Lange Nacht der Museen in Böblingen und Sindelfingen Punk, Protest und viel Musik
Leistungsschau der Kulturszene: Musik und tolle Ideen zur 22. Langen Nacht der Museen in Böblingen und Sindelfingen. Besonders der Mix des Programms sticht hervor.
Leistungsschau der Kulturszene: Musik und tolle Ideen zur 22. Langen Nacht der Museen in Böblingen und Sindelfingen. Besonders der Mix des Programms sticht hervor.
Ein Rednerpult und eine Tafel mit Aufschriften wie „Aufstand!!!“ stehen im Foyer der Böblinger Zehntscheuer. Corinna Steimel ruft „Protest!“ in den Raum. Die Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen, diesmal als Punk verkleidet, fordert von Besuchern eine kurze Rede – und gerne Protest, passend zum dortigen Thema.
Der Bereich füllt sich am frühen Samstagabend langsam mit Besuchern der 22. Langen Nacht der Museen, die von 18 bis 24 Uhr andauert. Das Bauernkriegsmuseum und die Städtische Galerie, beide in der Zehntscheuer angesiedelt, bilden einen der 18 Räume der Veranstaltung, die in Böblingen und Sindelfingen gleichzeitig stattfindet. Böblingens Kulturamtsleiter Sven Reisch zieht zu dieser ein ebenso zufriedenstellendes Fazit wie sein Sindelfinger Pendant Markus Nau, der meinte: „Es wäre fast unfair, ein Highlight hervorzuheben, weil alles auf seine Weise interessant war.“ Viel eher sei die Mischung das Herausragende.
Die ist bei der Leistungsschau der Kulturszene definitiv geboten – ob städtisch, privat oder ehrenamtlich. Eine Besucherzahl nennen beide Leiter nur ungern, weil die sehr schwer abzuschätzen sei. „Es gab bestimmt schon Jahre, an denen mehr Leute unterwegs waren. Aber es war sehr gut besucht“, sagt Sven Reisch.
Ein Oberthema ist sicherlich der Protest; nicht unpassend zur Kunst an sich. In der Zehntscheuer liegt der Fokus dabei darauf, „wie Menschen protestieren und um Mitsprache kämpfen“, sagt Lea Wegner, Leiterin des Bauernkriegsmuseums. Künstlerin Deepika Arwind stellt mit „An open letter“ den Bezug zur Moderne her, großflächig und mit der Fliege als mehrfach wiederkehrendes Symbol. Denn: Die sei hartnäckig und nervig, erklärt Lea Wegner das Zeichen. „Der Aufstand in Person“ bezieht sich hingegen auf den Bauernkrieg. Der rückt auch bei der Mitgliederausstellung am Alten Amtsgericht in Böblingen in den Fokus. Ein Stockwerk darüber umgeben die gezeichneten Bilder von Künstlerin Ines Scheppach die Musik. Sie habe den Menschen zum Thema gemacht hat, „zwischen Realismus und Surrealismus“.
Zurück zum Protest: Mehr oder weniger direkt findet sich der auch im Fleischermuseum wieder. Die Organisation Foodsharing, die auch im Kreis ihre Anhänger hat, stemmt sich dagegen, dass verzehrbare Brötchen und Co. im Müll landen. „Wir retten unverkäufliche Lebensmittel“, sagt die Sindelfingerin Conny Linke zu den Kooperationen mit Läden, deren Waren an dem Abend im Fleischermuseum ausliegen. Im Treppenhaus eröffnet die Ausstellung von Matthias Beckmann. Ganz in der Nähe, im Schacher 2, liest Galerist Marko Schacher.
In der Vogtscheune des Fleischermuseums können sich Besucher hingegen wieder die Ausstellung „Scharfe Schere – Nacktes Beil“ ansehen. „Am Ende ist es eine untrennbare Zweierarbeit“, weiß Collagist Boris Kerenski über die gemeinsamen Werke mit Stefan Heuer rund um Fleisch. Bilder, auf denen dagegen die Farbe blau zentral ist, hängen in der evangelischen Stadtkirche aus. „Zwischen Himmel und Hölle“ heißt die Ausstellung von Sonja Rinderknecht, bei der viel Ruhe im Saal herrscht. Für später sind Orgelklänge angekündigt.
An vielen anderen Orten spielt die Musik an diesem Abend aber eine tragende Rolle. So werden etwa die Erinnerungsräume am Alten Friedhof, wo an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnert wird, musikalisch bespielt. „Das waren Gänsehautmomente“, schildert Böblingens Kulturamtsleiter Sven Reisch, der von vielen Besuchern spricht und findet: „Es war ganz besonders, interessant und auch mit Tiefgang.“
Musikalisch geht es auch beim Parkplatzfest beim Dekanatshaus D12 zu. Und im Blauen Haus. „Es sind viele Leute da, die sonst nicht kommen. Ich finde die Mischung aus jung und alt klasse“, freut sich Gabriele Branz, Gründerin und Programmleiterin. Mit dem Electric Bush Project weiche ihr Haus diesmal auf eine andere Musikrichtung aus.
Auch das Atelierhaus in Sindelfingen ist „antizyklisch unterwegs“, sagt die Zweite Vorsitzende Sabina Hunger, während das Band-Duo eine angenehme Atmosphäre schafft. Diesmal befasst sich die Station nicht mit zeitgenössischer Kunst, sondern bietet Platz für Eisenbahnbilder von Peter Bomhard. Die Dampfbahnfreunden Sindelfingen stellen zudem Kleinlokomotiven aus, die in ihrer Detailgetreue und Präsenz nicht weniger faszinieren wie die Werke an den Wänden. „Wir hatten viel Besuch, es kam sehr gut an“, sagt die Künstlerin.
Etwa zu der Zeit dauert in Böblingen eine Führung durch die unterirdische Welt der Stadtgeschichte an, organisiert vom Stadtarchiv. Schon früher am Abend beginnt in Sindelfingen ein interkulturelles Mitmachkonzert: In der Martinskirche feiern und singen die Teilnehmer, gespielt werden Lieder aus unterschiedlichen Ländern. „Es waren wirklich sehr viele Leute da“, schildert Sindelfingens Kulturamtsleiter Markus Nau, der mit mehreren Besuchern spricht. „Es war wohl sehr authentisch und berührend“, sagt er.
In der Galerie der Stadt beeindruckt derweil – auch ohne Protest oder Musik – die Ausstellung „Anatomy of Non-Fact“ von Martyna Marciniak mit ihren vielen kleinen Bildern und der Frage, was Fiktion und was Realität ist. Nebenan, in der Galerie im Oberlichtsaal, begibt sich Sarah Lehnert mit der „Verwandlung“ auf die Spuren Kafkas. Linien bilden an der großen Wand ein verbindendes Element zwischen den Körpern.
Nicht weniger Nachtschwärmer lassen die Museumsnacht nach 23 Uhr dann im Schauwerk im Sindelfinger Osten ausklingen. Dessen hohe Räume wirken auf jeden Besucher – egal ob zum ersten oder wiederholten Mal – imposant. Rund 800 Besucher kommen bis am späteren Abend, berichtet Kunstvermittlerin Christine Klenk, die an der Führung „Kunst und Physik“ beteiligt ist. Während sie dabei die Historik der Werke erklärt, übernimmt Physiker Marc Scheffler die technische Sicht, etwa zur Reflexion. Ein Angebot, das laut Organisatorin „sehr großen Anklang“ fand.