Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagt den Lieferschwierigkeiten bei Arzneimitteln den Kampf an. Wie soll das gelingen?

Arzneimittel-Engpässe und Lieferschwierigkeiten auch bei wichtigen Medikamenten gehören heute zum Alltag des deutschen Gesundheitswesens. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) listet derzeit rund 300 Fälle auf, wo es Probleme und Verzögerungen bei der Lieferung gibt. Aktuell ist es nicht mehr leicht, Fiebersäfte für Kinder zu bekommen. Aber auch Blutdrucksenker oder bestimmte Brustkrebsmedikamente sind schwer erhältlich.

Die Ursachen sind vielfältig und – wie fast alles im Gesundheitswesen – umstritten. Ein Punkt ist die große Konzentration der Wirkstoffherstellung auf China und Indien. Lange Lieferwege sind pannenanfällig. Es gibt zudem immer weniger Hersteller, die dann mitunter auf eine ganz kleine Zahl von Wirkstoff-Produzenten angewiesen sind. Pandemiebedingt kommen Produktionsengpässe anderer Art hinzu: Mal fehlt es ganz banal an Verpackungen, mal an Verschlüssen oder Zulieferern geht das Personal aus.

„Wir haben die Ökonomisierung zu weit getrieben“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sieht den Hauptgrund der dauernden Engpässe an anderer Stelle. „Wir haben den Zwang zur Ökonomisierung zu weit getrieben“, sagte er am Dienstag in Berlin. Es könne nicht so bleiben, dass bei den Verträgen der Krankenkassen mit den Herstellern bereits „kleinste Preisunterschiede“ den Ausschlag geben.

Es geht um die Rabattverträge der Kassen. Im Rahmen von Rabattverträgen vereinbart ein Hersteller mit einer Krankenkasse einen Rabatt für bestimmte Arzneimittel. Diese Rabattverträge gelten normalerweise für eine Dauer von zwei Jahren. Im Gegenzug sollen alle Versicherten dieser Krankenkasse nur das Präparat dieses Herstellers erhalten. Lauterbach findet, dass die Kassen beim Zuschlag zu wenig Spielraum hätten, um nicht nur den Preis, sondern auch Liefersicherheit zu einem entscheidenden Kriterium zu machen. Und wenn der exklusive Lieferant plötzlich Schwierigkeiten bekommt, „stehen wir blank da und das darf nicht sein“. Lauterbach kündigte an, noch vor Weihnachten Eckpunkte eines Gesetzes vorzulegen. Auch die Frage der exklusiven Rabattverträge mit jeweils nur einem Hersteller, werde „im Ministerium diskutiert“, sagte Lauterbach.

Für die Südwest-AOK muss das bedrohlich klingen

Für die AOK Baden-Württemberg muss das bedrohlich klingen, denn im AOK-System sind fast alle wichtigen Ausschreibungen exklusiv. Für die Kassen ist das ein wichtiges Mittel, um die Ausgaben im Griff zu halten. Entsprechend fällt die Reaktion der Südwest-AOK aus. „Der angekündigte Vorschlag von Minister Lauterbach greift zu kurz“, sagte Johannes Bauernfeind, Vorstandschef der Kasse, dieser Zeitung. „Es bringt für die Versorgungssicherheit nichts, Arzneimittel teurer einkaufen zu dürfen, wenn der alternative Anbieter den Wirkstoff aus der gleichen Quelle bezieht wie der günstigere Wettbewerber. Damit reduziert niemand die so oft behauptete Abhängigkeit von Produktionszentren in Fernost.“ Die Erfahrung zeige, dass Generika-Anbieter immer am liebsten dort einkauften, wo sich für sie die größte Gewinnmarge ergebe. Deshalb müssten „ gezieltere Mechanismen eingerichtet werden, um eine Diversifizierung der Lieferkette zu erzielen.“

Hersteller finden Lauterbachs Ansatz richtig

Die Hersteller-Seite findet es dagegen richtig, dass Lauterbach sich das Thema der Rabattverträge vornimmt. Hermann Kortland, Vize-Hautgeschäftsführer beim Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH), sieht „die am niedrigsten Preis für Arzneimittel ausgerichteten Rabattverträge, die zudem regelmäßig exklusiv an einen Arzneimittel-Hersteller vergeben werden“, kritisch. Weitere Faktoren würden die Lage derzeit verschärfen. „Hinzu kommen die aktuell stark gestiegenen Kosten für Energie, Verpackungsmaterialien, Wirk- und Ausgangsstoffe und Logistik und den damit stark gestiegenen Herstellungskosten“. Dies könnten nicht kompensiert werden. Die Folge sei, „dass eine wirtschaftlich auskömmliche Produktion für viele Arzneimittel-Hersteller nicht mehr möglich ist und immer mehr Hersteller aus der Produktion aussteigen und die entsprechenden Arzneimittel dann in der Versorgung fehlen.“ Kortland wünscht sich „eine diversifizierte Vergabe von Rabattverträgen an mehrere Arzneimittel-Hersteller, wobei insbesondere die Versorgungssicherheit ein maßgebliches Vergabekriterium sein muss“.