Lasst uns über ... Geschlechterklischees reden Der Mythos von der „untervögelten“ Frau

Von Claudia Huber (aufgezeichnet von

Frauen haben weniger Lust auf Sex als Männer – so eine gängige Behauptung. Völliger Unsinn, meint unsere Kolumnistin Claudia Huber. Nur: Bevor Frauen schlechten Sex haben, haben sie lieber keinen.

Wünsche formulieren, nicht fordern – dann klappt es auch wieder im Bett, meint Claudia Huber. (Symbolbild) Foto: luengo_ua - stock.adobe.com
Wünsche formulieren, nicht fordern – dann klappt es auch wieder im Bett, meint Claudia Huber. (Symbolbild) Foto: luengo_ua - stock.adobe.com

Stuttgart - Fangen wir mit einer kleinen Geschichte aus meiner Studienzeit an: Zwei andere Frauen und ich lebten damals in einer WG, alle single. Am Küchentisch immer wieder dasselbe Thema: „Mist, wir sind ,untervögelt’, wir brauchen wieder jemanden!“ Und auch heute hört man im Freundeskreis noch solche Klagen, obwohl sich die meisten von uns in Beziehungen befinden.

Sehr schlecht dazu passt die kursierende These, Frauen hätten einfach weniger Lust auf Sex als Männer: Die „untervögelte“ Frau. Und dass aus diesem Gap Beziehungsprobleme resultierten, die nur aufzulösen seien, indem der Mann zurücksteckt oder die Frau mehr gibt, als ihr lieb ist. Dieses Dilemma gibt es in Wahrheit nicht.

Wenn eine Frau sagt, dass sie keine Lust hat, schließt das nämlich nicht aus, dass sie sich gleichzeitig selbst „untervögelt“ fühlt. Dafür verantwortlich sind aber gar nicht allein die Männer. Denn oft sind es die fehlenden Vorstellungen der Frauen selbst von dem, was sie wollen; dass sie irgendwie zwar zwar schon Lust haben, aber eben nicht wissen, worauf – oder nicht wissen, wie sie es kommunizieren sollen.

Meistens beide „untervögelt“

Häufig ist es bei Paaren so, dass sie sich bei sexuellen Aktivitäten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Der einfachere Weg, als Neues auszuprobieren, auf die Gefahr hin, dass es scheitert. Eine Studie, in der 2330 heterosexuelle Paare zu erfüllten, unerfüllten und unerfüllbaren Wünschen befragt wurden, kam zu dem Ergebnis, dass 30 bis 40 Prozent der sexuellen Bedürfnisse erfüllt sind.

Ziemlich wenig, würde ich sagen. Was die Studie aber auch verrät: Betrachtet man die Schnittmengen der gemeinsamen sexuellen Vorlieben, wären in Partnerschaften 70 bis 80 Prozent der sexuellen Bedürfnisse erfüllbar. Was machen wir also falsch?

Denn wenn Frauen in einer Partnerschaft klagen, zu wenig Sex zu haben, gilt im Umkehrschluss häufig auch, dass die Männer meinen, zu kurz zu kommen. Meistens fühlen sich beide in einer Beziehung „untervögelt“. Obwohl das gar nicht nötig wäre.

Wünschen statt fordern

Wiedermal ist Kommunikation das A und O. Häufig machen wir den Fehler, unsere Wünsche als Forderungen zu formulieren – und dann geht beim anderen ganz schnell die Wand hoch. Nehmen wir zum Beispiel Analverkehr. Es ist deutlich cleverer, von dem Wunsch einfach zu erzählen, als darauf zu bestehen. Selbst wenn das Gegenüber damit noch warm werden muss: Vergessen, so was erzählt bekommen zu haben, das tut niemand. Und wenn es keine grundsätzliche Ablehnung gibt, passiert’s irgendwann auch.

Aber was, wenn Frau gar nicht so genau weiß, was sie will? Auch da hilft Kommunikation. Zum Beispiel mit Freunden, wie es bei uns in der WG der Fall war. Und falls das Thema in einem anderen Freundeskreis nicht ernst genommen wird und in Stammtischwitzen aufgeht, gibt es heute im Internet ein riesiges Angebot an Blogs, die helfen, sich selbst besser kennenzulernen.

Hier geht es zu Claudia Elizabeth Hubers Blog.

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