Lars und Hannes Kuhn aus Karlsruhe: Die letzten Berufsfischer auf dem Rhein Zwei Brüder fangen Rhein-Fische für Sterne-Restaurants

Hannes (links) und Lars Kuhn mit einer Nase und einem Rotauge Foto: Robin Szuttor

Die Brüder Lars und Hannes Kuhn aus Karlsruhe sind die letzten Berufsfischer auf dem Rhein. Sie beliefern Sterne-Restaurants mit Zander, Hecht und Wels – von der Stuttgarter Wielandshöhe bis in den Schwarzwald und die Pfälzer Weinstraße.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Der Rhein liegt seelenruhig in einem Altarm. Lichter der Industrieanlagen spiegeln sich darin. Gegenüber ist der Containerhafen Wörth. Mercedes hat hier das größte Lkw-Werk der Welt mit 10 000 Beschäftigten. Daneben die riesige Papierfabrik Palm mit eigenem Kraftwerk. Scheinwerfer setzen Dampfwolken kunstvoll in Szene, als wäre das so gewollt. Dazu ein Grundrauschen vom Autoverkehr, schon um fünf in der Früh. Hier wird es nie ganz still, nie ganz dunkel – mag der Mond als noch so mickrige Sichel am Himmel stehen.

 

Auf der anderen Uferseite, wo der Segelverein Wörth sein Domizil hat, ist eine kleinere Welt. Der Weg führt über enge Sträßchen, vorbei an Äckern, durch ein Waldstück. Um diese Zeit begegnet man hier nur einem Hasen, einem Reh und den Brüdern Kuhn.

Lars und Hannes Kuhn streifen sich Ganzkörperölzeug und Stirnlampen über, steigen in Gummistiefel mit Winterreifenprofil und lassen ihr Aluminium-Kähnchen zu Wasser, kaum größer als ein Ruderboot am Ebnisee. Mit drei Mann plus Ausrüstung wird es schon ziemlich eng.

Lars Kuhn, 29, startet den Außenbordmotor. Und dann geht es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf große Fahrt. Nimm mich mit Kapitän auf die Reise. . . Wird hier auch nur in Altarmen, Nebengewässern und Überflutungsgebieten geschippert: Wenn einen die Wogen erst zu schaukeln beginnen, fühlt man sich gleich wie ein Leichtmatrose. „Mal sehen, wie es läuft“, sagt Hannes, 33. Auf See wird nicht gesiezt.

Die Brüder haben es auf die Edelräuber abgesehen: Zander, Hecht, Wels

Lars steuert auf das erste Netz zu. Als die beiden es am Vorabend auslegten, haben sie das eine Ende an Uferzweigen auf Wasserniveau angebunden. Jetzt stehen die Äste meterhoch im Freien. „Solche Schwankungen sind ganz normal“, sagt Hannes. „Welche Wassermassen sich da bewegen, das muss man sich mal vorstellen.“

Meter für Meter holen sie das Netz ein. „Gar kein so schlimmes Gewurstel, wie man denkt“, sagt Hannes. Er pult den ersten Fisch aus den Maschen, Lars verpasst dem Tier einen knackigen Kopfschlag mit dem Holzstock. Ein Döbel, der in die Kategorie „Weißfisch“ fällt, also Beifang. Lars findet ihn „geschmacklich interessant“, doch Restaurantgäste mögen es lieber, wenn Fisch nicht so fischig schmeckt. Deswegen habe es die Brüder vor allem auf Edelräuber abgesehen: Den aromatischen Hecht. Den Zander mit seinem zarten, mageren Fleisch. Den fetten Wels, auch gut zum Räuchern geeignet.

Hannes pfriemelt einen Kamberkrebs aus dem Netz. „Hochproblematisch, eine invasive Art aus Nordamerika. Sie setzen sich am Grund ab, graben Höhlen, fördern die Erosion.“ Das Gleiche mit den Quaggamuscheln, die gern Schleusentore verstopfen – „eine Plage, auch importiert“. Dann der erste Zander im Netz. Ein Prachtexemplar. „Seit 250 Jahren hier ansässig, inzwischen gut integriert.“ Ein Segen. Gut zu vermarkten.

Fangsaison ist von Oktober bis März. Drei Mal die Woche gehen die beiden raus. Ihr Boot ist eine Spezialanfertigung, „ohne Kiel, weil wir ja manchmal am Ufer nur in 30 Zentimeter Tiefe fahren“. Lars und Hannes sind die letzten hauptberuflichen Rheinfischer im Land. Deutschlandweit gibt es nur noch einen weiteren, in Hessen. „Und davon könnt ihr leben?“, werden sie öfters gefragt.

