Lauftreff für Singles Joggen statt swipen

Palo Hashimi, hier in Paris, organisiert seit Herbst den Run2MeetClub in Stuttgart. Foto:  

Lauftreffs sind keine Neuheit. Doch seit einigen Monaten entdecken weltweit Singles, die der Dating-Apps müde geworden sind, das Konzept für sich. Auch in Stuttgart gibt es seit Herbst den Run2MeetClub. Ein Besuch.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Sie laufen schon zum zweiten Mal die Strecke gemeinsam. Und das, obwohl Clara (24) aus Stuttgart lieber sehr langsam läuft und keine trainierte Läuferin ist. Sie bevorzugt auch die kleine Runde über rund fünf Kilometer. Johannes (39) trainiert eigentlich mehrmals die Woche, er hätte auch die längere Strecke von etwa acht Kilometern durch den Unteren Schlossgarten packen können, entscheidet sich aber für die kürzere, um mit Cora zusammen zu laufen.

 

Beim Run2MeetClub an jenem Mittwochabend Anfang April in der Stuttgarter Innenstadt geht es nicht so sehr um sportliche Leistung. Beide sind in schwarz gekleidet. Das ist das Besondere an diesem Event: Wer in schwarz kommt, ist offen dafür, jemand kennen zu lernen. Johannes ist schon viermal mitgelaufen, Clara ist zum zweiten Mal dabei. Seit er Clara beim letzten Mal kennengelernt hat, passt er sich an ihr Tempo an.

Kennenlern-Laufgruppen gibt es inzwischen in zig Städten

Wie der Name schon verspricht, treffen sich Kontaktsuchen jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat um 19 Uhr zum Joggen. Danach geht es gemeinsam in die Bar Oscho in der Stadtmitte.

Schon seit über zehn Jahren nimmt die Zahl der Laufclubs zu. Auch andere zwanglose und kostengünstige Outdoorsport-Aktivitäten gibt es in großer Zahl. Im Mai letzten Jahres hat eine US-Amerikanerin nun in New York ein Laufevent für Singles gestartet und groß auf Instagram beworben. Wie immer kommt alles, was fancy ist und sich ruckzuck im Rest der Welt verbreitet, aus New York. Innerhalb weniger Wochen sind hunderte zu der regelmäßig stattfindenden Veranstaltung gekommen. Schnell haben sich weltweit Nachahmer des „Lungerunclubs“ gefunden.

Die Stuttgarterin Palo Hashimi (39) ist mal für eine längere Zeit in New York gewesen. Sie hat das Konzept später auf Instagram gesehen und im vergangenen Oktober in Stuttgart gestartet. „Ich finde das Konzept total schön. Ich habe einen Tag überlegt und dann den ersten Termin auf Instagram gepostet“, sagt Hashimi, die Führungskraft bei Mercedes ist. Sie selbst macht am liebsten Teamsport. Früher hat sie Volleyball gespielt, nun macht sie häufig Pilates und Hyrox, ein funktionelles Krafttraining und hochintensives Intervalltraining kombiniert mit Laufen.

Ein paar Tage später lief sie direkt los, anfangs noch in Begleitung von einigen Freunden. Inzwischen hat ihre Seite „Run2MeetClub“ tausend Follower im Netz, zu den Läufen kommen regelmäßig zwischen 30 und 50 Sportlerinnen und Sportler. Anfangs waren es häufig mehr Männer.

An jenem ersten Mittwoch im April sind deutlich mehr Frauen um kurz vor sieben vor dem Oscho. Anfangs wärmen sich alle gemeinsam auf der großen Fläche vor der Bar für 15 Minuten auf. Fast alle sind in schwarz gekleidet, nur eine Dame trägt eine pinkfarbene Jacke. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind zwischen 20 und 50 Jahre alt.

In vielen Städten existieren bereits Social Run Clubs

Nach dem Warmlaufen startet die Gruppe gemeinsam in Richtung Unterer Schlossgarten. Das Tempo ist anfangs zügig, dennoch finden sich schon einige Pärchen zusammen. „Was machst du beruflich?“ – „Ich bin Juristin“ - „Ah Jura, interessant. Aber auch bisschen viel mit Paragrafen, oder?“ – „Ja, haha“.

Der Reiz für viele an der Veranstaltung ist, dass sie Bewegung mit dem Kennenlernen von Menschen kombiniert. Inzwischen haben sich die Social Run Clubs in vielen großen Städten wie Wien, Köln, Berlin oder auch im Allgäu etabliert. „FitMeet“ nennt sich zum Beispiel das Pendant in der deutschen Hauptstadt. Berliner Singles treffen sich inzwischen darüber zu Fitness, zum Yoga oder zum Laufen zwanglos in verschiedenen Stadtbezirken, um andere kennen zu lernen.

Und: viele der Veranstaltungen sind kostenlos, jeder kann mitmachen – egal, welches Niveau er oder sie hat. Es geht mehr um den Gemeinschaftseffekt anstatt um Leistung. Das trifft auch den Zeitgeist. Fitnessstudios verlangen oft eine monatliche Mitgliedsgebühr von 30 bis 50 Euro, Sportvereine bringen häufig eine Verpflichtung mit sich.

