Langzeitschäden „Long Covid“ Corona und der lange Weg zurück ins Leben

Beide haben Corona überstanden – Sabine Servinho-Lohmann allerdings besser als ihr Mann J.J. Lohmann. Das große Bild hinter den beiden hat er gemalt, als sie im Koma lag. Foto: factum/Andreas Weise

Sie musste ins Koma versetzt werden, er leidet bis heute: Sabine Servinho-Lohmann und J.J. Lohmann aus Ludwigsburg haben den Horror von Covid-19 am eigenen Leib erlebt. Jeder fünfte Covid-Kranke spürt Langzeitfolgen – und Ärzte ordnen viel zu selten Therapien an. Warum?

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Ludwigsburg - Als der Künstler die Treppe aus seinem Kelleratelier hochsteigt und sich auf den Stuhl am Esstisch fallen lässt, macht er ein Geräusch: ein leises, aber deutliches Keuchen. Nur ein Stockwerk – und dennoch ist der 75-Jährige außer Atem. Spricht man ihn darauf an, reagiert der gebürtige Australier, der sich nur als J.J. Lohmann vorstellt, mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Anyway“, sagt er, also: wie auch immer. Aber ja, gibt er zu, seit seiner Corona-Infektion vor einem guten Jahr leide er an Atemnot.

 

Plötzlich verliert die 67-Jährige das Bewusstsein

Vor dem Ausbruch der Pandemie waren J.J. Lohmann und seine Frau Sabine Servino-Lohmann als Künstler-Ehepaar viel unterwegs. Das ist vorbei. Die beiden wurden mit Wucht von der ersten Welle im März 2020 getroffen, damals war das Virus noch neu, weitgehend unbekannt. Als Sabine Servino-Lohmann ihrem Arzt von Halsweh, Geschmacksverlust und Fieber berichtete, schickte der sie wieder heim: „Nicht jede Erkältung ist Corona“, sagte er nur. Zwei Tage später ging sie wieder hin, weil sie kaum mehr schlucken konnte. Kurz danach das Ergebnis: positiv.

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Wenige Tage später verliert sie im Atelier ihres Mannes plötzlich das Bewusstsein. Ein Krankenwagen bringt sie ins Ludwigsburger Krankenhaus, sie bekommt Sauerstoff und eine Infusion. Nach einer Woche auf der Infektiologie heißt es plötzlich, dass sie verlegt werden müsse. Erst viel später wird Sabine Servinho-Lohmann verstehen, dass sie damals auf die Intensivstation kam – und ins Koma versetzt wurde.

Inzwischen hat sie wieder 100 Prozent Lungenvolumen

Als sie aufwacht, steckt in ihrem Hals ein Beatmungsschlauch, sie hat einen Luftröhrenschnitt, sprechen unmöglich. Vieles erlebt sie wie durch einen Schleier, ihr werden Opiate zur Beruhigung verabreicht. Nach neun Tagen auf der Intensivstation darf sie wieder zurück auf die normale Station, „ein richtiger Glückstag“, wie sie sagt. Doch nun muss sie alles neu lernen: Aufstehen, Laufen, Treppensteigen. Außerdem gerät sie bei der kleinsten Anstrengung in Atemnot. Es ist klar: Ein Rehaplatz muss her.

Drei Wochen lang verbringt Sabine Servinho-Lohmann in der Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld im Schwarzwald. „Ich saß täglich auf dem Ergometer, außerdem trainierte ich meine Oberschenkel, weil ich schnell wieder richtig laufen wollte.“ Sie ist froh, dass sie dort war: Inzwischen hat die 67-Jährige wieder 100 Prozent Lungenvolumen.

10 bis 20 Prozent haben Langzeitsymptome

Ihr Mann, J.J. Lohmann, war damals nicht im Krankenhaus und auch nicht in Reha – obwohl auch er einen schweren Verlauf hatte. Jedes Mal, wenn er in der Klinik anrief, um sich nach dem Zustand seiner Frau zu erkundigen, brachte er kaum einen Ton heraus, weil ihm das Atmen so schwer fiel. Die Ärzte und Krankenschwestern forderten ihn mehrfach auf, sofort zu kommen, „ich wollte nicht.“ Er ist so etwas wie ein Frischluftfanatiker, steht auch im Winter nachts am geöffneten Fenster. „Ich kann nicht mit Menschen in einem Raum sein, die nicht lüften wollen“, sagt er. Zudem hat er sich vor Jahren mal einen Krankenhauskeim eingefangen, seitdem steht er Klinikaufenthalten skeptisch gegenüber. Er blieb also coronapositiv und krank zu Hause. Heute gerät er selbst bei Spaziergängen völlig außer Atem.

