Lasst uns über... sexuelle Orientierung reden Warum wir statt hetero andro-gyno-sexuell sagen sollten

Sexuelle Identitäten und Neigungen sollten präziser beschrieben werden, fordert unsere Kolumnistin Claudia Huber. (Symbolbild) Foto: tock.adobe.com/WoGi
Sexuelle Identitäten und Neigungen sollten präziser beschrieben werden, fordert unsere Kolumnistin Claudia Huber. (Symbolbild) Foto: tock.adobe.com/WoGi

Wir brauchen eine neue Nomenklatur, um sexuelle Beziehungen zu beschreiben, findet Claudia Huber. Unsere Kolumnistin erklärt, warum es uns helfen würde, wenn jeder wüsste, was andro-sexuell oder demi-romantisch bedeutet.

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Stuttgart - Beim letzten Mal haben wir uns an dieser Stelle mit Geschlechtsidentitäten beschäftigt. Die sind aber bei der Beschreibung von uns Menschen als sexuelle Wesen nur die halbe Miete. Denn ähnlich wichtig ist die Frage nach der sexuellen Orientierung. Heterosexuell, homosexuell, bisexuell, fertig? Nein, so einfach ist es nicht.

Denn diese Begriffe sind immer noch im binären Geschlechter-System verhaftet. Dadurch werden zwei Dinge impliziert. Erstens, was die Geschlechtsidentität angeht: Die Aussage, „ich bin homosexuell“ funktioniert nur, wenn ich mich als cis-Frau oder cis-Mann verstehe – also wenn das Geburtsgeschlecht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt. Die zweite Implikation ist, dass gleichgesetzt wird, ob man sich in ein Geschlecht verlieben kann, oder „nur“ auf ein Geschlecht steht, also romantische oder sexuelle Beziehungen infrage kommen.

Vereinfachendes Beispiel: Wie beschreibt ein Trans-Mann (geboren mit weiblichem Körper), dass er auf Frauen steht? Oder, was wahrscheinlich häufiger vorkommt, eine cis-Frau, die sexuell auf Männer steht, sich aber plötzlich in eine Frau verliebt? Richtig: garn nicht.

Darum brauchen wir eine neue Nomenklatur, wenn wir unsere sexuelle Orientierung treffend beschreiben wollen. Das ist kein Selbstzweck, sondern kann dabei helfen, Missverständnisse zu vermeiden und einen besseren Umgang miteinander zu pflegen. Aber von welchen Begriffen sprechen wir überhaupt? Einige möchte ich hier kurz erklären:

Androsexualität

...beschreibt Menschen, die sich zur männlichen Sphäre hingezogen fühlen.

Gyno- oder Femme-Sexualität

...beschreibt Menschen, die sich zur weiblichen Sphäre hingezogen fühlen.

Skoliosexualtät

Skoliosexuelle stehen explizit nicht auf binäre Menschen – sondern auf Menschen, die sich weder mit dem Frausein noch mit dem Mannsein identifizieren.

Pansexualität

Im Gegensatz zu andro-, gyno- und skoliosexuellen Menschen spielt das Geschlecht für Pansexuelle keine wirkliche Rolle, Attraktivität leiten sie eher nicht von Geschlechtsmerkmalen ab.

Asexualität

Kein Verlangen nach Sex mit anderen; Asexuelle können sich aber sehr wohl verlieben.

Demisexualität

Wenn Menschen nur dann sexuelles Interesse an einem Menschen entwickeln, wenn gleichzeitig eine emotionale Bindung existiert.

Damit wären die geläufigsten sexuellen Orientierungen beschrieben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Was zunächst kompliziert klingt, ist es im Grunde nicht wirklich. Dafür kann diese Nomenklatur Neigungen präziser zu beschreiben. Dass eine heterosexuelle Beziehung in diesem System einer andro-gyno-sexuellen Beziehung entspricht, ist nicht schwer nachzuvollziehen und das Wort hat auch nur eine Silbe mehr. Wer ein bisschen damit herumprobiert, wird sich schnell zurechtfinden.

Die Nomenklatur bietet aber noch weitere Vorteile. Hier können wir nämlich auch einfach zwischen auch zwischen sexuellen und romantischen Gefühlen unterscheiden, die sich – wie im Fall der Asexualität oder Demisexualität – ja nicht zwingend überschneiden. Das ist nicht so weit hergeholt, wie das für manche vielleicht klingt: Andro-romantische, andro-gyno-sexuelle Frauen gibt es ja beispielsweise genug: die sich in Männer verlieben, aber auch körperlich zu Frauen hingezogen fühlen.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Claudia Huber im Interview – „Hätten wir mehr Sex, wären einige Probleme gelöst“

Es tut uns allen gut, genauer hinzuschauen und nicht nur in Hetero- und Homo-Kategorien zu denken. Das hilft dabei, für sich selbst Fragen zu beantworten, wie: Wonach ist mir eigentlich? Das System anzunehmen, bringt uns mehr Freiheiten. Und wer bei einer Party auf schnellen Sex aus ist, weiß, dass er gar nicht weiter baggern braucht, wenn sich das Gegenüber als demisexuell zu erkennen gibt.

Außerdem hilft es, einander zu verstehen und darüber zu sprechen, weil die Dinge so einen Namen haben. Vor allem in Partnerschaften ist das ein Vorteil: Dinge, die Du nicht verstehst, führen zu Wut. Lasst uns darum beim Thema Sexualität eine treffendere Sprache finden!

Das Gespräch zeichnete Sascha Maier auf.

Unsere Kolumnenreihe „Lasst uns über ... reden“ über Liebe, Sex und Intimes – alle Folgen im Überblick




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