Lars Eidinger in Stuttgart Konfettikanonen statt Hamlet

Lars Eidinger als DJ im Club Freund und Kupferstecher. Foto: Fabian Freitag

Am Freitag hat Lars Eidinger zum ersten Mal als DJ in Stuttgart gespielt. Das Set des Schauspiel-Stars war gnadenlos unterhaltsam. Über eine Nacht mit dem Charakter einer Abi-Party.

Stuttgart - Wo empfängt man Lars Eidinger vor seinem Stuttgart-Debüt als DJ? Natürlich im Lehen, der einzigen Kneipe in Stuttgart, die so gut ist, dass ein ganzes Viertel nach ihr benannt wurde. Auf dem Weg zur Stadtteilkneipe Begutachtung des besten Graffito der Stadt: An eine Wand im Süden hat ein Klima-Spaßvogel „Greta Thunberg Ultras“ gesprüht.

 

Im Lehen dagegen sind die Lars-Eidinger-Ultras zusammengekommen. Im Bücherzimmer der Kneipe sitzen Anton Aldinger, Teil des Künstlerkollektivs Delinquent Network. Christopher Warstat, Betreiber des Clubs Freund und Kupferstecher, in dem Eidinger später spielen soll und Aleksandras Skwarc von der Agentur Musique Couture, die den Schauspieler als DJ vertritt und natürlich Eidinger selbst.

Vor der Begegnung hatte man ein wenig Bammel, Eidingers verschiedene Rollen als Psychopath im Hinterkopf, zum Beispiel im Kieler Borowski-Tatort, in dem er einen durchgeknallten Frauenmörder spielt. Und dann das: Was für ein umgänglicher und zurückhaltender Herr, dessen einzig exzentrisches Element sein Outfit ist. Eidinger macht vor, wie man als deutscher Superstar in eine Stadt einreitet, in der man erstmals auflegt: weißes T-Shirt und weiße Short von Armani, als käme er direkt vom Center-Court in Wimbledon.

Grüße an den Koch

Statt Erdbeeren gibt es geschmälzte Maultaschen mit Kartoffelsalat, die Eidinger biolek-artig mit einem „mhh, lecker“ würdigt. Eine schwarze Übergangsjacke von Balenciaga sorgt dafür, dass das weiße Shirt keine Soßen-Flecken abbekommt.

„Es war super, Grüße an den Koch“, sagt Eidinger zum Service, und erzählt, dass er seit über 20 Jahren als DJ auflegt. 1998 hat er auf dem Berliner Label K7 die Platte „Ill Break Ya Legg“ herausgebracht. An der Schaubühne, an der er seit 1999 Ensemblemitglied ist und dort zum Beispiel den Hamlet gibt, hat er die Partyreihe „Autistic Disco“ etabliert. „Früher habe ich mir lange Gedanken gemacht über Setablauf und Übergänge und dann hat keiner getanzt. Bei den Premierenpartys ging es dagegen total ab, seitdem lege ich lieber Popmusik auf“, sagt Eidinger, und entschuldigt sich im Voraus, das er auf Übergänge weitestgehend verzichten würde. Wenn Eidinger nicht gerade in Clubs auftritt, spielt er auf Privatpartys von Firmen wie Montblanc.

Nachricht vom Berliner Platz: Die Schlange vor dem Freund und Kupferstecher ist schon 300 Meter lang, man müsste sich so langsam aus der Behaglichkeit des Lehens herauswagen. Zwischenstopp im Le Méridien, Eidinger will sich sein Kostüm fürs Auflegen anziehen, was auch immer das bedeuten mag. Während der Wartezeit halten Taxis, aus denen Männer purzeln, die Lederhosen tragen und Englisch sprechen, richtig, es ist Frühlingsfest, einer trägt ein Hähnchen auf dem Kopf, das bei Knopfdruck Geräusche macht, und dann Auftritt Lars Eidinger. Die weiße Short wurde gegen eine blaue getauscht, der Hoodie ist giftgrün. Im Gesicht hat Eidinger rund 30 Sticker, von Helllo Kitty bis Smileys. Sieht selbstverständlich spitze aus.

Popkulturelle Weiterbildung

Im Club hat Anton Aldingers Mitstreiter Aljosha Rösch das Warm-up übernommen, alle warten gespannt auf Eidingers Auftritt. Zur besseren Beobachtung stellt man sich neben das Gesamtkunstwerk aus Berlin und ist damit Teil der DJ-Entourage, die man aus einer anderen Perspektive an einem anderen Abend eher schwierig gefunden hätte, die Wege zur Bar sind aber kurz und darauf kommt es ja auch an.

Außerdem hat man vom DJ-Pult den perfekten Überblick über die tanzende Masse, diesen vielgliederigen Körper, und sofort will man Christopher Warstat und Felix Klenk, die den Club gemeinsam betreiben, und Anton Aldinger und Aljosha Rösch danken, dass sie die richtigen Künstler nach Stuttgart buchen und damit für popkulturelle Weiterbildung sorgen. Hier hat zum Beispiel Hip-Hop-Künstler Rin gespielt, ehe er im vergangenen Dezember dann in der Porsche-Arena aufgetreten ist.

Das sollte auch der Anspruch für den zweiten Auftritt von Lars Eidinger in Stuttgart sein. Tatsächlich verzichtet der wie angekündigt auf Übergänge, spielt Queen auf Busta Rhymes, Konfetti-Kanonen werden gezündet und zum ersten Mal in der Geschichte des Clubs ertönt die Spider Murphy Gang mit Skandal im Sperrbezirk. Jetzt hat die Nacht endgültig etwas von einer oberbayerischen Abitur-Party, was ja auch unglaublich befreiend sein kann.

Kurz nach „Rhythm is a Dancer” von Snap, es ist mittlerweile 4.39 Uhr, übergibt Eidinger die musikalische Verantwortung zurück an Delinquent Network, und stürmt selbst auf die Tanzfläche. Einige Fragen bleiben offen: Die Band Faithless hat einst behauptet, dass Gott ein DJ ist, aber was ist dann mit Claus Peymann? Würde Eidinger, wenn er eines Tages den Iffland-Ring als Preis für den besten Schauspieler gewinnt, damit auch scratchen? Sein oder nicht sein? Eine Nacht mit Lars Eidinger bedeutet Sein, und davon jede Menge.

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