Lasst uns über … den weiblichen Orgasmus reden Der Weg zum Höhepunkt ist wie eine anstrengende Radtour

Von Jutta Böhmler-Hahn (aufgezeichnet von

Der weibliche Orgasmus ist nicht nur für Männer ein Rätsel. Auch viele Frauen haben Schwierigkeiten, einen echten Höhepunkt zu erreichen. Ob man einen Orgasmus trainieren kann und welche Rolle der Beckenboden dabei spielt, erklärt die Gynäkologin Jutta Böhmler-Hahn.

Der Weg zum Orgasmus ist für viele Frauen schwer – medizinisch gibt es kaum Hilfe. Foto: imago/Panthermedia/AntonioGuillem
Der Weg zum Orgasmus ist für viele Frauen schwer – medizinisch gibt es kaum Hilfe. Foto: imago/Panthermedia/AntonioGuillem

Stuttgart - Der Orgasmus eines Mannes ist so einfach wie ein Flug von A nach B: Er steigt ein, fliegt gemütlich, landet und dann ist gut. Bei Frauen sieht die Sache mit dem Höhepunkt hingegen ganz anders aus. Es ist eher eine anstrengende Radtour im siebten Gang, bei der sie zudem aufpassen muss, dass sie nicht ausrutscht, weil dann alles vorbei wäre. Aber dafür kann er auch länger andauern.

Entspannen, loslassen, vertrauen: Bei Frauen sind die Umwelteinflüsse für einen erfolgreichen Orgasmus entscheidend. Klingelt plötzlich das Telefon, ist es mit der Erregung vorbei. Und nicht nur während des Sex, bereits davor muss alles stimmen. Das Bild eines nackten Mannes alleine reicht da bei Weitem nicht aus. Daher ist es entscheidend, dass Frauen ihre Bedürfnisse kennen und für sich herausfinden, was funktioniert – und dies auch kommunizieren! So unterschiedlich die Reizpunkte von Frau zu Frau sind, so unterschiedlich sind auch ihre Orgasmen. Manche haben vaginale Orgasmen, andere klitorale. Andere wiederum beides oder keine. Warum das so ist, das weiß keiner so genau und kann medizinisch nicht wirklich erklärt werden.

Ein Orgasmus ist schön, aber nicht notwendig

Einfacher zu beschreiben sind da die Organe, die beim Höhepunkt besonders aktiv sind – und das sind bei Frauen nicht wenige. Was viele nicht wissen: Die Klitoris und die Schamlippen, allen voran die kleinen Schamlippen, vergrößern sich und schwellen an – ähnlich wie die Schwellkörper beim Mann. Daher bin ich auch völlig gegen Genitaloperationen, bei denen die Schamlippen korrigiert werden. Da kann sehr viel kaputtgehen, auch in Sachen Orgasmus.

Die Vagina setzt vermehrt ein Sekret ab, damit es ordentlich flutscht. Einige Frauen haben sogar eine Art Ejakulation, die schwimmen dann in einem See. Andere Frauen erleben das hingegen nie. Dabei wird der normale Scheidenausfluss mit Wasser verdünnt. Aber keine Sorge, das braucht man für einen guten Orgasmus nicht.

Die Gebärmutter und der Gebärmutterhals werden in rhythmische Kontraktionen versetzt. Dieses Beben können die Frauen auch spüren. Aber auch der Beckenboden ist beteiligt, der Herzschlag erhöht sich und auch die Eierstöcke und natürlich die Hirnanhangsdrüse sind bei einem Orgasmus involviert. Klingt weniger sexy, ist aber wichtig für die nötige Hormonausschüttung.

Ein Orgasmus ist im Übrigen keine Voraussetzung, um schwanger zu werden – dann gäbe es vermutlich recht wenige Kinder. Ein Höhepunkt erleichtert aber durch die rhythmische Kontraktion die Aufnahme der Samen in den Gebärmutterhals.

Es gibt keine Orgasmus-Pille

Für viele Frauen ist ein Orgasmus sowieso nicht zwingend wichtig, um ein erfülltes Sexleben zu haben. Und einige Frauen haben auch Erkrankungen, die einen Höhepunkt durchaus erschweren oder sogar ganz verhindern können. Dazu gehören alle Störungen des Hormonhaushalts oder auch Tumore. Ebenso können einige Operationen, wie beispielsweise eine Gebärmutterentfernung, zu einem erschwerten Orgasmus führen.

Trainieren kann man einen guten Orgasmus aber nicht wirklich – zumindest nicht körperlich. Das spielt sich alles im Kopf ab. Daher gibt es auch keine Übungen, die nach vier Wochen einen tollen Höhepunkt bescheren. Auch Liebeskugeln bringen nur indirekt etwas, denn sie trainieren den Beckenboden und der ist grundsätzlich wichtig. Ist die Beckenbodenmuskulatur gut gestärkt, so kann sie gezielt beim Sex eingesetzt und angespannt werden. Dies gefällt vor allem dem Mann, hilft aber auch beim weiblichen Orgasmus. Aber wie bei allem im Leben: Regelmäßiges Training ist angesagt, sonst bringt es nichts.

Tantra hat durchaus einen zwielichtigen Ruf, werden die Massagen und Übungen aber professionell durchgeführt, so kann es Frauen helfen, ihr Selbstbewusstsein und Körpergefühl zu stärken – was wiederum zu guten Orgasmen führen kann.

Einfach eine Pille einwerfen und zack, Orgasmus, das wäre sicher schön einfach. Zwischenzeitlich gab es sogar mal ein Medikament, das beim Erreichen des Höhepunkts helfen sollte. Weil es aber wirkungslos war, ist es wieder vom Markt genommen worden.

Doch das beste Medikament ist sowieso ein guter und netter Partner, der auf uns Frauen eingeht, viel Vertrauen und ganz wichtig: seine eigenen Bedürfnisse kennen!

Unsere Kolumnenreihe „Lasst uns über ... reden“ über Liebe, Sex und Intimes – alle Folgen im Überblick




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