Laura Fords Skulpturen im Kleihues-Bau Kornwestheim Vertrieben aus dem Märchen

Von Georg Leisten 

International ist sie längst gefeiert. Jetzt zeigt der Kornwestheimer Kleihuesbau Arbeiten der Engländerin Laura Ford, die das Animalische aus dem Menschen herauskitzelt.

Melancholisches Geschöpf: Laura Fords „Logpile Panda“ Foto: Brandes 6 Bilder
Melancholisches Geschöpf: Laura Fords „Logpile Panda“ Foto: Brandes

Kornwestheim - Es ist kein Geheimnis: Viele Probleme des Menschen haben mit dem Kopf zu tun. Deswegen lässt Laura Ford ihn gern weg. Stattdessen setzt sie ihren Figuren Baumkronen auf die Schultern, schlappohrige Elefantenhäupter oder watteweiche Schäfchenwolken. Letztere machen das Denken offenbar besonders leicht. Eines der wolkenköpfigen Mädchen aus der Serie der „Cloud Girls“ beginnt sogar, die Wand empor zu schweben.

Spätestens seit ihrer Teilnahme an der Venedig-Biennale 2005 zählt die 57-jährige Engländerin zu den international bekanntesten figürlichen Bildhauerinnen ihrer Generation. Lediglich in Deutschland galt sie bislang eher als Geheimtipp. Das will das Kornwestheimer Museum im Kleihuesbau nun ändern und hat dazu fünfunddreißig neuere Werke Fords über den Ärmelkanal geholt. Vereint die Kunst der gebürtigen Waliserin doch alles, was das Ausstellungspublikum liebt. Sie hat heitere wie hintergründig-ernste Seiten, funktioniert ohne Vorwissen und besitzt dennoch genügend innere Widerstände und inhaltliche Bezüge, an denen sich ein intellektueller Diskurs entzünden kann. Der neuen Kornwestheimer Museumsdirektorin Saskia Dahms beschert das sympathische Skulpturenpanoptikum jedenfalls einen gelungenen Einstand.

Auf dem Kinderkörper wächst ein Giraffenhals

Unentwegt werden bei Laura Ford die Karten im Spiel des Lebens neu gemischt, Vertrautes ausgetauscht. Aus dem zierlichen Körper eines Kindes türmt sich ein majestätischer Giraffenhals heraus, auf einem weiteren Paar von Kinderbeinen lastet ein knorriges Baumgespenst mit anthropomorphen Zügen. Kentaurische Kuscheltiere wechseln in dem skurrilen Märchenpark mit bizarren Pflanzenwesen. Dabei schielen die eigenwilligen Metamorphosen nicht zuletzt auf die Kunstgeschichte. Allen voran jene Damen, die gerade im Begriff stehen, sich wie die griechische Nymphe Daphne aus Gianlorenzo Berninis barocker Apoll-und-Daphne-Gruppe in einen Baum zu verwandeln.

Die Hybridnatur dieser Figuren findet eine Parallele in der Verwendung betont gegensätzlicher Werkstoffe. Neben klassischen Materialien der Bildhauerei wie Bronze oder Stahl nutzt Ford nämlich auch knautschweiche Textilien. So möchte man die Wesen am liebsten alle in den Arm nehmen, feste knuddeln und trösten. Die Prozession der buckelkrummen Katzen, die traurig auf einem Holzstapel hockende Pandabären-Mutation oder auch jenen Bademantelschluffi namens „Bedtime Boy“, der sein schweres elefantöses Haupt müde zur Erde neigt.

Das Animalische steckt auch im Menschen

Denn nicht nur im Fabelreich der Literatur, auch in Fords Mensch-Tier-Plastik ist das Animalische ein Zerrspiegel, der bestimmte Grundelemente der Conditio humana umso deutlicher zum Vorschein bringt. Weltscheu, verletzlich und melancholisch sind diese Geschöpfe. Sogar der ein wenig aus Fords sonstiger Gestaltungsart ausscherende Wegwerf-Don-Quichotte. Auf einem umgemodelten Küchenstuhl reitet die ritterliche Lachgestalt in den Windmühlenkampf. Ihre Rüstung besteht aus alten Aluminiumschalen, der Helm ist eine zerbeulte Blechdose.

Überhaupt prägt eine ironische Liebe zum Detail das Oeuvre der Künstlerin. Für die aus der Zeit gefallenen Kleidchen und Jäckchen, die klobig-tapsigen Schühchen stand vor allem Englands plüschige Kinderbuchtradition Pate. Und auch die vermenschlichten Physiognomien der vierbeinigen Zweibeiner sind von Beatrix Potters Kaninchenheld Peter Rabbit und von A. A. Milnes Winnie-the-Pooh beeinflusst.

Fords Arbeiten verstören die Betrachter

Trotzdem bleibt von dieser sehenswerten Schau mehr als ihre anrührenden Pointen. Über den anekdotischen Gehalt hinaus hinterlassen Laura Fords Arbeiten eine tief reichende Verstörung. Es muss ja etwas zu bedeuten haben, dass schon dem süßen Häkelmädchen im Eingangsbereich ein kleiner roter Teufel am Hals hängt. Spätestens mit dem krabbelnden Hasenkind, das einen terroristischen Sprengstoffgürtel um den flauschigen Leib trägt, kippt der anrührende Witz in einen schwarzen Humor um, mit dessen Ätzkraft sich die Wirklichkeit in die Ausstellung zurückfrisst.

Schluss mit putzig macht auch das Paar der „Rag and Bone Squirrels“, was frei übersetzt in etwa „Lumpensammler-Eichhörnchen“ bedeutet. Provokant verniedlicht, reflektiert das erbarmungswürdige Nagerduo die moderne Verliererschicht der Obdachlosen und Pfandflaschensammler. Damit wird auch verständlich, weshalb so viele der Figuren ihre ausgetauschten Köpfe hängen lassen. Und so liefern Fords fantastische Mischlinge eine schärfere Gesellschaftsallegorie als man anfangs geahnt hätte. Dies sind lauter ausgesetzte Menschentiere, die der Neoliberalismus aus dem Märchenparadies des Sozialstaats vertrieben hat.