Auf 70 Kilometer zwischen Mannheim und Karlsruhe haben sie Rhein-Gewässer gepachtet. Die Kunden sind Gourmetrestaurants – von Stuttgart bis zum Schwarzwald und in die Pfalz. Sie werben mit dem Prädikat „frisch gefangen aus dem Rhein“. Oder wie Vincent Klink, Patron der Wielandshöhe in Degerloch, sagt: „Die Altwasser des Rheins sind kalt, frisch und gut durchlüftet. Es ist wie beim Schwein: Es schmeckt nach dem Stall, aus dem es kommt.“

Vater Kuhn hat damit angefangen. Nach dem BWL-Studium promovierte er über die Rheinfischerei und wagte irgendwann den Schritt ins Praktische. Erst mit Aalreusen. Dann kaufte er sich ein Boot. „Unser Vater war immer allein unterwegs, ohne Handy“, sagt Lars. „Wenn da mal was Ernstes passiert wäre. . .“ Ein Idealist. „Herr Kuhn“, hat mal einer zu ihm gesagt, „Sie sollten sich nach dem Tod ausstopfen lassen.“ Götz Kuhn ist jetzt 77. Manchmal geht er noch mit raus und ist auch sonst eine sichere Bank im Dreimannbetrieb.

Der Hecht hat rasiermesserscharfe Zähne

Nächstes Netz. Hannes nestelt ein Rotauge aus den Schlingen. „Den kannst du keinem Kunden mehr geben.“ Weggekratzte, weggebissene Stellen. Wahrscheinlich hat ein Wels nach ihm geschnappt. Dann hängt der erste Hecht in den Maschen. „Schau, was für tolle Kiemenfächer“, sagt Hannes. „Und diese Zähne. Rasiermesserscharf. Im Nu hast du dich daran verletzt. Selbst wenn man nur leicht drankommt – schon fließt Blut.“

Er ging mit 17 für ein Jahr nach Ecuador. Seine Findungsphase, wie er sagt. Dort beschloss er, Biodiversität und Ökologie zu studieren, um danach in den heimischen Fischereibetrieb einzusteigen. Er rief gleich den Vater an und setzte ihn in Kenntnis. „Aha“, meinte der. Lars hatte nach dem Abi die gleiche Idee. Er machte eine Fischwirtslehre und den Meister. Vor neun Jahren haben die beiden das Geschäft übernommen.

„Erst die mündungsnahen?“ Lars nickt. Sie müssen nicht viel reden. Meistens kommen sie einen ganzen Morgen mit ein paar Worten aus – wie es nur Geschwister oder Eheleute können. In Karlsruhe wohnen sie fünf Minuten voneinander entfernt. Beide haben ein paar Hühner zuhause rumspringen. Hannes mag seinen Garten und Pflanzen. Lars ist ein Heimwerker.

Es kann ruhig hageln, schneien, regnen. Nur bei Wind wird’s kompliziert. „Ohne Kiel driftet das Boot viel stärker ab“, sagt Hannes. Lars pellt einen Hecht aus dem Netz, die Maschen haben sich in den Kiemenbögen verfangen. „Auch von Kämpfen gezeichnet, wahrscheinlich mit Artgenossen.“

Der Tag bricht an. „Die Jungfische springen – schau, da vorne überall.“ Ein munteres Gekräusel auf der Wasseroberfläche vor fast schon kitschig rosafarbenem Himmel. Am Ufer geht jemand mit seinem Pinscher spazieren. Was die Leute in den warmen Büros wohl denken, wenn sie aus dem Fenster gucken? „Ich glaube, den meisten tun wir leid“, sagt Lars. Aber sie würden nie tauschen. „Ich brauch kein Yoga, keinen Mentalcoach“, sagt Hannes. „So ein Sonnenaufgang reicht mir.“

Die nächsten Fanggründe tragen schöne Namen wie Saugrube, Monsterloch, Gelbe Wiese. „So ein frischer Fisch hat doch einen ganz anderen Glanz“, sagt Lars und legt einen Hecht in die Kunststoffbox. Manchmal sind auch Karpfen dabei. Oder Schleien, fest und grätenarm. Einmal hatte sie einen seltenen Maifisch. Den brachten sie zum Regierungspräsidium, man wollte genetische Proben.

Lars und Hannes haben noch persönlichen Kontakt zu jedem Fisch. Sie holen jeden einzelnen in Handarbeit aus den Maschen – die so breit angelegt sind, dass allein die dicken Brummer sich darin verfangen.

Ein Familienbetrieb, der einen Bruchteil des jährlichen Fischzuwachses fängt, muss sich nicht dem Problem der Überfischung stellen. „Doch der CO₂-Abdruck von importiertem Fisch kann enorm sein“, sagt Hannes. „Hauptumschlagplatz in Europa ist nicht etwa der Großhafen von Rotterdam oder Hamburg, sondern der Frankfurter Airport. Frischer Fisch aus Neuseeland!“

Der Vergleich mit der industriellen Hochseefischerei, die mit ihren Trawlern und Schleppnetzen den Meeresboden umpflügt, ist billig. „Zur Wahrheit gehört halt auch, dass wir nicht ganz Karlsruhe mit Fischen versorgen können.“ Wenn es eine einfache Lösung gäbe, dann höchstens die, dass die Menschen weniger konsumierten. Hannes isst überwiegend vegan, ganz selten mal etwas vom eigenen Fang. Lars ist Vegetarier, Ausnahmen macht er bei Wild und seinen Fischen.

