Sozialunternehmen kritisieren, Drogensüchtige würden von Arbeitshilfeangeboten kaum noch erreicht. Sie fordern ein größeres Engagement der Stadt. Beim Jobcenter sieht man das anders.
Stuttgart - Er habe viel Zeit gebraucht, um sich zu finden, sagt André Preissler. „Ich war viele Jahre einfach weg“, sagt der 48-Jährige, der den Großteil seines Lebens drogenabhängig war. Seit zehn Jahren ist Preissler aber weg vom Heroin und clean – seit rund einem Jahr ist er fest angestellt bei der Caritas. In deren T-Shirt-Druckwerkstatt 7Siebe hat er es geschafft, nach einer Arbeitsgelegenheit übernommen zu werden. Es sei für ihn anfangs nicht einfach gewesen, sich auf den Rhythmus des Arbeitslebens einzustellen, sagt er. „Ich hatte Glück. Ich glaube, dass ich auf dem ersten Arbeitsmarkt zusammengebrochen wäre“, sagt Preissler bei einem Pressegespräch, zu dem die Sozialunternehmen Neue Arbeit und Caritas eingeladen haben.
Die Träger wollen darauf aufmerksam machen, dass süchtigen Arbeitslosen nicht mehr genügend geholfen werde. Die Angebote erreichten die meisten langzeitarbeitslosen suchtkranken Menschen nicht mehr, weil sie nicht auf sie zugeschnitten seien, sagt Hans-Ulrich Rabeneick, stellvertretender Geschäftsführer der Neuen Arbeit. Er fordert individuell gestaltete Maßnahmen mit flexibler Stundenzahl für diese schwierige Zielgruppe. Da der Bund das aber nicht finanziert, setzt er auf die Kommune – eine Forderung, die von Trägerseite immer wieder vorgebracht wird. Thomas Weidle von der Caritas pflichtet Rabeneick bei: „Sie erreichen momentan nicht den Personenkreis.“
Der Fachdienstleiter Sucht und Sozialpsachiatrische Dienste bei der Caritas nennt das Beispiel Lederschmiede, in der einst 25 Drogenabhängige gearbeitet haben. Heute ist dort nur eine Süchtige, finanziert von der Caritas. Zwei psychisch Kranke und drei Flüchtlinge komplettieren das Team. Auch im Kulturwerk ist der Anteil der drogenabhängigen Beschäftigten laut Leiter Armin Markmeyer gesunken – von 70 auf weniger als 50 Prozent.
„Null-Euro-Jobs“ statt „Ein-Euro-Jobs“
Hintergrund der Trägerkritik ist eine Umstellung Anfang 2014. Die Maßnahme „Produktiv in Arbeit“ (Pia) löste die Arbeitsgelegenheiten ab. Die Krux an diesen war neben der Förderdauer (höchstens zwei Jahre innerhalb von fünf Jahren), dass sie seit einer Reform des Bundes von 2012 zusätzlich, wettbewerbsneutral und im öffentlichen Interesse sein müssen. Diese Bedingungen erfüllten die Arbeit-statt-Drogenprojekte aber nicht. Deshalb stellte das Jobcenter um: bei Pia gelten die Einschränkungen nicht, die Teilnehmer werden zudem qualifiziert. Bei den Sozialunternehmen ist Pia aber unbeliebt. Denn für diese Maßnahme seien die Drogenabhängigen nicht leistungsfähig genug, so die Träger. Und sie kritisieren, dass die Teilnehmer keine Mehraufwandsentschädigung erhalten – die 1,50 Euro fallen weg. „Null-Euro-Jobs“ seien für die Zielgruppe allerdings demotivierend.
Offenbar sieht das die Gemeinderatsmehrheit ähnlich. Die Stadt wird wieder Arbeitsgelegenheiten für Drogenabhängige anbieten – mit Geld vom Bund. Die Stadt hat das Ende 2015 beschlossen – wohl wissend, dass die Gefahr besteht, dass der Bundesrechnungshof die Wiedereinführung beanstanden könnte. Schließlich gelten die Kriterien, wie die Zusätzlichkeit, weiterhin. Die Träger haben ihre Anträge gestellt, die Bearbeitung ist laut Jobcenter kurz vorm Abschluss. 92 Arbeitsgelegenheiten für Drogenabhängige sollen in diesem Jahr bewilligt werden. Der Leiter des Jobcenters, Jürgen Peeß, weist die Kritik der Sozialunternehmen, dass Drogenabhängige unzureichend gefördert würden, mit Vehemenz zurück. „Wir haben ausreichende und passgenaue Unterstützungs- und Aktivierungsmaßnahmen für suchtkranke Menschen“, betont Peeß. Diese seien individuell mit den Suchtberatungsstellen abgestimmt. Auch Ausgleichszahlungen an Unternehmen aus dem ersten Arbeitsmarkt, die Drogenabhängige beschäftigen, gehörten dazu.
Stadt finanziert 25 einfache Beschäftigungsmaßnahmen
Der Gemeinderat habe zudem 25 niederschwellige Beschäftigungsmaßnahmen in diesem und 36 im nächsten Jahr freigegeben, die direkt an die Suchthilfe angedockt werden sollen. Diese einfachen Angebote finanziert die Stadt, die übrigen Arbeit-statt-Drogen-Projekte nicht.
Peeß glaubt sehr wohl, dass sich Pia für Drogenabhängige eignet – 71 Plätze seien zugeteilt.Aber auch die Sozialunternehmen müssten sich weiterentwickeln, wenn sich die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern, sagt Peeß. Nach einer Erhebung des Sozialamtes seien 33,1 Prozent der Klienten der ambulanten Suchthilfe in einem Beschäftigungsverhältnis. Entsprechend sieht Peeß die Integration von Süchtigen auf dem ersten Arbeitsmarkt, die ihr Ziel sei, durchaus als realistisch an.