Pflege in Stuttgart Was ist das Geheimnis guter Pflege im Heim?

Eberhardt Frei und Dajana Pejic Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eberhard Frei und Dajana Pejic vom Pflegezentrum Paulinenpark in Stuttgart wissen, dass sie kein Zuhause ersetzen können. Sie versuchen es dennoch. Hier erklären sie, wie.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Keine offenen Stellen im Pflegezentrum Paulinenpark, genügend Mitarbeiter und Bewohner in Kurzzeitpflege, die nicht mehr nach Hause zurück wollen – wie schafft man das? Wie fördert man die Zufriedenheit in einem Pflegeheim bei den Bewohnern als auch bei den Mitarbeitenden?

 

Herr Frei, Frau Pejic, Sie haben mehr Bewerbungen für Pflegefachkräfte als Stellen, was machen Sie anders als andere Pflegeheime?

Frei: Wir haben wirklich viele Bewerbungen über ein Transparent bekommen, das wir an die Fassade gehängt haben. Und im Moment läuft unser Haus einfach sehr gut. Das hat uns jüngst nach einem Kontrollbesuch des Medizinischen Dienstes die AOK – stellvertretend für alle Pflegekassen – bestätigt.

Pejic: Deshalb haben wir keine Empfehlungen bekommen. Das habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt. Bei so einem Besuch wird alles kontrolliert: der körperliche und pflegerische Zustand der Bewohner, ihre Zufriedenheit, der Zustand ihrer Zimmer. Ob es dort Stolperfallen wie lose Kabel oder Teppiche gibt.

Was tun Sie, damit bei Ihnen alles so gut läuft und alle so zufrieden sind?

Frei: Es gehört viel Glück dazu. Die Mitarbeitenden merken, dass Frau Pejic und ich an einem Strang ziehen. Das prägt das Haus. Für unsere Mitarbeitenden haben wir ein Prämiensystem, für das wir einen Kriterienkatalog einwickelt haben. Das haben wir als erstes tarifgebundenes Haus in Baden-Württemberg eingeführt. Dazu gehören unter anderem Bewohner- und Angehörigenzufriedenheit. Und auch, wie oft jemand einspringt. Obwohl, es ist wie überall. Die eigenen Ansprüche sind immer höher. Man denkt immer, man könnte noch eine Schippe drauflegen.

Was sind Ihre Ansprüche?

Pejic: Das Wichtigste sind für mich die Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter. Ich erlebe seit 30 Jahren, wie sich die Pflege verändert. Was sich nie verändert, ist der Mensch, der im Mittelpunkt steht.

Was macht ein Pflegeheim zu einem Ort, an dem Bewohner zufrieden sind?

Pejic: Von großem Einfluss ist, dass die Mitarbeiter nicht ständig wechseln. Der Schlüssel für zufriedene Bewohner sind zufriedene Mitarbeiter – und dass die Mitarbeiter die Zufriedenheit der Bewohner spüren. Dann kommen sie gerne zur Arbeit und sind für sie da. Das ist unsere Stärke. Wir hatten vor Kurzem eine Bewohnerin in Kurzzeitpflege, studierte Psychologin, die wollte gar nicht wieder nach Hause.

Sie leben aber mit dem gesellschaftlichen Mantra, dass niemand ins Pflegeheim will.

Pejic: Umso schöner ist es, wenn Sie solche Erlebnisse haben. Wenn eine Bewohnerin verwundert feststellt, dass sie bei uns ausschlafen und frühstücken kann, wann sie will. Wir wollen unseren Bewohnern ein Stück Zuhause geben. Wenn ich zu Hause bis um zehn geschlafen habe, warum soll ich dann hier um sieben aufstehen und nicht erst spätabends ins Bett gehen.

Dennoch haben viele Menschen Angst vor dem Verlust ihrer Autonomie?

Frei: Ja. Wenn jemand 60, 70 Jahre mit einem Partner ein erfülltes Leben gelebt hat, dann später vielleicht alleine und dann in eine Gemeinschaft kommt, in der 13 Leute um ihn herum sitzen, er pünktlich zum Mittagessen muss und er von Mitarbeitern, die vielleicht gerade 25 Jahre alt sind, gesagt bekommt, was er jetzt tun soll, dann ist das ein riesiger Verlust an Autonomie. Zu Hause hatte er eine Bücherwand, den Fernseher am Lieblingsplatz und das Sofa gegenüber. Das hat er hier alles nicht. Und dennoch täte es vielen Menschen gut, die zu Hause gepflegt werden, sie wären bei uns. Das fängt damit an, dass man den dementen Ehemann daheim einschließt, wenn man einkaufen geht, damit er nicht wegläuft. Oder dass die Mobilisierung, die wir hier machen, nicht stattfindet.

Pejic: Die Bewohner kommen immer älter ins Pflegeheim. Zwischen 80 und 90.

Die meisten Menschen wollen möglichst lange zu Hause bleiben.

Frei: Es gibt Menschen, für die ist es gut, möglichst lange zu Hause zu sein. Die schaffen das auch, vier Stockwerke hochzugehen. Das ist super. Aber es gibt eben auch viele Menschen, die vegetieren in ihrem vierten Stock und kommen nicht mehr raus. Die Nachbarn bringen ab und zu Einkäufe vorbei. Ein Sozialdienst bringt das Essen. Das sind dann 23 Stunden Einsamkeit am Tag. Insofern glaube ich, dass es für manchen Menschen schön wäre, früher zu uns zu kommen. Wir haben eine Bewohnerin, die ist mit der Eröffnung des Paulinenparks bei uns eingezogen. Sie lebt seit neun Jahren bei uns.

