Felix Wolf sieht mit seinem Fernrohr Teile Degerlochs und Möhringens, er sieht bis zur Burg Hohenzollern und zur Schwäbischen Alb. Die Landesmesse und ein Zipfel vom Flughafen liegt auch in seinem Standardpanorama. Nach fast drei Jahren ganz oben im Asemwald muss Felix Wolf aber gestehen: „Man gewöhnt sich schnell daran.“ Deshalb macht sich der 31-Jährige immer wieder bewusst, was für ein Luxus das eigentlich ist. Und wenn er das Beste an seinem Zuhause benennen soll, sagt er sofort: „Der Ausblick.“
Wer ihn einmal besucht, braucht keine weiteren Argumente
Wer anderen erzählt, dass er in einem Hochhaus wohnt, erntet spöttische Blicke und hochgezogene Augenbrauen. Hochhaus ist gleich Getto, das denken viele. Jedenfalls hat Felix Wolf diese Erfahrung gemacht. Doch wer ihn dann zum ersten Mal besuchen kam und sich mehr als drei Meter in die Wohnung reingetraut hat, brauchte keine weiteren Argumente mehr, warum es ein Traum ist, im Asemwald zu wohnen.
Felix Wolf hat trotzdem noch viele Argumente, warum er sich kaum einen besseren Ort als Lebensmittelpunkt vorstellen könnte. Die Wohnstadt, die in diesem Jahr 50 Jahre alt wird, hat für ihn viele entzückende Seiten. Und weil er das mit anderen teilen will, hat der Hobbyfotograf bisher schon rund 150 Bilder von den drei Blöcken, die im Volksmund Hannibal heißen, bei Instagram geteilt. Im Rohmaterial sind es „sicher Tausende“. Sie sollen mit den gängigen Vorurteilen aufräumen, zeigen, „wie schön man es hier hat“.
Im Asemwald hat man ein Auge aufeinander
Denn wenn der Asemwald eines nicht ist, dann ein Getto oder Brennpunkt. Die Wohnstadt wird zurecht auch vertikales Dorf genannt. Man kennt sich, man hält ein Schwätzchen beim Bäcker, die Hochhaussiedlung ist eine große Nachbarschaft, man hat ein Auge aufeinander, in vielerlei Hinsicht. Wenn sich Felix Wolf auf den 30-Minuten-Parkplatz stellt und überzieht, „sind nachher die Scheibenwischer hochgeklappt“, erzählt er. „Oder wenn man den Karton nicht richtig zerreißt, steht er vor der Wohnungstür.“ Er findet es sympathisch. „Die Leute kümmern sich.“ Für sich kann er sagen: „Man fühlt sich mit allen verbunden, weil man mit ihnen unter einem Dach wohnt.“ Und das sind ziemlich viele: Insgesamt hat der Asemwald 1137 Wohnungen.
Felix Wolf muss aber einräumen, dass er noch zu kurz dabei ist, um zum harten Kern zu gehören. Die Alteingesessenen seien nett, aber sie blieben unter sich. Immerhin: Seit Kurzem ist er Redaktionsmitglied der Bewohner-Zeitung „Asemwald intern“. Er ist im Mai 2018 eingezogen. Vorher wohnte er in der Stuttgarter Innenstadt – und wollte dort auch bleiben. Nachdem sich aber nichts Passendes und Bezahlbares gefunden hatte, hat er seinen Radius erweitert. Nach der Besichtigung der Wohnung in Himmelsnähe war die Innenstadt-Sehnsucht weggeblasen.
Die drei Hochhäuser findet er architektonisch spannend
Der Asemwald ist Felix Wolf aber schon vorher positiv aufgefallen. Er ist Stadtplaner bei der Stadt Stuttgart. Die drei Hochhäuser finde er architektonisch spannend, sagt er. Damit ist er nicht allein. Immer wieder zieht der Asemwald das Interesse der Fachwelt auf sich.
Der Asemwald gilt als ein gelungener Wurf fürs Zusammenleben, auch nach einem halben Jahrhundert. Anlässlich des runden Geburtstags des Hochhaus-Dorfs auf den Fildern hat der Südwestrundfunk einen Fünfteiler über den Alltag und das Leben im Asemwald gedreht. Das Konzept ist zeitlos schön und fasziniert. Und genau deshalb kann sich Felix Wolf gerade auch nicht vorstellen, irgendwo anders zu wohnen. „Es wäre in jedem Fall ein Downgrading“, sagt er und meint: Es kann fast nur schlechter werden.
Die Zuhause-Zeit wegen der Coronapandemie dürfte ihm wesentlich leichter fallen als so manchem anderen. Zumal er 22. Stockwerke tiefer, im Ladenzentrum, so ziemlich alles findet, was er fürs tägliche Leben braucht. In Vor-Corona-Zeiten ist er im Asemwald auch ins Fitnessstudio gegangen oder hat seine Bahnen im Schwimmbad gezogen – ebenfalls auf oberster Etage, wenn auch im anderen Block. Seine Besucher hat er gern mit einem Besuch im Sky-Restaurant beeindruckt, mit Blick auf den Stuttgarter Flughafen. Vorausgesetzt natürlich seine Gäste waren schwindelfrei.
Asemwald-Bilder:
Wer sich die Fotos von Felix Wolf anschauen möchte, kann dies auf Instagram tun unter „Asemwald_Stuttgart“.