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„Bei 10 bis 20 Prozent der ehemals an Corona Infizierten gibt es Langzeitsymptome. Aber nur ganz wenige derer, die an Spätfolgen leiden, kommen in Reha. Es gibt viel mehr freie Plätze als Nachfrage“, sagt Gert Krischak. Er ist Chefarzt am Zentrum für ambulante Rehabilitation in Friedrichshafen und der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Von dieser „spürbaren Unterauslastung“ ausgenommen seien allerdings spezialisierte Fachkliniken für Rehabilitation, zum Beispiel für Lungenerkrankungen oder neurologische Folgeschäden. Vor allem dort würden ehemalige Corona-Patienten landen, die schwere Komplikationen während ihrer Erkrankung hatte. „Sie werden in der Regel direkt vom Arzt oder vom Krankenhaus dorthin vermittelt“, sagt Krischak.

Es fehle das Bewusstsein für Long Covid, sagt der Experte

Doch nur die wenigsten wüssten, dass auch Reha-Kliniken, die keine eigenen Abteilungen für Atemwegserkrankungen oder Neurologie haben, schon seit Monaten ebenfalls Programme für Long-Covid-Patienten anböten, sagt Krischak. In diesen Programmen ist zum Beispiel körperliches Training und Physiotherapie, Atemtherapie, Aufklärung über die Krankheit einschließlich psychologischer begleitender Therapie enthalten.

Bei vielen Patienten und teilweise auch bei Ärzten fehle es an Bewusstsein dafür, dass auch Gelenkschmerzen oder anhaltende Erschöpfung mit die häufigsten Symptome von Long Covid sind, sagt Krischak. „Viele ehemals Infizierte werden stattdessen arbeitsunfähig geschrieben und kommen bei ihrer Genesung nicht weiter.“ Niemand fühle sich richtig zuständig. Das sei fatal, denn zumindest unter denen, die nach einer Corona-Infektion aus dem Krankenhaus entlassen wurden, litten 40 bis 60 Prozent unter Kurzatmigkeit, 60 bis 70 Prozent unter Fatigue, also Abgeschlagenheit, Mattheit und Schwäche über Monate hinweg. „Long Covid hat sich noch nicht als Erkrankung in den Köpfen vieler festgesetzt.“

Auch eine Reha ist kein Allheilmittel

Freilich ist aber auch eine Reha keine Garantie, dass alles wieder gut wird: Der Ludwigsburger Dietmar Buck (61) war nach einer Corona-Infektion im vergangenen Frühjahr und einem längeren Krankenhausaufenthalt ebenfalls in Reha; in einer Klinik in Heidelberg. „Das hat schon geholfen“, sagt er. „Ich habe viel Nordic Walking gemacht, war auf dem Laufband und Fahrrad, habe Treppensteigen geübt und Krafttraining absolviert.“ Regelmäßig wurde zudem seine Lungenfunktion getestet sowie ein Langzeit-EKG gemacht, weil er während seiner Infektion einen Herzstillstand erlitten hatte.

Heute sagt Dietmar Buck: „Ich bin immer müde. Wenn ich vom Geschäft heimkomme, schaffe ich kaum mehr etwas Körperliches.“ Außerdem leide er oft unter Druck auf der Brust, kriege dann kaum mehr Luft. Sein Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr Ludwigsburg gestaltet sich dadurch zunehmend schwierig. Und wenn er eine Kiste Sprudel aus dem Keller holen soll, ist er hinterher platt. „Ich bin ein Kämpfer, aber ich glaube nicht, dass es wieder so wird wie früher“, sagt er. „Etwa alle vier bis fünf Wochen kommt ein neuer Rückschlag.“ Aufgeben will er dennoch nicht, täglich geht er eine Stunde spazieren – egal welches Wetter herrscht. „Sonst wird das nichts.“

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