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Lary in Stuttgart Ein Neunziger-Girl für die Kids von heute

Von Nadja Dilger 

Sarah Connor, Namika und Lena bekommen ordentlich Konkurrenz: die Soulsängerin Lary beeindruckt mit Neunziger-Beats, frechen Texten und schöner Stimme im Stuttgart Keller Klub.

Lary hat im Keller Klub die Neunzigerjahre musikalisch wieder aufleben lassen. Weils uns so gut gefallen hat, zeigen wir die Konzertbilder in Schwarz-Weiß. Foto: L. R. Fotografie 7 Bilder
Lary hat im Keller Klub die Neunzigerjahre musikalisch wieder aufleben lassen. Weil's uns so gut gefallen hat, zeigen wir die Konzertbilder in Schwarz-Weiß. Foto: L. R. Fotografie

Stuttgart - Der erste Eindruck: Ein schwarz-weißes Plakat am Eingang, das wie ein Polaroid aussieht. Darauf: Die deutsche Soulsängerin Lary mit Rastazöpfchen, Tattookettchen und XXL-Oberteil. "Sieht aus wie Tic Tac Toe", sagt ein Besucher des Keller Klubs. Irgendwie hat er Recht: Lary pflegt zumindest optisch den Neunziger-Retrochic, der mit der Trendwelle gerade wieder angeschwemmt wurde.

Der Keller Klub träg am Mittwochabend für ihr Konzert das Beste dazu bei: Die kitschige Totenkopf-Discokugel funkelt im roten Bühnenlicht, die Wände sind mit Überresten alter Plakate bepflastert. Spannende Frage: Wird Lary sich auch dem Eurodance bedienen? Oder einen auf Tic Tac Toe machen?

Nach 75 Minuten Konzert ist klar: weder noch. Wobei: das mit Tic Tac Toe stimmt vielleicht ein wenig. Die 29-jährige Wahlberlinerin, die sich gerade mit dem Rapper Mo Trip und dem Song "So Wie Du Bist" in den deutschen Charts auf den vorderen Plätzen bewegt, hat deutsche Reime wie bei Tic Tac Toe. Die sie allerdings so facettenreich wie Alicia Keys singt.

Larys Stimme gleitet in die Songs - sogar wenn sie voller Emotionen getragen schreit, ist noch Eleganz zu spüren. Dazu wird mal ein alter Hip-Hop-Beat wie "No Diggity" gespielt, das sie auch kurz covert. Dann wird's elektronisch wie in dem Song "Was Macht Sie", der stark an Westbam erinnert und kurz darauf ein bisschen gitarrenlastig à la Nirvana ...

Lary ist gewiss in den Neunzigern aufgewachsen und steckt irgendwie noch drin. Auf der Bühne nun mit kleinen Zöpfchen und bauchfreiem, weißen Shirt. Mit ihren Armen fuchtelt sie umher, trinkt mit dem Publikum einen Schnaps und bleibt frech und ehrlich. "Ich hätte nicht gedacht, dass so viele kommen, Stuttgart", sagt sie zu Beginn, "wenn man nicht im Radio läuft, ist das immer schwierig einzuschätzen."

Der Keller Klub ist zumindest voll. Und Retrogirl Lary schwingt sich musikalisch durch ihre Neunziger-Beats. Ihre Stimme ist einzigartig, sie vermischt gekonnt ihre Soulstimme mit alten Sounds, und ist eine freche, coole Lady. Live sogar besser als auf Platte. Auch schafft es Lary textlich bei deutschen Zeilen zu bleiben, ohne kitschig zu klingen. Was gerade die Kunst am deutschen Frauenpop ist. Deutsch zu singen, ist oft nicht leicht, will man nicht in Schlager oder übertrieben peinliche Balladen abdriften. Einzig ihr Song "Jung und Schön" oder "Kryptonit" grenzt hart am Kitsch: 

"Selfies, Kippen , Tequila sippen, nichts bereuen, jung, schön/ Alles mitnehmen, mit Fremden mitgehen, verlieben, Intrigen, dumm, verwöhnt/ Wer liebt uns wenn wir nicht mehr jung und schön sind?"

Oder

"Komm lieb' mich tief/ Zwing mich in die Knie/ Sei meine Ferse/ Während ich für dich geh'/ Komm tu mir weh/ Solang es uns noch gibt/ Lieb' mich kaputt/ Du bist mein Kryptonit, mein Kryptonit"

Doch gerade das nennt Lary "Future Deutsche Welle" und spielt damit auf die "Neue Deutsche Welle" an. Den gleichen Namen trägt übrigens ihr just erschienenes Debüt.

 

Für die überwiegend jugendlichen Besucher im Kellerklub scheint dies genau das Richtige zu sein. Sie sind plötzlich Teil einer - wenn nicht gerade neuen - "Welle" à la Lary und feieren ihren Auftritt. Wobei noch offen ist, wen man zur neuen Musikwelle noch dazustecken könnte. Vielleicht Sängerin Valeska oder Rapperin Sabrina Setlur - wenn sie denn noch Musik machen würden.

(Das "Vice"-Musikblog "Noisey" hat sich vergangenes Jahr mal an einer Liste versucht.)

 

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