Langlauf-Erfolge bei Olympia 2022 Peter Schlickenrieder: „Unser Auftritt ist eine Inspiration“

Peter Schlickenrieder plaudert im Interview auch aus dem Nähkästchen. Foto: imago/Mario Aurich/MA

Peter Schlickenrieder, Cheftrainer der deutschen Langlauf-Mannschaft, über die glänzenden Olympia-Auftritte der Frauen, eine wilde Feier, den Spaßfaktor und das Star-Potenzial von Katharina Hennig.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Zhangjiakou - Er nicht nur der Chef. Sondern auch einer, der seine Emotionen zeigt. Kein Wunder, dass nach den beiden völlig unerwarteten olympischen Team-Medaillen der Langläuferinnen bei Bundestrainer Peter Schlickenrieder die Tränen flossen. Nun erklärt er, was hinter den Erfolgen steckt.

 

Herr Schlickenrieder, Sie hatten nach Gold im Teamsprint durch Katharina Hennig und Victoria Carl eine ausgelassene Feier angekündigt. Wie wild war es?

Sehr wild, so wie es sein muss. Wir haben alle nicht viel geschlafen. Mein Dank geht an Katharina Hennig.

Warum?

Wir haben in unserem Außenquartier gefeiert, und sie hat mich daran erinnert, dass um 3.30 Uhr der letzte Shuttlebus fährt. Ich weiß nicht, wie es sonst geendet hätte.

„Es wurde viel getanzt“

Wieso fand die Fete nicht im Olympischen Dorf statt?

Weil es dort nicht möglich gewesen wäre, dass alle gemeinsam feiern. Außerdem gibt es im Außenquartier eine nette Lounge. Wir haben eine Musikbox und ein paar Getränke organisiert, es wurde viel getanzt. Mehr brauchte es nicht. Es war simpler als bei anderen Großereignissen, aber nicht weniger schön.

Sie sind nach dem Gold-Coup extrem emotional gewesen. Was hat Sie so sehr gerührt?

Die ganze Situation, darunter Dinge, die niemand mitbekommen hat.

Erzählen Sie.

Der Tag hat gar nicht so gut begonnen. Es gab ein Gespräch mit einem Trainer, den ich gerne ins Team geholt hätte, der mir trotz eines unterschriftsreifen Vertrages abgesagt hat. Das war ein Rückschlag für meine Zukunftsplanungen. Und dann folgte am frühen Abend ein Erfolgserlebnis, das an Intensität nicht zu überbieten war. Da hat es mich übermannt – auch weil viele gar nicht abschätzen können, wie viel Kraft und Zeit es kostet, jeder und jedem in einem Team zu vermitteln, dass es alle braucht und dass alle Anteil an so einer Medaille haben.

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Können Sie ein Beispiel nennen?

Ja, aber es steht wirklich stellvertretend dafür, dass niemand bei uns auf die Uhr schaut, alle seit vier Jahren rackern, keiner lange diskutiert, alle anpacken, es keine Eitelkeiten gibt – und deshalb eine Menge Energie freigesetzt wird.

Und jetzt das Beispiel.

Unserem Damen-Trainer Erik Schneider ist neulich um 2 Uhr nachts eingefallen, was man noch gegen die extreme Kälte tun könnte. Also hat er sich mit Nadel und Faden hingesetzt und eigenhändig die Mäntel umgeschneidert, um auch die Stöcke noch unterbringen zu können. So etwas sieht keiner. Wenn sich derart harte Arbeit auszahlt, ist das ein krasses und super intensives Gefühl.

„Alle haben sich an die Taktik gehalten“

Was steckt sonst noch hinter dem Gold-Coup?

Zwei Mädels sind gelaufen, aber es ist vor allem eine Teamleistung gewesen. Entscheidend war, dass sich alle an die gemeinsam erarbeitete Taktik gehalten haben.

Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?

Nein. Zur Taktik gehört ja auch schon die Einsatzplanung. Victoria Carl zum Beispiel musste akzeptieren, dass sie im Einzelrennen nicht eingesetzt wird, um in den Teamwettbewerben voll da sein zu können. Das geht nur, wenn man tiefes Vertrauen zu den Trainern hat, das sich diese jeden Tag wieder aufs Neue erarbeiten müssen.

Im Rennen…

… hat Victoria Carl sich ebenfalls voll an die Marschroute gehalten, was ich bei ihr noch nicht oft gesehen habe. Sie will immer nach vorne, Gas geben. Diesmal hat sie sich gebändigt, um auf der Zielgerade alle Kraft einsetzen zu können. Wem dort auch nur ein Körnchen fehlt, der ist ohne Chance. Was sie im Schlussspurt gezeigt hat, war absolute Weltklasse.

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Top präsentierte sich auch Katharina Hennig, sie war die Stärkste im gesamten Feld.

Das stimmt. Sie hat angegriffen, als es weh tat, um den ganzen Haufen zu zerreißen.

Welches Potenzial steckt noch in Ihr?

