Lauckes „Furcht und Ekel“ Walkürenritt mit Schornstein

Im Wald, da sind die Hooligans: Vor der Schlacht im Fußballstadion übt sich das von der Regie umnebelte Ensemble in den Siegerposen der Leni Riefenstahl. Foto: Conny Mirbach
Im Wald, da sind die Hooligans: Vor der Schlacht im Fußballstadion übt sich das von der Regie umnebelte Ensemble in den Siegerposen der Leni Riefenstahl. Foto: Conny Mirbach

Dirk Lauckes Szenenfolge „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ ist ein großer Wurf. In Stuttgart aber hat der Autor das Pech, an einen Regisseur zu geraten, der dem Stück nicht gewachsen ist – und die Uraufführung vergeigt.

Kultur: Roland Müller (rm)
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Stuttgart - Das Timing der Uraufführung ist perfekt. Nicht perfekt indes ist die Uraufführung selber, die unter den eklatanten Unbeholfenheiten der Regie leidet – und das ist bitterschade, denn die in der Spielstätte Nord gedankenlos eingesetzten Inszenierungsmittel rauben dem Stück, das jetzt am Vorabend des 9. November uraufgeführt worden ist, einen Teil seiner Kraft. Die Nation gedenkt rauschhaft des Mauerfalls vor 25 Jahren, Dirk Lauckes Szenenfolge aber erinnert mit nüchterner Scharfsicht an all das, was seitdem unter der schwarz-rot-goldenen Einheitssonne sonst noch ausgebrütet worden ist: braunes und dumpfes, hasserfüllt nach Taten schreiendes Gedankengut, das weniger an 1989 und mehr an 1938 erinnert, als – ebenfalls an einem 9. November – die Nazis mit der „Reichspogromnacht“ den Massenmord an den Juden einläuteten. Davon sind wir weit entfernt. Aber dass es an den Rändern der Nation wieder gefährlich rumort, rückt uns Lauckes Stück rechtzeitig ins Bewusstsein.

Bewusstsein jeglicher Art, historisch, politisch, sozial und ästhetisch, beweist in hohem Maß auch der Autor selbst. 1982 in Sachsen geboren, hat Laucke nach einem abgebrochenen Psychologiestudium „Szenisches Schreiben“ in Berlin studiert. Wenn er seine 23 brandaktuellen Kurz- und Langszenen nun „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ nennt, weiß er genau, worauf er anspielt. Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reichs“ (1938) sowie Kroetz’ „Furcht und Hoffnung der BRD“ (1984) sind die Dramen, die er fortzuschreiben gedenkt – ein Unterfangen, das nicht frei von Größenwahn ist, aber doch zu aller Überraschung gelingt: Nicht anders als seine bewunderten Vorgänger fängt auch der 34-jährige Laucke exemplarisch den erschreckenden Geisteszustand von weiten Teilen der Nation ein.

Studie deutscher Mentalitäten

Schauplätze und Figuren seines Stücks wechseln von Szene zu Szene. Da ist das Ehepaar am Flughafen, das sich in die Haare kriegt, weil der Mann einen Flüchtling nicht schützt, sondern verrät. Da sind die Kinder auf dem Schulhof, die sich während des Ballspielens einen Gangbang auf dem Handy anschauen und sich an Sex und Gewalt aufgeilen. Da sind die Jungs aus der Platte in Halle, die einander zur Lynchjustiz an einem als Päderasten denunzierten Nachbarn aufstacheln. Und da sind die ehrbaren Bürger aus der Uckermark, die nicht mehr wissen, wie sie sich den Neonazi-Aufmärschen entgegenstellen sollen und am Ende den antifaschistischen Buchhändler aus dem Westen als wahren Aufwiegler brandmarken. Und so weiter: bis in letzte Winkel leuchtet Laucke die Mechanismen von Angst und Verdrängung aus, von Gewaltentstehung und Gewaltabfuhr, von Gruppendruck, Mitläufertum und Hilflosigkeit, wobei er exakt die verschiedenen Dialekte und Soziolekte trifft: „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ ist als Studie deutscher Mentalitäten ein großer Wurf.

Den Eindruck der überragenden Qualität, den man bei der Dramenlektüre gewinnt, bringt die Stuttgarter Uraufführung erfolgreich zum Verschwinden. Jan Gehler, 1983 in Thüringen geboren und Hausregisseur in Dresden, ist der panoramatischen Präzision von Dirk Laucke nicht gewachsen. Szenische Anmerkungen des Autors, die einleuchten, übergeht der Regisseur, der stattdessen Gesten und Spielformen erfindet, die nicht einleuchten und überdies auch nichts zur Sache tun – es sei denn, Gehlers Sache wäre das Klischee, das nichtssagende Abziehbild von Bös- und Gutmenschen, das Laucke in seinem Drama ja erfolgreich vermeidet. Die Probleme der Uraufführung beginnen dabei schon mit dem beschränkten Bühnenbild.

Soundtrack per Mund und Mikro

Während Laucke realistische Spielräume wenigstens andeutet, löst sich hier alles in einem bedeutungsschweren Einheitsbild auf. Vorne ein Grenzstreifen aus Stroh und Streichhölzern, dahinter auf einem wandfüllenden Prospekt „Der Abend“ von Casper David Friedrich, daneben ein dreidimensional gebauter, an Krematorien gemahnender Schornstein und als gelegentliche Zwischenmusik der „Walkürenritt“ von Wagner – und fertig ist das Deutschlandbild mit Brandstifter und Romantiker, mit Heroismus, Holocaust und KZ, in das nun die sechs Spieler treten. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gewandet erinnern sie zwar an ein Kabarettensemble, haben aber doch den Auftrag, ein Lehrstück à la Brecht zu geben – und das ist, neben der Symbolbühne, ein weiteres gravierendes Missverständnis der Uraufführung: Laucke, der die Konkretion bräuchte, wird von Gehler in die Zwangsjacke einer naiven und, wie gesagt, ärgerlich klischeebeladenen Abstraktion gesteckt.

Schauspieler, die solche Regiekonzepte auszubaden haben, sind zu bedauern. Und im vorliegenden Fall wächst das Bedauern noch, wenn sie dem von der Regie mit Eifer entnaturalisierten Stück per Mund und Mikro wieder einen naturalistischen Soundtrack verpassen müssen, bevor sie dann, als Hooligans vor der Schlacht, in Posen made by Riefenstahl gejagt werden. Aber das Schlimmste an diesem krausen Gedankensalat ist dann doch, dass das Stuttgarter Schauspiel wieder einen Autor erlegt hat. Diesmal nicht Shakespeare und O’Casey, aber doch den guten Dirk Laucke: „Furcht und Ekel“ wartet noch auf eine angemessen kluge Uraufführung.




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