Lasst uns über ... Treue reden Kleines Plädoyer für mehr Polyamorie

Von Claudia Huber (aufgezeichnet von

Claudia Huber findet, dass viele Paare aus den falschen Gründen an Monogamie glauben. Wie offene Beziehungen funktionieren können und warum das nicht in sexueller Anarchie gipfeln muss, erklärt unsere Kolumnistin hier.

Offene Beziehungen sind machbarer, als viele von uns sich das so vorstellen, sagt unsere Koluminsistin Claudia Huber. Foto: 113018542
Offene Beziehungen sind machbarer, als viele von uns sich das so vorstellen, sagt unsere Koluminsistin Claudia Huber. Foto: 113018542

Stuttgart - Paul kommt nach Hause. Mit seinem neuen Arbeitskollegen Erik hatte er ein Gespräch, das ihn nicht mehr loslässt. Erik lebt mit seiner Partnerin in einer offenen Beziehung. Paul findet den Gedanken spannend, weiß aber nicht, ob er mit seiner Anna darüber reden soll, als er gerade den Hausschlüssel umdreht. Ich würde ihm raten: Tu es!

Denn offene Beziehungen sind machbarer, als viele von uns sich das so vorstellen. Die monogame Beziehungsform, in der die meisten von uns leben, ist von den beteiligten Personen häufig nicht hinterfragt worden. Die Monogamie begann menschheitsgeschichtlich erst mit dem Ackerbau und Landbesitz. Die Frau wurde irgendwann zum Eigentum des Mannes und die Ehe wurde zu einer institutionalisierten Angelegenheit. Einigen Naturvölkern ist die monogame Lebensform bis heute fremd.

Es stellt sich hier also die Frage: Ist Monogamie das System, in dem wir glücklich sind?

Zurück zu Paul und Anna. Wenn die beiden das durchschnittsdeutsche Paar sind, lassen sie sich statistisch zu 50 Prozent wieder scheiden, falls sie verheiratet sind. Zu 30 bis 70 Prozent wird jeder der beiden ohnehin fremdgehen. Hier kommen Umfragewerte auf sehr unterschiedliche Ergebnisse, aber auch beim kleinsten angenommenen Wert bekommt die heile monogame Welt, in der die meisten Paare leben, doch Risse. Und Paare, die großzügig über die regelmäßigen Seitensprünge der Partner hinwegsehen, leben längst ungeklärt offen. Wenn auch nicht immer freiwillig.

Monogamie keine Sicherheit, dass nicht betrogen wird

Sollten sich Paul und Anna also trennen, um Kummer schon im Vorfeld zu vermeiden? Natürlich nicht. Doch wenn sie wie die meisten Paare ticken, stellen sie eher ihre Beziehung in Frage als die Monogamie. Dabei müssen offene Beziehungen nicht gleich sexuelle, partnerschaftliche Anarchie bedeuten. Im Gegenteil.

Eigene Bedürfnis auszuleben, ohne den anderen zu verletzen, ist für das Leben in unserer Gesellschaft mittlerweile ganz normal. In den meisten Lebensbereichen gibt es keine festen Normen mehr, wir leben hoch individualisierte Leben. Das funktioniert auch recht gut. Jeder darf Beruf, Musikgeschmack, Sport, Freizeitaktivitäten mit Freunden wählen, wie er das möchte. Doch wieso stellen die wenigsten die Form ihres Liebes- und Beziehungsleben auf den Prüfstand? Wieso stellen wir uns viel zu selten die Frage: „Bin ich wirklich glücklich mit der Beziehungsform, die ich führe?“

Oft höre ich das Argument, dass man sich dann ja nie sicher sein kann, dass der Partner bleibt. Doch nur, weil ein Beziehungsdeal monogam ist, gibt es noch lange keine Sicherheit, dass nicht doch betrogen wird. Das lässt sich nicht reglementieren. Außerdem ist das auch, ganz nüchtern betrachtet, ein versteckter Besitzanspruch. „Du gehörst mir, deshalb darfst du nicht mit anderen.“

Was ist okay, was geht zu weit - küssen, kuscheln, Sex?

Statt auf diesem zu beharren, könnten wir unseren Umgang mit der eigenen Eifersucht überdenken. Das erfordert Mut. Und wenn wir merken, dass wir gerne auch Sex mit anderen hätten, oder wenigstens keine Trennung fürchten müssten, wenn es doch mal dazu käme, wäre es sinnvoll, sich über die Rahmenbedingungen in der Beziehung auszutauschen: Wie häufig sind Kontakte zu Dritten für den anderen okay? Wie offen will man über das, was dort passiert, miteinander sprechen? Was ist okay, was geht zu weit - küssen, kuscheln, Sex?

Was, wenn der andere sich verliebt? Wenn die Beziehung auf sicheren Füßen steht, muss auch das kein Grund zur Panik sein. Biologisch funktioniert das mit dem Verliebtsein nämlich so: Es wird von Hormonen gesteuert, die uns dazu verleiten, viel Sex mit der begehrten Person zu haben. Und dass sich dieser Hormoncocktail in einer Beziehung verändert, ist vollkommen normal. Wenn Verliebtheitsgefühle für eine dritte Person aufkommen, ist das keine tiefe Liebe. Sondern es sind die Hormone und manchmal auch eine neue Projektionsfläche für die eigenen Sehnsüchte und Wünsche. Genießen kann man so was trotzdem. Vorausgesetzt, man überbewertet es nicht.

Es kann natürlich trotzdem passieren, dass eine offene Beziehung scheitert, an irgendeinem Punkt nicht mehr für beide okay ist. Das Schöne an einer offenen Beziehung ist: Paul und Anna können jederzeit zum monogamen Miteinander zurückkehren und es zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht noch mal mit der offenen Variante versuchen. Denn ob poly oder mono: Dein Glück bestimmst du.

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