Früher galt der Rhein als Kloake, heute ist er einer der saubersten Flüsse

Die beiden machen eine kleine Extratour zur Mündung des Altarms in den Vater Rhein, wie ihn schon die Römer nannten. Ein Schüttgutfrachter zieht vorbei. Eine Gruppe Kanadagänse will ihn scheinbar begleiten. „Bei Nebel müssen wir aufpassen, dass wir nicht die Schiffsrinne der großen Pötte kreuzen“, sagt Lars. Kräftige Strömung heute. „Hier kannst du kein Netz legen, das wär morgen in Holland.“ Früher galt der Rhein als Kloake Europas. „Heute ist er einer der saubersten Flüsse, im Sommer oft klar wie ein Gebirgsbach.“

Da liegen sie in der Box: Die Nasen mit ihrem auffälligen Schnäuzchen. Die zahnlosen Rapfen mit ihren grätig heruntergezogenen Mundwinkeln. Die Rotaugen mit stets naiv-heiterem Gesichtsausdruck. Der Flussbarsch besticht durch seine scharlachrote Brustflosse. Der muskulöse Leib und das schillernde Schuppenkleid verleihen dem Hecht etwas Majestätisches – wäre da nicht sein vorgeschobener Unterkiefer, der ihn leicht einfältig wirken lässt. Der Zander mit seinen Wunderaugen, wie aus Glas. „Die reflektieren nachts, wenn man sie anstrahlt.“

Hannes wuchtet einen Wels an Bord. Auf so einen haben sie gehofft. Schätzungsweise zwölf Kilo und groß wie ein Grundschüler. Was für ein Wesen. Durch seine bloßen Maße nimmt man es gleich ernster.

Was ist so ein Fisch? Auch die Frage stellen sich die Brüder immer wieder. „Jedenfalls sind sie in keiner Weise vergleichbar mit Meeressäugern, mit deren Grad an Fürsorge, deren Fähigkeit zu trauern“, sagt Hannes. Also reine Reflexmaschinen? Oder spüren Fische Schmerz, wie wir Menschen ihn kennen? Fühlen sie Leid? Sind wir überhaupt in der Lage, das Bewusstsein eines so fremden Geschöpfs zu beurteilen, seine Art sich mitzuteilen? Das Thema beschäftigt sie. „Wir müssen mindestens davon ausgehen, dass Fische Schmerz in Form von Stress empfinden“, sagt Hannes.

Im Hochsommer wachsen sich die kleinen Sandbänke, die das Boot jetzt passiert, zu einem Strand aus, auf dem man prima Volleyball spielen kann. In manchen Nebenarmen strotzt es dann nur so von Fülle. „Alles dicht und sattgrün wie am Amazonas“, sagt Hannes. Fehlen nur noch Tukane oder Aras. Wildkatzen gibt es hier schon. Und neulich haben die Brüder ein paar Wildschweine ans andere Ufer schwimmen sehen. „Vielleicht wollten sie neuen Lebensraum erschließen. Dazu braucht es ja die mutigsten Exemplare, wie beim Menschen.“

In der fangfreien Zeit machen sie alle Arten von Fischbestandsaufnahmen, Fischregulierungen, Fischumsetzprogramme. Zum Beispiel bei den Aalen. Die kommen in der Saragossasee zur Welt, wandern zurück in die elterlichen Heimatgewässer. Wenn sie dann Jahre später selbst laichbereit sind und abwärts wollen, verpassen viele die Fischtreppen und werden in den zahlreichen Kraftwerken geschreddert. Lars und Hannes spielen dann Wassertaxi und setzen die Aale vom Neckar in den Rhein, wo ihnen der Weg in die See sperrangelweit weit offensteht. Finanziert wird das Projekt von der EnBW.

Oder wie kann man Blaualgen in Badegewässern Herr werden? Indem Lars und Hannes Fische rausnehmen, die gern im Schlamm wühlen und tierisches Plankton fressen (das Algen kleinhält). So wird der See wieder klar und reich an Sauerstoff.

Rhein-Zander mit Erbsen

Nach vier Stunden spülen sich die beiden das Ölzeug sauber wie Wassermänner bei der Körperreinigung. Kein großer Fang heute. Von den Weißfischen könnten sie nicht leben. Die Rapfen, Barben, Nasen, die Brachsen, Döbel und Rotaugen verkaufen sie en gros an Privatkunden, die sie sauer einlegen oder Fischsuppe daraus machen. Bei den Edelfischen sind vielleicht so um die 30 Kilo zusammengekommen. Gleich im Anschluss werden Vater und Mutter Kuhn sie in den Schwarzwald fahren. Am Abend liegt der Rheinzander dann auf dem Teller mit Erbsen und Zitronenchicorée in Beurre noisette.

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