Lasst uns über ... den Sinn von Lust reden Warum Sex keine Probleme löst – sie aber erträglicher macht

Um Sex wirklich genießen zu können, sollten wir uns darüber klar werden, was er Foto: Adobe Stock/fizkes
Um Sex wirklich genießen zu können, sollten wir uns darüber klar werden, was er Foto: Adobe Stock/fizkes

Klar, Sex macht Spaß. Aber macht er unser Leben wirklich schöner? Unsere Kolumnistin Claudia Huber erklärt, was ein gutes Liebesleben übers Bett hinaus leisten kann – und was nicht.

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Stuttgart - Es gibt den Motivationsspruch: „Ein erfülltes Sexleben macht das Leben besser.“ Aber dieser Satz kann Leute auch wahnsinnig unter Druck setzen. Aber kommen wir zuerst zu den Vorzügen. Diese sind recht offensichtlich: Wer viel guten Sex hat, fühlt sich oft besser, Glückshormone schwimmen durchs Blut und in Partnerschaften fühlt man sich der Partnerin oder dem Partner einfach deutlich näher, wenn man oft miteinander schläft. Auch biochemisch tut sich während und nach dem Sex unglaublich viel.

Die positiven Effekte müssen gar nicht aufs Bett oder eben den Ort des Geschehens beschränkt bleiben. Manchmal verschieben sich die Prioritäten: Ein unaufgeräumtes Schlafzimmer wird von einem Paar, das viel Zeit mit sexueller Nähe verbringt, häufig nicht als so problematisch wahrgenommen. Sex löst zwar keine faktischen Probleme, aber gibt uns ein besseres Gefühl, die Stimmungslage wird hochgeschraubt, ähnlich wie bei einem Sportler, der ein High erlebt: Ein erfülltes Sexleben entspannt.

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Sex ist ein super Wellnessprogramm. Manche Studien legen nahe, dass Menschen, die ein unbefriedigendes Sexleben haben, auch allgemein unzufriedener sind und dazu neigen, Probleme auf andere zu schieben. Außerdem wollen manche Untersuchungen eine Tendenz erkannt haben, dass Menschen, die keinen guten Sex haben, häufiger extreme Parteien wählen. Hier sei aber gesagt, dass soziale Folgen des Unbefriedigtseins nicht wirklich gut erforscht und solche Erkenntnisse mit etwas Vorsicht zu genießen sind.

Ein Orgasmus allein reicht nicht aus

Unstrittig dagegen ist, dass bei besserem Sex das Belohnungszentrum im Gehirn stärker angesprochen wird. Selbst wenn man, wie so häufig, vergisst, wie der Sex vor ein paar Tagen war und was man genau getan hat, sollte man wissen: Ein Orgasmus reicht nicht aus, dass Sex als belohnend und befriedigend erlebt wird oder gar zur Wiederholung einlädt. Der Sex an sich sollte sich nach „mehr“ anfühlen.

Deswegen ist die „Orgastische Amnesie“, wie wir Psychologen das nennen, auch gar nicht so schlimm. Denn was vom Sex länger bleibt, ist eher ein Gefühlsabdruck – selbst, wenn der eigentlich Akt längst vergessen ist.

Doch diese Erfüllung finden nicht alle Menschen. Die, die außen vor sind, lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen.

Wer guten Sex hat, will mehr davon – manche von uns so viel, dass sie mit dem, was sie haben, niemals glücklich werden. Wie viel Sex sie tatsächlich haben, wird da fast schon nebensächlich. Den anderen ist Sex zwar oft nicht so wichtig. Zumindest denken sie das. Manche von ihnen haben auch einfach noch keinen Zugang zu für sie richtig guten sexuellen Erlebnissen gefunden. Andere genießen einfach anders, andere schöne Dinge im Leben können bei ihnen den Sex ersetzen.

Sex ist ein bisschen wie Bungee Jumping

Bei ihnen ist ja alles fein. Die anderen, Unwissenden, verpassen aber vielleicht was. Denn man weiß oft nicht, wie cool Sex sein kann, wenn man diesen coolen, befriedigenden Sex nicht hatte. Vergleichbar ist das mit Eis essen. Angenommen jemand kennt kein Eis und bekommt Pistazieneis vorgesetzt, das er vielleicht nicht mag, wird er womöglich schlussfolgern: Eis ist nichts für mich. Dabei wäre das bei Schokoeis vielleicht anders gelaufen.

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So einfach wie mit dem Eis ist es mit dem erfüllten aber Sexleben leider nicht. Denn es hängt von vielen Faktoren ab, ob es gelingt, den passenden zu finden. Es geht dabei nicht nur um Sexpraktiken, die man mehr oder weniger genießt. Es geht auch um das Wie! Während die einen sanft berührt werden wollen, mögen es die anderen etwas kräftiger.

Geht dein Gegenüber davon aus, dass du es genauso magst wie es selbst, ist es eher Zufall, ob es dich auch glücklich macht. Um es extrem auszudrücken: Manche Menschen genießen Sex am meisten im Dunkeln unter der Bettdecke mit viel Körperkontakt. Andere lieben es draußen im Hellen und laut mit wenig Körperkontakt. Erst, wenn man weiß, wie man Sex genießt, kann er wirklich erfüllend sein. Ohne sich der Illusion hinzugeben, dass er alle Probleme lösen könnte.

Das Gespräch zeichnete Sascha Maier auf.

Unsere Kolumnenreihe „Lasst uns über ... reden“ über Liebe, Sex und Intimes – alle Folgen im Überblick

 




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