Laufzeitverlängerung Politik hält AKW Neckarwestheim für sicher

Das Kernkraftwerk II in Neckarwestheim soll übers Jahresende hinaus betrieben werden, höchstens aber bis zum 15. April 2023. Foto: dpa/C. Schmidt

Staatssekretär Andre Baumann (Grüne) verspricht, dass es in Neckarwestheim keine Abstriche an der Sicherheit geben werde. Aktivisten haben daran ihre Zweifel.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Für den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Neckarwestheim II bis Mitte April 2023 hat Thomas Wildermann, der Leiter der Atomaufsicht in Stuttgart, bei einem Online-Forum am Dienstagabend zwei Szenarien aufgezeigt.

 

Wahrscheinlich sei, dass das Kraftwerk Anfang 2023 für zwei bis drei Wochen heruntergefahren werde, um bereits früher verwendete Brennstäbe nochmals einzuwechseln – ganz neue Brennstäbe werde es nicht geben, so Wildermann. Auf diese Weise könne Neckarwestheim anfangs 70 Prozent und gegen Ende der Laufzeit noch 55 Prozent seiner Leistung bringen und von Januar bis zum Laufzeitende im April noch 1,7 Terawattstunden Strom liefern. Damit könnten 350 000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgt werden.

EnBW spricht ebenfalls von sehr gutem Sicherheitsstandard

Denkbar wäre jedoch auch, dass die bisherigen, schon recht verbrauchten Brennstäbe beibehalten werden – dann müsse das Kraftwerk aber aus technischen Gründen bereits Anfang Februar abgeschaltet werden. Bis dahin laufe es bei 30 Prozent und könne noch 0,5 Terawattstunden Strom produzieren.

Welches Szenario auch immer gewählt wird, der grüne Staatssekretär im Umweltministerium, Andre Baumann, betonte mehrfach: „Es gibt in den nächsten Monaten keine Rabatte für Neckarwestheim, es gibt keine Abstriche bei der Sicherheit.“ Jörg Michels, der Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH, unterstrich dies: Neckarwestheim sei eine der modernsten Anlagen in Deutschland und besitze einen „sehr guten Sicherheitsstandard“. Das Kraftwerk war im Jahr 1989 ans Netz gegangen.

Kernkraftgegner warnen vor Korrosionsschäden bei Rohren

Die letzte, drei Wochen dauernde Revision hat im Juni dieses Jahres stattgefunden. Dabei sind laut Thomas Wildermann auch alle 16 000 Rohre in den Dampferzeugern geprüft worden, die wegen Korrosionsschäden bei rund 350 Rohren seit Jahren für Proteste bei Kernkraftgegnern sorgen. Es habe nur wenige neue Befunde gegeben, so Wildermann; und Modellierungen zeigten, dass der Abriss eines Rohres sehr unwahrscheinlich sei und dass selbst der Abriss von zehn Rohren nicht zu Problemen führe.

Franz Wagner vom Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar bezweifelt dies: „Seit 2018 lügen sich Atomaufsicht und EnBW in die Tasche bezüglich der außer Kontrolle geratenen Risskorrosion in den Dampferzeugern und flicken dort nur noch provisorisch.“ Man werde sich die Situation jetzt aufgrund der Laufzeitverlängerung nochmals anschauen, versprach Thomas Wildermann – neue Erkenntnisse erwarte man aber nicht.

Baumann: keine Blackouts im Winter in Baden-Württemberg

Für Kritik sorgt bei den Kernkraftgegnern auch, dass die alle zehn Jahre vorgeschriebene periodische Sicherheitsprüfung seit drei Jahren überfällig sei und jetzt auch nicht mehr durchgeführt werde. Wildermann bestätigte dies. Die letzte dieser Prüfungen habe in Neckarwestheim II im Jahr 2009 stattgefunden; das Gesetz erlaube es aber, die Prüfung zu streichen, wenn das Kraftwerk drei Jahre später sowieso abgeschaltet werde. Das Verfahren dauere mehrere Jahre – es sei deshalb jetzt nicht mehr sinnvoll, wegen drei Monaten in die Prüfung einzusteigen.

Das sei „ein reiner Blindflug, unseriös, unverantwortlich“, kontert Franz Wagner. Die Initiativen haben für den Sonntag, 6. November, zu einer Kundgebung ab dem Bahnhof in Kirchheim/Neckar aufgerufen. Andre Baumann versicherte bei der Veranstaltung, dass eine weitere Verlängerung der Laufzeit von Neckarwestheim II nicht in Betracht komme. Für ihn persönlich, der sein halbes Leben lang gegen die Kernkraft gekämpft habe, sei der Streckbetrieb schmerzvoll, aber es gehe nicht anders. Denn ein Siebtel des Stroms in Deutschland werde mit Gasturbinen produziert, und in diesen Zeiten des Gasmangels brauche man die AKW als flexibel und schnell einsetzbare Kraftwerke. Er kritisierte aber manche Unkenrufe, dass es trotz der drei weiterlaufenden AKW im Winter zu Blackouts kommen könne. Der zweite Stresstest der Bundesregierung habe gezeigt, dass selbst bei verschärften Rahmenbedingungen in Baden-Württemberg höchstens regional und kurzzeitig der Strom knapp werden könne, so Baumann.

Da keine neuen Brennstäbe in Neckarwestheim II verwendet werden, falle durch den Streckbetrieb lediglich bei den sogenannten Betriebsabfällen etwas mehr verstrahltes Material an, sagte EnBW-Kraftwerkschef Jörg Michels. Die Menge sei kleiner als zehn Kubikmeter und sei damit „absolut vernachlässigenswert“. Im Schacht Konrad, wohin auch dieses Material einmal kommen werde, sei Platz für mehr als 300 000 Kubikmeter.

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