1939 verloren Juden ihre Wohnungen Das bedrückende Leid in den so genannten „Judenhäusern“ Stuttgarts

, aktualisiert am 04.04.2025 - 10:59 Uhr
„Wie lange Nerven das aushalten können, das weiß ich nicht“ – Die Schoderstraße 8 (rechtes Gebäude) war eines von hunderten Zwangsquartieren in der Stadt. Foto:  

Von Sommer 1939 an durften Juden nur noch bei Juden mieten. Ihre Häuser und Wohnungen wurden „arisiert“. In den überbelegten Zwangsquartieren hausten sie oft entwurzelt bis zur Deportation.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Im Jahr 1939 nimmt das Reich durch sein „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden Ida Ebert eine letzte Zuflucht. Die Witwe des Bankdirektors a.D. Franz Ebert muss mit 68 Jahren ihre Wohnung im 1. Obergeschoss der Ludwigstraße 128 in Stuttgart aufgeben. Und mit ihr alles Leben, die Erinnerungen, ja, vielleicht ihre letzten Gewissheiten und Wesenskerne, die sich mit den Räumen und Dingen verwoben haben. Der Friede beginnt im eigenen Haus, hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers gesagt.

 

Ida Ebert ist Jüdin, ihre Vermieter sind es nicht. Solche Wohnverhältnisse sind laut einer städtischen Verordnung fortan untersagt. Die Verwaltung strebt die „Entjudung arischen Hausbesitzes“ an. Juden müssen bei Juden unterkommen. Nichtjuden bei Nichtjuden. Ein großes Aus- und Umziehen beginnt, das Ida Ebert in ein Erdgeschosszimmer in der Schoderstraße 8 im Norden der Stadt treiben wird, in die Zwangsgemeinschaft einander Fremder, allein über die Religion verbunden. Es sollte nur eine Zwischenstation sein auf Ida Eberts letztem Weg.

Ein wenig aufgearbeitetes Kapitel

Josef Klegraf, 87, hat die Mietverhältnisse dieser Jahre für die Schoderstraße 8 recherchiert. Der ehemalige Bezirksvorsteher von Stuttgart-Nord engagiert sich in Initiativen zur NS-Geschichte der Stadt. Wann Juden ihre Zuhause aufgeben mussten und an wen sie fielen, sei wenig aufgearbeitet, sagt Klegraf. Viele Stunden hat er in Archiven gesessen, die Adressbücher der Zeit durchackert und seine Funde in Excel-Listen übertragen, Tausende Zeilen gefüllt. Wer war wann unter welcher Adresse gemeldet? Wann verloren jüdische Besitzer ihre Immobilien und wer nahm sie an sich? Gab es die so genannten „Judenhäuser“ in Stuttgart – Gebäude, in die Jüdinnen und Juden unter Zwang eingewiesen wurden?

In der Schoderstraße 8 wuchs die Hausgemeinschaft von einer Partei im Jahr 1939 auf mindestens acht im Jahr 1941 an. Über den Alltagskampf in der Enge des zweigeschossigen Hauses können Klegrafs Tabellen freilich keine Auskunft geben. Sie sind eher wie Skelette eines dunklen Kapitels Stadtgeschichte zu sehen, das eine bis hierher unterschätzte Wegmarke ist: „Die Vertreibung, die sogenannte ,Entjudung’ der Wohngebäude . . . stellte für die jüdische Bevölkerung die entscheidende Zäsur auf dem Weg in die Vernichtungsstätten des Ostens dar“, heißt es in einem Aufsatz von Johanna Heilweck-Backes.

Die Geografin und ehemalige Mitarbeiterin des Statistischen Amtes der Stadt Stuttgart veröffentlichte im vergangenen Jahr eine erste systematische Auswertung zur Wohnsituation der jüdischen Bevölkerung in Stuttgart in den Jahren 1939 bis 1941. Für die Autorin markieren die 14 Paragrafen des Reichsgesetzes den letztgültigen Abschied vom eigenen Zuhause und von der Heimstatt Deutschland für jene, denen zuvor schon fast alles genommen war. Ein Haus ist Tragkonstruktion im doppelten Sinne, ist Lebensgrundlage, ist Leben. Sein Verlust gibt Existenzen schutzlos preis. Nicht umsonst sagt man über einen haltlosen Menschen auch, er sei unbehaust.

