Lasst uns über ... Fremdgehen reden Kann man Treue lernen?

Wertschätzung, Anerkennung und sexuelle Befriedigung sind wichtige Bausteine für eine zufriedene und treue Partnerschaft. Foto: imago/Westend61

Manche Menschen gehen immer wieder fremd. Meist ist die Ursache eine dysfunktionale Beziehung oder die Suche nach Selbstbestätigung. Doch Treue kann man lernen, erklärt Paartherapeut Oliviero Lombardi.

Digital Desk: Katrin Maier-Sohn (kms)

Untreue bedeutet für jeden etwas Anderes. Untreue in der Fantasie wird oft toleriert, körperliche Untreue nicht. In beiden Fällen ist die Beziehung meist nicht mehr stimmig.

 

Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, warum Menschen fremd gehen: Entweder sie sind notorische Fremdgeher:innen oder unzufrieden mit ihrer Beziehung.

Notorische Fremdgeher:innen können frisch oder sehr stark verliebt sein und trotzdem fremdgehen. Einfach aus Gewohnheit. Das Verhalten dient sehr stark zur Selbstbestätigung. Diese Personen haben ein sehr schwaches Selbstwertgefühl – noch schwächer als es die meisten Menschen eh schon haben haben. Und es gibt kaum eine höhere Selbstbestätigung als wenn eine Fremde oder ein Fremder mit einem ins Bett geht. Das ist dann wie eine Sucht, ähnlich einer Spiel- oder Drogensuchsucht. Man bekommt durch das Fremdgehen eine Endorphin-Dusche und davon kann man dann irgendwann nicht mehr genug bekommen.

Fremdgehen hat in der Regel eine traurige Vorgeschichte

Die anderen Fremdgeher:innen sind unzufrieden, zum Beispiel, weil die Sexualität in der Beziehung schlechter geworden ist oder abgenommen hat. Oder ein Teil des Paares zieht sich aus irgendeinem Grund innerhalb der Beziehung zurück und so fühlt sich der andere Teil nicht mehr geliebt und entwertet. Durch das Fremdgehen erhofft sich der oder die Betrüger:in Glück und Zufriedenheit.

In der Regel ist immer erst die Unzufriedenheit da und darauf folgt die Untreue. Meist sind es also verschiedene Dynamiken innerhalb der Beziehung, die dazu führen, dass ein Teil fremdgeht.

Umgekehrt kann man sagen, dass eine Person, die Wertschätzung, Anerkennung und sexuelle Befriedigung erfährt, eher selten untreu ist.

Warum neigen manche Menschen zum Fremdgehen?

Doch nicht alle Menschen, die unzufrieden sind, gehen fremd. Warum neigen manche Menschen eher zur Untreue als andere? Ob man fremdgeht oder nicht hängt davon ab, wie stark die eigene Moralität ausgeprägt ist. Und davon, inwieweit die Selbstbeherrschung und Triebkontrolle ausgeprägt sind.

Auch Religion und Zeitgeist spielen eine Rolle: In den Siebzigern war es sehr schick, nicht immer den gleichen Sexualpartner zu haben. In den Fünfzigerjahren sah man das noch ganz anders.

Aber auch die Prägung eines Menschen, also das, woraus sich der Charakter ergibt, hat einen enormen Einfluss auf mögliche Untreue. Sind Elternteile schon fremdgegangen? Wie wurde Fremdgehen im Elternhaus gewertet? Welchen Selbstwert haben die Eltern vorgelebt? Wie sind sie mit dem Thema Sexualität umgegangen? All das sind Faktoren, die die spätere eigene Sexualität und damit auch das Fremdgehen mitbestimmen.

Gut therapierbar

Doch gute Nachrichten: Treue kann man lernen. Die meisten sexuell begründeten Probleme, also auch Fremdgehen, sind sehr gut heilbar, da es oft eindeutige Ursachen gibt.

Im Idealfall macht man die Therapie als Paar. Jeder arbeitet dabei an seinem Anteil, der dazu geführt hat, dass einer der beiden fremdgegangen ist. Die richtige Kommunikation ist dabei ein großes Thema. Doch auch einzeln kann an dem Problem gearbeitet werden.

Bei der Therapie geht es unter anderem darum, zu lernen, seine sexuellen Bedürfnisse in der Beziehung auszuleben und gegebenenfalls selbst Bestätigung über andere Wege zu finden.

Aus dem Kreislauf ausbrechen

Auch der oder die Betrogene profitieren von der Therapie. Denn ganz oft kommt es nach einer Trennung auch in der neuen Beziehung zu ähnlichen Problemen. Der oder die Betrogene neigt dazu, sich wieder einen Partner:in zu suchen, der oder die betrügt und anders herum. Die Dynamiken werden sich also immer wiederholen. Das liegt zum Beispiel an den Erfahrungen, die man in seiner Kindheit gemacht hat.

Einfach nur abwarten und hoffen, dass kein weiterer Vorfall passiert und der oder die Partner:in von alleine lernt, treu zu sein, macht wenig Sinn. Bestimmte Dinge müssen verändert werden, sonst ist eine Wiederholung sehr wahrscheinlich.

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