Lange Nacht der Museen in Böblingen und Sindelfingen Wie viel Kultur passt in sechs Stunden?

Schaufensterbummel für Kultur-Fans: Im Böblinger Galerieraum „Schacher 2“ erschafft Tobias Rupert ein Kunstwerk zu improvisierter Musik. Foto: Eibner/Michael Memmler/Langner

Eine Nacht, 16 Räume und ein übervolles Angebot an Ausstellungen, Kunstaktionen, Musik, Geschichte und Unterhaltung: Das war die Lange Nacht der Museen in Böblingen und Sindelfingen.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Samstagabend, 19.30 Uhr auf dem Böblinger Marktplatz. Das Schaufenster des Gebäudes mit der Nummer 24 zieht neugierige Blicke an. Drinnen in der Galerie Schacher 2 spielt sich eine merkwürdige Szene ab: Mit Kohle, Grafit, Wasser- und Wachsmalfarben hämmert, kratzt, wischt und streicht der Künstler Tobias Ruppert über einen Papierbogen. Neben ihm entfalten Delia Ramos Rodriguez, Violinistin beim Stuttgarter Kammerorchester, und der australische Pianist Alexander Waite (Master an der Musikhochschule Stuttgart) mit seinem Synthesizer einen bedrohlich-brummenden, an den Nerven zerrenden Klangkosmos.

 

Geleitet oder vielleicht eher getrieben von diesen Klängen, vollführt der Künstler aus Ostfildern mit Pinsel und Stift seinen wilden Tanz auf dem Papier. Als er damit fertig ist, fügt das Galeristenpaar Katrin und Marko Schacher das Werk zur Sammlung seines „Raums für Kunst und Poesie“ hinzu. Die Kulturnachtschwärmer, die eben noch teils fasziniert, teils irritiert zugeschaut haben, machen sich indes auf zur nächsten Station bei dieser 21. Langen Nacht der Museen in Böblingen und Sindelfingen. Bei insgesamt 16 Räumen, die es in beiden Städten zwischen 18 und 24 Uhr zu erkunden gibt, lohnt sich ein Blick ins Programm, um genau zu überlegen, was man alles sehen möchte.

Auf einen Cocktail in der „Babylon Böblingen Bar“

In Böblingen ist das vergleichsweise einfach, weil ein Großteil der teils sehr familienfreundlichen Angebote rund um Marktplatz und Schlossberg nah beieinander liegt. Wer beispielsweise die Zehntscheuer als Startpunkt wählt, kann sich dort die erst vor einer Woche mit großer Resonanz eröffnete Ausstellung „Schall und Rau(s)ch“ anschauen und dann mit der im 20er-Jahre-Look verkleideten Galerieleiterin Corinna Steimel an der „Babylon Böblingen Bar“ einen Cocktail trinken, während die Kinder unten im Deutschen Bauernkriegsmuseum bei der von Leiterin Lea Wegner konzipierten Museumsrallye etwas zum Thema Wappen lernen.

Zumindest in Teilen kindgerecht ist auch das aktuelle Programm im Deutschen Fleischermuseum. Auch hier gibt es eine von der Künstlerin Andrea Liebe gestaltete Museumsrallye, bei der ausgerechnet ein Schweinchen namens Schorschi von Fleischerhandwerk und Wurstherstellung erzählt. Die neue „Fo(o)dografie“-Ausstellung im Stockwerk darüber schauen sich Erwachsene ebenso wie Kinder an. Allerdings hat Museumsleiter Christian Baudisch davor eine Triggerwarnung platziert, weil hier unter anderem Aufnahmen aus einem Schlachtbetrieb zu sehen sind. „O je. Das ist echt hart“, sagt eine Besucherin, als sie sich in den mit einem Vorhang verhängten Raum wagt und die für manche sicher verstörenden Bilder von abgetrennten Rinderköpfen und bluttriefenden, am Fleischerhaken aufgehängten Schweinen auf sich wirken lässt.

DJ Doc Baudisch lädt in Fleischermuseum zum „Fleshdance“

Zugleich geht es hier aber auch wieder gewohnt witzig und skurril zu – etwa in der an diesem Abend eröffneten Collagen-Ausstellung „Scharfe Schere – Nacktes Beil“ des Duos Stefan Heuer und Boris Kerenski oder beim „Fleshdance“ mit Fleischermuseumsleiter „DJ Doc Baudisch“ am Plattenteller.

Böblingen hat an diesem Abend noch viel mehr zu bieten: Stadtarchiv und historische Scheune, Blaues Haus, Stadtkirche oder das Alte Amtsgericht, wo der Besuch sich Dank Kultourmachern, Kunstverein Böblingen, Deutsch-Russischem Kulturverein und der bestens aufgelegten Jazzconnection-Band um Landesjazzpreisträger Alexander Bühl sowohl in künstlerischer und kulinarischer als auch in musikalischer Hinsicht lohnt.

Etwas abseits, am Alten Friedhof, liegen die „Erinnerungsräume“ von Marinus van Aalst. Per Shuttlebus kommt man dort jedoch bequem hin. Nur bringt dies ein Problem mit sich, denn der Bus steuert den Postplatz (anders als gewohnt und auf dem Flyer eingezeichnet) jetzt aus der Gegenrichtung an. Das haben offenbar nicht alle mitbekommen, weswegen für manche die Fahrt nach Sindelfingen womöglich ausfällt.

Kunst trifft Künstliche Intelligenz in Sindelfingen

Das ist jedoch schade, denn auch hier gibt es eine Menge zu entdecken. In der Galerie der Stadt projiziert beispielsweise der Licht- techniker Fabian Krause Bilder aus der Sammlung an die Wände, die sich mittels Künstlicher Intelligenz beliebig verändern lassen. Wer beispielsweise über ein Tablet den Begriff „Hund“ eintippt, liest den Schriftzug „Bild wir berechnet“ und nach ein paar Sekunden fügt sich im Stile des jeweiligen Gemäldes ein Hund mit in das Motiv.

Im Oberlichtsaal beschäftigt sich die Sindelfinger Künstlerin Sabina Hunger in der neu eröffneten Ausstellung „Anorgan oder von der Natur der Dinge“ mit der Transformation ins Zeitalter der Elektromobilität, indem sie Lithium, Kobalt, Kupfer und andere für Batterienherstellung notwendige Rohstoffe in ihren Keramikwerken verarbeitet.

Neben Schauwerk, Stadtmuseum, Webereimuseum, Skriptorium und Martinskirche mausert sich die Musikschule SMTT als neue Station bei der Museumsnacht zum Hotspot. Der Grund ist das Trio Velvet um die Sängerin und SMTT-Lehrerin Kim Hofmann, das im Odeon den ganzen Abend über mit feinem Jazz und Pop für Besucherströme sorgt.

Weitere Themen