2720 Juden werden zur vogelfreien Verfügungsmasse

Von 1939 an können sich jüdische Menschen nicht mehr auf den Mieterschutz berufen, dürfen gekündigt, zur Räumung verurteilt, zwangsumgesiedelt werden. Die 2720 verbliebenen Stuttgarter Jüdinnen und Juden werden zur vogelfreien Verfügungsmasse kommunaler Wohnungspolitik. Diese ist schon damals getrieben vom Mangel an Räumen für jene, die zum Arbeiten in die (Rüstungs-)Industriebetriebe der Stadt drängen.

Mit der Verordnung für eine „Regelung der Mietverhältnisse mit den Juden in Stuttgart“ vom 10. August 1939 auf Grundlage des Gesetzes setzt Stuttgart auf einen„Ringtausch“. Bis Dezember sollen Juden zu Juden, „Arier“ zu „Ariern“ ziehen. In den Einwohnermeldedaten der Stadt hat Johanna Heilweck-Backes das Ausmaß des Umzugsgeschehens in Hunderten Häusern in jüdischem Besitz recherchiert: Leben 1939 zwei bis drei Menschen in einem Wohngebäude sind es 1940 eher vier. In mindestens 171 Gebäuden zwängen sich nun sechs und mehr Menschen zusammen, in jedem zehnten Haus mindestens 21 – wobei die Statistik Kinder unter 19 Jahren gar nicht erfasst. Zeitgleich erwerben Stadt und Privatleute in großem Umfang – und teils zu Niedrigpreisen – Immobilien aus jüdischem Besitz. Nach dem Krieg wird die Verwaltung diese zurückerstatten oder aber Entschädigung dafür zahlen müssen.

Für etliche Gebäude vermutet die Forscherin eine „unmenschlich starke Überbelegung“. Sie stehen etwa in der Oberen Bismarckstraße 92, Wernlinstraße 6, Wermershalde 12, Lenzhalde 84, Gerokstraße 17, Moserstraße 13. Im Stuttgarter Westen ebenso wie im Osten und Norden, in der Innenstadt wie in den Halbhöhen, wo ein Großteil der Juden zuhause ist.

Wenn man so will, zeichnet Heilweck-Backes’ Liste ein dezentrales Getto, ein Netz steingewordener Geschwulste nationalsozialistischer Vernichtungslogik, aus dem kaum ein wenig Entkommen ist. Juden dürfen keine Konzerte, Bäder oder Sportstätten mehr besuchen. Der „deutsche Wald“ ist ihnen ebenso verboten wie öffentliche Verkehrsmittel oder Bücher zu kaufen. Von 1941 an markiert der „Judenstern“ ihre totale soziale Isolation. „Jetzt, da der Judenstern eingeführt war, tat es nichts mehr zur Sache, ob die Judenhäuser zerstreut lagen oder ein eigenes Viertel bildeten, denn jeder Sternjude trug sein Ghetto mit sich, wie eine Schnecke ihr Haus“, schreibt Victor Klemperer.

„Judenhäuser“ – ein umstrittener Begriff

Auch wenn sie davon ausgeht, dass in Stuttgart „Zwang, Leid und große Härten“ geschahen, benutzt Johanna Heilweck-Backes den Nazi-Jargon-Begriff der „Judenhäuser“ zurückhaltend. Über den Alltag in den spärlich bestückten Räumen – Juden mussten Rundfunkempfänger, Schreibmaschinen, Instrumente, Fahrräder und vieles mehr abgeben – kann sie nur mutmaßen: Es müsse „eine klaustrophobische Situation“ in den Wohnungen geherrscht haben, „eine unerträglich räumliche Enge mit den fremden Menschen“.

Tatsächlich gibt es nur wenige Zeitzeugnisse aus Stuttgart. Unter anderem in den Erinnerungen von Hannelore Marx, geborene Kahn, die eine wunderbare Kindheit in der schönsten Stadt, die sie sich vorstellen kann, verbringt. Die Familie lebt in einer Vierraumwohnung in der Stitzenburgstraße 17 mit Balkon, Toilette und einem Zimmer für die Hausangestellte unterm Dach. 1941 soll das Haus „judenrein“ werden. Die neue Bleibe der Kahns hat zwei Zimmer, Hannelore schläft im Wohnzimmer mit einem anderen Mädchen, der Großvater auf dem Sofa im Elternschlafzimmer. Für sich sein – das gibt es nicht mehr.