Nach wie vor ist sie nicht weit genug für eine Einzel-Medaille bei einem Großereignis. Im klassischen Stil ist ihre Diagonaltechnik absolut exzellent, da ist sie die beste Frau. Aber im Flachen, bei der Doppelstocktechnik, sind andere stärker. Daran muss sie arbeiten, das wird die Herausforderung für die nächsten vier Jahre.

Was muss sie verbessern?

Ihre Athletik, die Kraftwerte. Das ist heftig und dauert, vor allem, weil eine Ausdauerathletin lieber über 27 Hügel rennt als einmal in den Kraftraum zu gehen. Das ist für alle ein Graus, muss aber sein, um den nächsten Schritt machen zu können.

„Hennig hat Star-Potenzial“

Kann Katharina Hennig das Gesicht des deutschen Langlaufs werden?

Sie hat definitiv das Potenzial, um ein Star zu werden. Allerdings muss sie sich dafür ihre Unbekümmertheit erhalten. Ihr Ding ist, trainieren zu gehen und nicht bis Mitternacht Grundsatzdiskussionen zu führen. Wir im Team müssen ihr helfen, dass sie sich dieser Art bewahren kann.

Der Begriff „Team“ ist Ihr absolutes Lieblingswort. Warum?

Ganz einfach: es geht nur im Team. Vor einem Jahr hatten wir die Heim-WM in Oberstdorf. Wir waren alle total verkrampft, wollten den Erfolg mit der Brechstange sichern. Diesmal haben wir uns viele Gedanken gemacht, Ideen gesammelt und umgesetzt, um den Spaßfaktor zu erhöhen. Das ist in der Pandemie nicht einfach, aber genau darum geht es: Spaß haben, das Wir-Gefühl wachsen zu lassen. Das ist nun bei den Spielen ein wesentlicher Baustein unseres Erfolgs.

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Ist es wirklich so einfach?

Ja. Natürlich muss alles zusammenpassen: Form, Material, Aufstellung. Aber die größte Lehre bei Olympia ist für mich, dass man trotz aller Arbeit, aller Ernsthaftigkeit, aller Fokussiertheit und aller Akribie niemals den Spaß verlieren darf.

Sie haben vor der Reise nach China gesagt, dass es nicht möglich sei, dort Medaillen zu holen.

Noch nie habe ich mich lieber getäuscht.

War das ein bewusstes Ablenkungsmanöver?

Nein. Ich bleibe dabei: Weder Silber in der Staffel noch Gold im Teamsprint waren im entferntesten zu erwarten, wir hatten ja im Weltcup nicht reihenweise Topplatzierungen. Bei einigen Läuferinnen ist offenbar ein Schalter gekippt und ich weiß immer noch nicht, warum. Mir ist völlig unklar, warum ausgerechnet das zigtausendste Gespräch bei Victoria Carl zu dem Vertrauen geführt hat, das nötig ist. Das ist ein Prozess, so etwas kann man nicht planen.

Norwegerinnen von der Rolle

Das gilt auch für die Leistungsstärke der Konkurrenz.

Richtig. Es konnte zum Beispiel niemand ahnen, dass die Norwegerinnen hier mehrheitlich von der Rolle sein werden und dazu in der Staffel noch stürzen. Das hat schon geholfen.

In zwei Sätzen: Warum erlebt das deutsche Langlauf-Team so erfolgreiche Winterspiele?

Weil wir uns nach der Heim-WM zusammengerauft haben und uns gesagt haben: So lassen wir es nicht stehen! Danach haben wir es gemeinsam angepackt.

Wie würden sie die beiden Medaillen einordnen?

Was dieses Team leistet, ist eine Sensation. Wir haben gezeigt, was sich mit Teamwork auch unter Druck bewirken lässt.

„Wir machen Lust auf Langlauf“

Wird das dem Langlauf einen Schub bringen?

Schon während der Pandemie haben ganz viele Leute den Weg zurück in die Natur gefunden, auch auf zwei Latten. Diesen Boom gab es bereits. Und wenn man etwas selbst tut, interessiert man sich natürlich auch dafür. Wie wir hier bei den Spielen aufgetreten sind und gekämpft haben, das ist eine Inspiration und macht Lust auf Langlauf. Diese zwei Faktoren, der Breitensport und der Erfolg im Leistungssport, können zusammen zu einer riesen Geschichte werden.

Zugleich steigen, so ist das Spiel, die sportlichen Erwartungen.

Das ist uns bewusst, aber wir nehmen diese Herausforderung gerne an. Bei uns kann sich jeder und jede noch weiterentwickeln. Wir sehen diese beiden Medaillen als Ansporn, werden uns nicht auf ihnen ausruhen. Jetzt fangen wir erst richtig an zu arbeiten.

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Mit Ihnen an der Spitze?

Im Team so eine Gold-Party zu feiern, ist superschön, auch wenn das eine oder andere zu Bruch gegangen ist. Niemand der Beteiligten wird diese Nacht je vergessen. Ich will Ähnliches für so viele Menschen wie möglich erlebbar machen. Wenn es mir gelingt, in den nächsten Wochen das Team zusammenzustellen, mit dem ich die Zukunft gestalten kann, werde ich vier Jahre weitermachen.

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