Hat Wohlfühlen damit zu tun, dass man den Umzug selbst entschieden hat oder ob einem nichts anderes übrig bleibt, weil man wegen eines Sturzes nicht anders kann?

Frei: Die meisten kommen tatsächlich wegen eines Sturzes. Aber auch die sollen sich wohlfühlen. Wir wissen, dass wir nie ein Zuhause ersetzen werden. Aber vielleicht schaffen wir es ja mit Büchern und Bildern von zu Hause ein Zimmer einzurichten, das aussieht wie zu Hause.

Wie kommt man wieder auf die Beine?

Pejic: Wir haben einen Neurologen, Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten, die regelmäßig kommen. Auch das Sanitätshaus ist beteiligt. Unsere Mitarbeiter informieren sich bei der Physiotherapie, welche Übungen sie mit dem Bewohner die Woche über machen sollen, bis wieder Therapiestunde ist. Jeden Tag machen wir das: Treppen hochlaufen oder am Handläufer hinsetzen und zehnmal aufstehen.

Frei: Für jeden Bewohner gibt es einen solchen Plan, und wir kontrollieren das auch. Wir haben Bewohner, die nach einem Bruch im Rollstuhl aus dem Krankenhaus zu uns kamen und inzwischen wieder mit dem Rollator laufen.

Pejic: Oder sie sind mit dem Rollator wieder in Reha oder nach Hause gegangen, obwohl sie hier bettlägerig in Kurzzeitpflege waren.

Frei: Wenn wir den Platz hätten, hätten wir natürlich auch gerne einen Fitnessraum. Das wäre super. Aber die Quadratmeterpreise sind einfach so hoch, dass wir ohnehin befürchten, dass viele Menschen sich gar keinen Pflegeheimplatz mehr leisten können.

Aber das Sozialamt zahlt doch zu, wenn jemand nicht genügend Geld hat.

Frei: Wer ein Leben lang gearbeitet hat und vielleicht ein bisschen Geld angespart hat und zusehen muss, wie das Monat um Monat schmilzt, geht lieber nicht ins Heim, als dass er Sozialhilfe beantragt. Jeder Vater oder jede Mutter denkt, da muss doch was übrig bleiben für meine Kinder. Geschätzt bekommen etwa die Hälfte unserer Bewohner Sozialhilfe. Heute liegen wir bei 3500 Euro Zuzahlung und werden wahrscheinlich nächstes Jahr noch einmal um 500 Euro erhöhen müssen. Das ist unsere Sorge. Entweder die Leute kommen gar nicht mehr. Oder die Menschen sind so todkrank, dass wir nur die Endstation bis zum Tod sind.

Pejic: Wir haben das Hausgemeinschaftskonzept. Wenn wir nur noch multimorbide Bewohner haben, die bettlägerig sind und nur zum Sterben kommen, sind unsere Wohngruppen erledigt.

Wie stellen Sie sich eigentlich für sich selber ganz persönlich Ihr Leben im hohen Alter vor?

Frei: Meine Frau und ich haben miteinander besprochen, dass wenn jemand von uns zum Pflegefall wird, geht er ins Heim. Ich habe erlebt, wie sich meine Mutter über Jahre aufgeopfert hat und dann selbst körperlich kaputt war. Das ist nicht mein Ziel.

Pejic: Ich möchte nicht leiden. Ich bin ein aktiver Mensch. Vor dem Verlust meiner Autonomie habe ich Angst. Für mich wäre auch Sterbehilfe ein Weg, je nachdem wie mein Alter aussieht.

Frei: Obwohl Sie hier erleben, wie es anders sein kann.

Pejic: Ja. Trotzdem.

Wie gehen Sie als Heim eigentlich mit dem in unserer Gesellschaft immer noch umstrittenen Wunsch nach Sterbehilfe um?

Frei: Wir glauben, dass es zum Recht auf Selbstbestimmung gehört und würden es zulassen. Aber wir würden es nicht organisieren. Wir erwarten auch nicht von unseren Mitarbeitern oder uns selbst, dass wir da aktiv sind.

Pejic: Oder dass wir das begleiten.

Die Interviewpartner und ihr Werdegang

Heimleiter
 Eberhard Frei (65) hat Politikwissenschaften studiert, danach eine Ausbildung zum Reisekaufmann gemacht und bis zu seinem 57. Lebensjahr als Vertriebsleiter in der Reisebranche gearbeitet. Weil er sich wieder sozial engagieren will, kündigt er seinen Job und macht einen Bundesfreiwilligendienst im Pflegeheim St. Ulrich in Stuttgart. Danach bewirbt er sich 2015 auf die Heimleitung im Paulinenpark, wird genommen, macht nebenher noch die Ausbildung für diese Tätigkeit. Ende Januar geht er in den Ruhestand.

Pflegedienstleiterin
 Dajana Pejic (53) hat Krankenpflege in ihrer bosnischen Heimatstadt Banja Luka gelernt. 1992 flieht sie wegen des Krieges aus ihrer Heimat und fängt in Stuttgart-Rot im Adam-Müller-Gutenbrunn-Haus als Pflegerin an, ist dort am Konzept der Kultursensiblen Pflege für die erste Migrantengeneration beteiligt. Seit 2017 ist sie Pflegedienstleiterin im Paulinenpark. Im Februar tritt sie als Heimleiterin die Nachfolge von Eberhard Frei an.

Haus
 Das Pflegezentrum Paulinenpark im Stuttgarter Westen gehört zur Diak Altenhilfe Stuttgart, einer Einrichtung der Diakonie Württemberg. In sechs Wohngruppen leben dort je elf oder zwölf Bewohnerinnen und Bewohner.  

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Interview Pflege