Auch in der Wernlinstraße 6 stand eines von mindestens 170 stark überbelegten Zwangsquartieren. Foto: Foto: Stadtarchiv / 101-FN250-10345

Auch aus den Briefen der Stuttgarter Jüdin Ella Kessler-Reis lässt sich die Atmosphäre nur erahnen. Mit 40 Jahren musste die aufstrebende Juristin in die elterliche Villa mit dem üppigen Garten in die Waldstraße 4 in Degerloch ziehen, weitere Menschen werden einquartiert. An eine Freundin schreibt sie: „Es gibt Abende, die ich als die letzten empfinde und die mich, uns alle im Hause, mit Panik erfüllen. Und dann geht alles für ein paar Tage wieder vorbei, und wir sitzen bei Bach-, Mozart- und Schubertplatten, ein bezaubernder Azaleenstock von meinem Geburtstag leuchtet unter der Lampe, und alles ist still und scheint dauerhaft. Wie lange Nerven das aushalten können, das weiß ich nicht.“ An einer anderen Stelle heißt es: „Unser Schicksal hängt an dünnen Fäden.“ Ella Kessler-Reis wird 1944 in Auschwitz ermordet.

Sie warten auf etwas, „das nichts Gutes sein würde“

Es ist dieses unwirkliche Gefühl des Wartens, ähnlich vielleicht einem Fallen aus großen Höhen ins Bodenlose, das die Historikerin Maria Zelzer in „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“ 1964 so beschrieben hat: „Für die seit 1941 ohne Hoffnung auf Auswanderung zurückgebliebenen Juden war der Lebensrhythmus bestimmt vom Warten. Sie warteten auf etwas, von dem sie wussten, dass es nichts Gutes sein würde.“

Dass die Zwangsquartiere in vielen Fällen eine letzte Station auf dem Weg in die Tötungsmaschinerie sind – auch das zeichnen Johanna Heilweck-Backes Zahlen nach. 1941 leben nur noch 686 Jüdinnen und Juden in der Stadt, in vielen Häusern sind sie nun allein oder zu zweit. Wer konnte, ist geflohen. Ältere Juden wurden aufs Land, in Orte wie Haigerloch, Laupheim, Talheim oder Buttenhausen, umgesiedelt. Teils vegetieren die Betagten in renovierungsbedürftigen Schlössern wie in Eschenau oder Dellmensingen. Die Jahre 1941 und 1942 sind zudem jene der großen Transporte in die Lager Riga, Izbica und Theresienstadt.

Auch die Schoderstraße 8 leert sich. Das Adressbuch 1942 verzeichnet keine jüdischen Mieter mehr, das Gebäude hat die Stadt gekauft. Josef Klegraf konnte manche Schicksale der Bewohner recherchieren. Mindestens drei von ihnen starben in Konzentrationslagern, einem gelang die Flucht, hinter drei weiteren Namen hat Klegraf nur Fragezeichen verzeichnen können. Ida Ebert, die Bankdirektorenwitwe, wird am 28. August 1941 nach Baisingen umgesiedelt. Als sie ein Jahr später aufgefordert wird, sich im Sammellager Killesberg einzufinden, wählt sie den Freitod. Heute erinnert ein Stolperstein an die Stuttgarterin, die ein Stückchen Leben an diesem Ort zurück ließ.

Projekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ – Alltag und Filmpropaganda

Exklusive Serie
Im Rahmen unseres Projekts „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ zeigen wir mit dem Stadtarchiv Filme aus dem Bestand „Kriegsfilmchronik“. Sie wurden 1941 bis 1944 im Auftrag der Stadtverwaltung gedreht. Leserinnen und Leser erwartet größtenteils noch nie gesehenes Filmmaterial aus dem Stadtarchiv Stuttgart. Wir blicken auf eine Stadt, die im Krieg lebt, diesen jedoch kaschiert – und hinterfragen die Bilder aus dieser bundesweit einmaligen Kriegsfilmchronik kritisch.

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