Einige hätten schon Telefonnummern ausgetauscht, so viel weiß Palo Hashimi. Was weiter daraus geworden ist? Ob sich schon Pärchen gefunden haben? „Das weiß ich leider nicht“, sagt sie und lacht. Es habe bisher niemand etwas erwähnt, aber das sei auch nicht unbedingt ihre vorrangige Idee gewesen. Aber ein bisschen eine Alternative zu Dating-Apps soll es schon sein. Sie beobachte allgemein eine Art „Dating-App-Fatigue“: „Viele finden die Kommunikation dort ermüdend, zäh und langatmig.“ Man lerne auf einer App sehr wenig über eine andere Person.

Auch Wera Aretz beobachtet, dass immer mehr Singles deshalb lieber Offline-Dating-Events bevorzugen. Sie ist promovierte Psychologin, Paartherapeutin und Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Köln und forscht zu Online-Dating. Sie befürwortet diese Entwicklung sehr: „Wir brauchen ganz viele solcher Formate“, sagt Aretz. „Das kann ja auch so etwas sein, wie das rosa Singlekörbchen im Supermarkt.“

Bei ihr in Köln gebe es zum Beispiel die Bühnenshow „Kennt ihr schon …“ Das Motto dabei ist „pitchen statt swipen“. Jemand stellt dabei seine Single-Freundin oder den Single-Freund mit einer kurzen Präsentation dem Publikum vor. „Und selbst wenn daraus nichts wird, hat man einen unterhaltsamen Abend gehabt“, sagt Aretz. Das sei allemal besser als allein zu Hause auf dem Handy zu swipen. Durch Online-Dating fühlten viele sich sogar einsamer. „Es ist ja auch zeitlich oft wie ein Nebenjob.“

Aber auch aus gesellschaftlicher Sicht ist es laut der Psychologin wichtig, wieder vermehrt Orte der Zusammenkunft zu schaffen. „Ich denke da auch oft an die vielen älteren Menschen, die oft den ganzen Tag mit niemandem sprechen.“

Viele Singles sind gefrustet von Dating-Apps

Auf Dating-Apps sei der Austausch häufig eher flüchtig und oberflächlich, für viele Menschen auch erschöpfend und ermüdend. Voriges Jahr hat Aretz eine umfangreiche Studie zum Thema Dating-Burnout durchgeführt. Rund 14 Prozent der Befragten zeigten extreme Anzeichen einer Erschöpfung durch die Nutzung von Dating-Apps. Das sind laut Aretz hochgerechnet auf alle Nutzerinnen und Nutzer von Apps etwa drei Millionen Menschen. „Das ist gesellschaftlich schon eine ungute Entwicklung“, sagt sie.

Die Gründe dafür liegen aus ihrer Sicht in der Erfolglosigkeit, dem Gefühl der Austauschbarkeit, an Selbstzweifeln, die durch Absagen, Ghosting oder aggressive Nutzer entstehen können, aber auch in der Monotonie des Prozesses. „Viele beschäftigen sich nur noch mit swipen, matchen, schreiben, ghosten“, sagt sie. Besonders Menschen, die eher vulnerabel sind, hätten häufiger Schwierigkeiten mit den permanenten Ablehnungen, die sie dort erfahren. Das Überangebot vermittelt das Gefühl: Wenn nicht dort – wo dann?„Und je mehr Optionen ich habe, desto schwieriger fällt die Entscheidung und desto unzufriedener bin ich mit dieser häufig“, sagt Aretz.

Onlinedating per App verspricht zwar eine große Auswahl an potenziellen Partnerinnen und Partnern, die nur einen „Swipe“ entfernt scheinen. Tatsächlich sind die Erfolgsquoten gering und die Suche nach der Liebe alles andere als kostenlos, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaft (IW) Köln in dem Bericht „Viel Matches, wenig Erfolg“. Bis eine Nutzerin oder ein Nutzer auf Apps wie Tinder eine feste Partnerschaft finde, zahlen sie mit ihren Daten, mit ihren zeitlichen Ressourcen und teilweise auch mit Nutzungsgebühren. Für viele stimmt damit das Verhältnis von Kosten und Nutzen der Apps nicht mehr.

Manche wollen auch einfach Kontakte knüpfen

Beim gemeinsamen Laufen könne man andere „ohne Druck“ kennenlernen, sagt Palo Hashimi. Ob man jemand dann näher kennenlerne, sei für sie zweitrangig. Für sie selbst sei Single zu sein überhaupt kein Stigma. „Und es kann ja auch eine Freundschaft entstehen. Oder man macht einfach gemeinsam Sport und hat Spaß dabei.“

Pierre (30) aus Stuttgart findet beides wichtig. Er wolle wieder ins Laufen „reinkommen“, aber wenn er jemand kennenlerne, umso besser. „Zwanghaft muss es nicht sein“, sagt er. An dem Abend habe er nur ein bisschen mit anderen gequatscht, keine Nummern ausgetauscht oder so. Eine junge Frau sagt, sie sei eigentlich schon dabei gewesen, um jemanden kennenzulernen. An dem Abend sei nun aber niemand gewesen, der sie interessiert hätte. Ob sie noch einmal kommt, überlegt sie noch. Joggen sei nicht gerade ihr liebster Sport.

Termin und Kriterien

Instagram
Die Veranstalterin postet die Termine immer auf ihrer Seite Run2meetclub auf Instagram (@run2meetclub). In der Regel finden im Frühjahr und Sommer die Läufe jeweils am ersten und dritten Mittwoch im Monat statt.

Sport
Jeder ist willkommen, niemand muss professionell oder regelmäßig laufen gehen. Eine Runde ist etwa fünf Kilometer, die andere etwa acht Kilometer lang. Singles, die auf der Suche sind, kommen in schwarz gekleidet. (nay)

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Dating Partnerschaft