Rätsel gestartet und über die sozialen Kanäle gefragt, wer denn wohl das Werk des Oberbürgermeisters erkennen würde. Ob es künftig im Rathaus zu bewundern sein wird?