Lasst uns über ... Eltern und ihren Einfluss reden „Du bist wie deine Mutter!“

Von Oliviero Lombardi, aufgezeichnet von  

Wie beeinflusst die Familie die eigene Partnerwahl? Ob Frauen nach einem zweiten Vater suchen und warum es nicht gut ist, wenn 45-Jährige bei Problemen ständig zu Mutti rennen, erklärt Paartherapeut Oliviero Lombardi.

Für eine gesunde Beziehung sollte man sich von den Eltern emanzipieren. Foto: Unsplash /Brett Jordan
Für eine gesunde Beziehung sollte man sich von den Eltern emanzipieren. Foto: Unsplash /Brett Jordan

Stuttgart - „Die Beeinflussung durch die Familie beginnt bereits mit der Geburt. Zunächst beeinflusst die spätere Partnerwahl, dass sich das Kind mit dem jeweiligen Geschlechtsvorbild identifiziert – also der Junge mit dem Vater, die Tochter mit der Mutter. Dabei entwickeln Kinder auch ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstverständnis.

Wie verhält sich eine Frau? Wie verhält sich eine Frau gegenüber einem Mann? Und umgekehrt: Ein Mädchen orientiert sich am Vater, der ein Vorbild für die spätere Partnerwahl sein kann. Das kann aber auch in der Pubertät in eine Trotzreaktion umschlagen. Dann sieht das Kind das Rollen- und Beziehungsmodell der Eltern. Wie partnerschaftlich gehen diese miteinander um? Wie verhalten sie sich im Streit? Wie gehen sie mit Sexualität um? Das ist sehr prägend, denn Kinder durchlaufen sensible Phasen, in denen sie sehr empfänglich sind für Prägungen – z.B. das Selbstbild, Partnerbild etc.

In der Pubertät wird es konkreter: Man wünscht sich, dass der Partner der Familie gefällt und häufig ist es auch so, dass die Eltern dies klar kommunizieren, denn es ist spannend, wer nach Hause gebracht wird. Viele Kinder wollen es ihren Eltern recht machen. Zu Besuch verhalten sich viele dann mit dem neuen Partner eher angepasst und zurückhaltender. Sie vermeiden es in die sonst übliche Rolle des Kindes zu gehen, weil es peinlich sein kann, wenn der 45-Jährige noch immer Mutti sagt, auch wenn die neue Partnerin dabei ist.

Einstellungen werden oft adaptiert

Es gibt einen alten Spruch: Schau dir die Schwiegermutter beziehungsweise den Schwiegervater an, dann weißt du, wie dein Partner wird. Da ist viel dran – selbst optisch. Die Einstellungen und das Verhalten werden oft adaptiert und im Alter eher potenziert. Wenn man die Mutter seiner Partnerin sieht, hat man also eine recht genaue Prognose, wie die Partnerin einmal wird.

Manche Eltern versuchen massiv Einfluss auf die Partnerwahl zu nehmen, weil sie nicht loslassen können oder extreme Ansprüche haben. Angefangen von „keine(r) kann es meinem Kind recht machen“ bis zu „keine(r) ist gut genug“. Viele haben davor Angst und scheuen sich regelrecht vor einer Beziehung, weil die Eltern den Partner eh nicht akzeptieren würden. Väter haben auch oft ein Problem damit, ihre Töchter an einen Partner loszulassen, bei der Vorstellung, dass dieser Mann mit der Tochter ins Bett geht.

Aus den elterlichen Kinderschuhen herauswachsen

Die Partnerwahl ist grundsätzlich kein Zufall – man sucht sich einen Partner, der „zu einem passt“. Oft ist das keine gesunde Passung, sondern die Macken des einen, passen zu den Macken des anderen. Aus den Macken ergeben sich aber oftmals Probleme. Eine gute Paarentwicklung ist gewährleistet, wenn man sich gemeinsam entwickelt und persönlich aus den elterlichen Kinderschuhen herauswächst. Das ist die Basis für eine gesunde Paarbeziehung. Durch persönliche Entwicklung ändert sich auch das Beuteschema. Man sucht sich nicht mehr den Mr. Right, der den Eltern gefallen könnte, sondern einen Mann, der Ecken und Kanten hat, mit dem man auf seine Weise leben kann.

Botschaften wie „Du bist wie deine Mutter“ sind gewaltvolle Kommunikation, trotz gegebenenfalls guter Absicht. Man sollte besser eine Frage und nicht eine Behauptung formulieren: „Könnte es sein, dass es Parallelen gibt?“ Am besten fügt man erklärend hinzu, dass man glaubt zu bemerken, dass der Partner unzufrieden mit seiner Rolle sei und man Feedback geben möchte.

Unterschiedlichkeit wertschätzen

Auch reagieren Menschen leicht empfindlich, denn Kritik an den eigenen Eltern ruft oft einen Schutzmechanismus hervor. Typisch ist auch, dass man als nicht Betroffener mit den Macken von Menschen viel lockerer umgehen kann, als dessen Kinder. Leider haben wir auch unzureichend gelernt, Unterschiedlichkeit (z.B in der Partnerschaft) wertzuschätzen. Dabei wäre es gut, wenn sich beide ergänzen könnten. Wenn es zu gleich ist – ob Elternhaus, Bildung oder Interessen – wird es schnell langweilig.

Ein weiteres Problem ist die Einflussnahme: Wenn es in einer Beziehung kracht, rennen die Partner oftmals zu den Eltern, um sich auszuheulen. Man sollte dem Partner lieber vorschlagen, die Probleme miteinander zu lösen, statt zu Mutti oder Vati zu gehen. Vor allem die Mutter übt einen starken Einfluss aus. Diesen zu erkennen und damit richtig umzugehen, ist nicht einfach. Herrische Frauen suchen sich duckmäuserische Männer und umgekehrt, weil ihre Mütter schon herrisch waren und die Väter des Partners oft feige. Übernehmen beide das Rollenmuster, haben sie in einer Therapie unterschiedliche Lernaufgaben, damit ihre Beziehung auf einem höheren Niveau wieder funktionieren kann.

Problemlösungskompetenzen erlernen

In einer Paartherapie kann man daran arbeiten, seine fünfzig Prozent anders in die Beziehung einzubringen, als es die Eltern gemacht haben. Gut wäre, wenn Eltern ihre Probleme vor den Kindern adäquat lösen, damit diese Problemlösungskompetenzen erlernen. Ein Rosenkrieg hingegen sagt viel über die Beziehungsfähigkeit und den Umgang miteinander aus. Ist man von den Startbedingungen stark vorbelastet, kann in der Regel keine gute Beziehung entstehen, denn man sucht sich beispielsweise einen Partner aus, dessen Elternhaus auch zerrüttet war. Sucht man sein Glück im Anderen oder versucht sich durch den Anderen aufzuwerten, kann es aber schwierig werden. Tragfähiger ist es, wenn man seine Familienverhältnisse in einer Therapie aufarbeitet. Menschen können Traumata überwinden und sich emanzipieren – dann kann man eine gute Beziehung auf Augenhöhe führen.

Hier geht es zu Oliviero Lombardis Website.

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