Leben auf La Palma Der Vulkan vor der Haustür

Menschen säubern ein Haus von  Vulkanasche: Weil die Lava  näher rückt, haben die Behörden  am Donnerstag die Evakuierung von etwa weiteren 300 Menschen angeordnet. Foto: dpa/Saul Santos
Menschen säubern ein Haus von Vulkanasche: Weil die Lava näher rückt, haben die Behörden am Donnerstag die Evakuierung von etwa weiteren 300 Menschen angeordnet. Foto: dpa/Saul Santos

Seit vier Wochen lebt die kanarische Insel La Palma mit den Lavaeruptionen. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber einige Inselbewohner machen schon Pläne für die Zukunft.

Korrespondenten: Martin Dahms (mda)
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Madrid - Manchen Palmeros wird es zu viel mit den schlechten Nachrichten. „Die Insel La Palma ist ein sicheres Gebiet“, schreiben acht Inselverbände in einem am Freitag verteilten Aufruf. „Wir führen alle ein normales Leben, wenn auch tieftraurig und besorgt um die Betroffenen des Vulkans, der noch nicht einmal einen Namen hat.“ Unternehmen, Restaurants, Hotels, Transportbetriebe arbeiteten weiter wie bisher. „Wir brauchen es mehr denn je, dass Besucher kommen und uns helfen, diese Naturkatastrophe zu überstehen, die acht Prozent unseres Territoriums betrifft.“

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Es kommt aber keiner. Die Inselhotels sind zu 15 Prozent belegt. Und das gerade jetzt, wo La Palma hoffte, so wie die anderen Kanarischen Inseln endlich aus dem Pandemietal herauszukommen. Doch die Touristen sind zurückhaltend. Wahrscheinlich eher aus Pietät als aus Furcht um ihr Wohlbefinden: Es scheint nicht richtig zu sein, dort sorglos Urlaub zu machen, wo so viele Menschen jeden Tag in tiefer Sorge leben.

Ein Lavastrom ist kein Fluss, der sein Bett gefunden hat

„Heute Morgen bekomme ich fast einen Herzinfarkt, als der Postbote an der Tür klingelt“, erzählt Senaida, eine Inselbewohnerin, am Donnerstag einem Reporter von „El País“. „Ich dachte, es sei die Guardia Civil, die uns aus dem Haus holt.“ Senaida wohnt mit ihrem Mann am Rande des Sperrgebiets rund um den Lavastrom, der sich vom Vulkan hinab ins rund sechs Kilometer entfernte Meer ergießt. Aber ein Lavastrom ist kein Fluss, der sein Bett gefunden hat, sondern ein bewegliches Wesen, das immer wieder neue Wege sucht. Diese Woche mussten 800 Menschen in der Siedlung La Laguna ihre Häuser vorsorglich verlassen, weil sich eine neue Lavazunge näherte. An die 7000 Palmeros teilen dieses Schicksal. Senaida fürchtet, eine der Nächsten zu sein.

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„Die betroffene Fläche summiert sich auf 674 Hektar“, berichtet die Inselverwaltung am Donnerstagabend. 34 Hektar mehr als am Vortag. Knapp ein Prozent der Inselfläche hat die Lava in den vergangenen vier Wochen unter sich begraben. Und der Vulkan hört nicht auf zu sprudeln. „Wir hatten einen etwas bescheideneren Lavaausstoß und eine kürzere Dauer erwartet“, sagt die spanische Chefgeologin Juana Vegas in einem Radiointerview am Freitagmorgen. Was sie aber am meisten umtreibt, ist, dass die Lava mitten in bewohntes und landwirtschaftlich genutztes Gebiet hineinströmt. „Das unterscheidet diesen Ausbruch von anderen in der Vergangenheit“ – jedenfalls auf La Palma.

Die Lava sprudelt so heißflüssig wie noch nie

Auch nach knapp vier Wochen hält der Vulkan noch Überraschungen bereit. Am Donnerstagabend sprudelt er so heißflüssig wie noch nie. Das Vulkanologische Institut der Kanaren stellt Bilder davon ins Netz und spricht von einem Lava-„Tsunami“ von „beeindruckender Geschwindigkeit“. Zugleich bebt die Erde weiter. Erst am Donnerstag-, dann am Freitagmorgen, jeweils mit Stärke 4,5, so heftig wie nie in den vergangenen Wochen, und heftig genug, dass nicht nur die Seismografen die Erdstöße spüren, sondern auch die Menschen.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat die Insel in diesen vier Wochen schon viermal besucht. Am Donnerstagabend sagt er in einem Fernsehinterview: „Wir werden so lange dort sein, bis wir 100 Prozent dessen wieder aufgebaut haben, was der Vulkan zerstört hat.“ Er ist nicht der Einzige, der Zukunftspläne macht. Während die einen, wie Senaida, jedem Tag „beklommen und voller Angst“ entgegenblicken, wollen sich andere lieber heute als morgen an den Wiederaufbau machen. Einer von ihnen, der Architekt José Henry aus dem von der Lava verschlungenen Dorf Todoque, macht seinen alten Nachbarn mit dieser Botschaft Mut: Alles soll wiedererstehen, Haus für Haus, keines mehr, keines weniger, „mit der Kirche, der Apotheke, dem kleinen Laden, dem Platz“. Den Leuten tut es gut, so etwas zu hören.

Dieses Land wird in einigen Jahren sehr fruchtbar sein

Auch die Bananenbauern lassen sich nicht unterkriegen. Rund 60 Hektar ihrer Plantagen hat sich der Vulkan bisher genommen. Den 52-jährigen Valentín Gonzalo schreckt das nicht. „Das hacken wir wieder auf“, sagt er einem Reporter von „El Mundo“. „Oder wir sprengen es. Und dann wird wieder angepflanzt, und ob! Du wirst schon sehen, wie hier wieder angepflanzt wird!“ Die einzige Sorge der Bauern ist, dass jemand auf die Idee kommen könnte, das Lavagebiet zum Naturpark zu erklären. „Sie können uns unser Land nicht wegnehmen“, sagt Antonio Pages, ein anderer Bananenbauer. „Der Vulkan zerstört, das ist wahr, aber er gibt uns auch eine Chance. Dieses Land wird in einigen Jahren sehr fruchtbar sein.“ Wenn man die Bauern nur machen lässt.




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