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Lappland Flucht in den Winter

Von Sandra Markert aus Nurogarm 

Im Norden Lapplands liegt von September bis Mai sicher Schnee - die Frage ist nur, wie man sich am besten fortbewegt. Drei Möglichkeiten.

Rentier Emil gefriert bei minus 30 Grad der Atem, Besitzer Erik Valle versucht sich mit der Sami-Tracht warum zu halten. Foto: Markert
Rentier Emil gefriert bei minus 30 Grad der Atem, Besitzer Erik Valle versucht sich mit der Sami-Tracht warum zu halten. Foto: Markert

Der Motorschlitten
Wie die Raupe Nimmersatt frisst sich die Kälte Kleiderschicht um Kleiderschicht Richtung Körper durch. Einzig die Hände, die aus dem marsmenschenähnlichen Schneeanzug herausragen, sind noch warm. Denn die Griffe vom Schneemobil werden beheizt. Sonst ließe sich dieses boxautoähnliche Gefährt auf Skiern gar nicht bei minus 30 Grad durch die lappländische Polarnacht steuern. Durch einsame Wälder, die dick in Schnee gepackt sind. Über einen See, der sich unter einer meterdicken Eisschicht versteckt. Aslat-Jon Lánsman, 25, hebt die Hand. Das laute Knattern der Motorschlitten verstummt, der Benzingestank wird von der klaren, eisigen Luft verschluckt. Stille. Einsamkeit. Dunkelheit. Nur das Licht der Sterne gibt die sehnsuchtsvollen Blicke Richtung Himmel preis. Denn wer sich Mitte Januar nicht in den warmen Süden flüchtet, sondern nach Nuorgam, ins nördlichste Dorf der Europäischen Union, mitten in diese Eiswüste, der hat einen Traum: Aurora borealis, die mystischen Nordlichter. „Die Jahreszeit ist gut, und die Polarlichtvorhersage ist bei drei von fünf Stufen“, sagt Aslat-Jon Lánsman. Der Besitzer von einem „Berg voller Rentiere“ wie er es umschreibt, um sein genaues Vermögen nicht zu verraten, ist Sami. „In unserer Kultur glaubte man früher, dass Füchse nachts mit ihren Schwänzen den Schnee aufwirbeln. Der steigt dann als Polarlicht zum Himmel.“ Ihm gefällt die Erklärung bis heute besser als die wissenschaftliche mit der Sonnenaktivität. Vielleicht, weil er damit die enttäuschten Touristen aus Asien, Russland und Europa besser trösten kann, wenn das geisterhafte grüne, blaue oder rote Feuerwerk am Polarhimmel trotz Vorhersage ausbleibt. So wie heute. „Naturphänomene lassen sich eben nicht als fester Programmpunkt buchen“, sagt er und beendet die einstündige Zitterpartie auf dem zugefrorenen See. Die laut knatternden Schneemobile treiben auf dem Rückweg sicher auch die letzten Füchse in ihre Bauten. Der Himmel bleibt dunkel.

Der Rentierschlitten
Emil prustet leise beim Atmen. Hufe und Kufen knarzen im Schnee, durch den das Rentier gemächlich mit seinem Schlitten stapft. Anders als auf dem Schneemobil bleibt dem Mitfahrer Zeit, die Puderzucker-Winterlandschaft wahrzunehmen - ohne laut knatternden Motor und warm unter Wolldecken verpackt. Gut, ein Polarlicht verirrt sich tagsüber nicht an den Himmel über Utsjoki. Dafür aber ein Naturphänomen, das für die Bewohner Lapplands noch viel bedeutsamer ist: „Seit 50 Tagen ist jetzt, Ende Januar, endlich mal wieder die Sonne zu sehen“, sagt Henry Valle (23), der Emil an der Leine führt. Etwa 20 Rentiere haben Henry und sein Bruder Erik (21) über mehrere Jahre so trainiert, dass sie sich vor einen Schlitten spannen lassen. „Bei acht von zehn Tieren klappt das gar nicht, weil sie einfach zu scheu sind“, sagt Henry Valle. Bis vor etwa 15 Jahren waren Schlitten für die Sami, zu denen auch die Valle-Brüder gehören, noch die einzige Möglichkeit, um im Winter nach ihren Rentierherden zu sehen, die in großen Waldgebieten leben. Heute brettern sie auf ihren Motorschlitten zu den Tieren. „So können wir abends auch wieder zurück nach Hause und müssen nicht im Lavvu übernachten“, sagt Henry Valle. In einem solchen indianerzelt-ähnlichen Unterschlupf macht er heute nur noch Aufwärmpausen - auch bei den Rentierschlitten-Safaris. Während das Kaffeewasser über dem Lagerfeuer brodelt und die Würstchen am Stock langsam braun werden, erzählt Henry Valle vom Kampf der Sami, ihre eigenen Sprachen wieder in der Schule lernen zu dürfen, von jungen Leuten, die Lappland immer häufiger den Rücken kehren („keine Arbeit, zu kalt“) und von Thailand: „Wer es sich leisten kann, flüchtet im Winter zwei Monate in die Wärme.“ Henry Valle hat das noch nie gemacht. Die Rentiere brauchen ihn - und die Touristen, die in den Winter geflüchtet sind.

Der Husky-Schlitten
Ob das mit der Flucht in den Winter eine so gute Idee war? Wie Hagelkörner prasseln die Eisbrocken gegen die Wangen. Dann landet eine gelbe Fontäne nur Zentimeter neben den Füßen. Aber Judas, Stivi, Yoko, Depp, Joni und Pontus haben keine Zeit für eine Pinkelpause. Die sechs Huskys flitzen in Motorschlitten-Geschwindigkeit durch den Schnee. Gegen den eisigen Fahrtwind trägt der Schlittenführer auch hier einen Schneeanzug, der ihn in einen unförmigen Marsmenschen verwandelt. Ob die Hunde deshalb nicht auf die Kommandos hören? Ein beherzter Sprung auf die Holzbremse drosselt zwar das Tempo, wird aber mit einem vorwurfsvollen Blick der Hunde quittiert. Sie brauchen Bewegung, keine ängstlichen Touristen. Und sie wissen ziemlich genau, was sie tun. Und tatsächlich: Sobald man die Verantwortung, nicht gegen die nächstbeste Baumgruppe zu knallen, an die Hunde abgibt, versteht man Juha-Pekka Lignell. Mit 17 Jahren hat sich der Finne seinen ersten Husky gekauft, weil ihn die Lauffreude der Tiere faszinierte. Kurz darauf zog er von der Mitte Finnlands ganz in den Norden des Landes, um dort 1988 der erste Husky-Züchter Lapplands zu werden. „Hier in Ivalo liegt etwa ein halbes Jahr lang Schnee. Für das Training mit den Hunden ist das perfekt“, so Lignell. Inzwischen gehören ihm 150 Hunde, er hat in Lappland seine Frau kennengelernt, die drei Söhne haben alle ihren eigenen Husky-Schlitten. Für Juha-Pekka Lignell hat sich die Flucht in den Winter gelohnt.

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