Leben in der vernetzten Welt Wege aus der Komplexitätsfalle
Unser Leben wird immer komplizierter. Selbst kleinste Ereignisse am anderen Ende der Welt können sich massiv auf unser Leben auswirken. Wie soll man da den Überblick bewahren?
Unser Leben wird immer komplizierter. Selbst kleinste Ereignisse am anderen Ende der Welt können sich massiv auf unser Leben auswirken. Wie soll man da den Überblick bewahren?
Wer heute ein Auto kaufen, Geld anlegen oder eine Reise buchen will, kann sich besser informieren als je zuvor. Online und auf Papier gibt es jede Menge Testberichte und Bewertungen. Auch die Anbieter stellen Infomaterial bereit. Die Folge: Viele Menschen verbringen Tage mit dem Studium von Vergleichstabellen und Tests, bis sie sich für ein Angebot entscheiden. Danach fragen sie sich, ob diese oder jene Alternative nicht besser gewesen wäre – oder ob dasselbe Produkt oder dieselbe Dienstleistung anderswo günstiger gewesen wäre.
„Wenn mein Opa ein neues Radio brauchte, ging er zum Fachhändler vor Ort und ließ sich ein paar Geräte vorführen. Dann zeigte er auf das Radio, dessen Klang ihm am besten gefiel, und fragte, was es kostet“, erzählt Marco Wehr, Gründer des Philosophischen Labors in Tübingen. Wenn Wehrs Opa den Preis okay fand, folgte ein letzter Test: „Er hob das Gerät hoch und schüttelte es kräftig.“ Wenn dabei nichts klapperte und die Verarbeitung einen guten Eindruck machte, kaufte er das Radio und war zufrieden.
Dass sich heute viele Menschen mit Entscheidungen schwertun – nicht nur bei Anschaffungen, sondern auch bei wichtigen Lebensfragen wie der Studienplatzwahl –, sei auf ein Überangebot an Informationen zurückzuführen, die unser Gehirn nicht adäquat verarbeiten kann, sagt Wehr.
Tatsächlich ist unser Denkapparat nach Ansicht von Neurowissenschaftlern nach wie vor besser an die Bedingungen der Steinzeit angepasst als an jene des Internetzeitalters – allem Wirken der Evolution zum Trotz.
Auf unser Gehirn strömen heute mehr Informationen ein als je zuvor. In Echtzeit erreichen uns Nachrichten aus allen Winkeln der Welt, deren Bedeutung sich oft schwer einschätzen lässt. Soziale Netzwerke versorgen ihre Nutzer permanent mit Info-Schnipseln, deren Wahrheitsgehalt niemand überprüft hat. Hinzu kommt eine Flut von Terminen und Verpflichtungen, die Platz in überfüllten Terminkalendern beanspruchen.
Viele haben den Eindruck, dass nicht nur ihr Alltag komplizierter geworden ist, sondern die ganze Welt mit ihren schwer zu durchschauenden ökonomischen Verflechtungen und politischen Konflikten. „Dieser Eindruck stimmt“, sagt Wehr. Genau genommen ist die Welt nicht nur kompliziert, sondern komplex. Bei einer komplizierten Aufgabe – etwa dem Einbau einer neuen Heizung – ist zwar einiger Aufwand nötig, bis man zum Ergebnis kommt; das Problem ist aber grundsätzlich lösbar, wenn man über die nötigen Kenntnisse verfügt.
Komplexität entsteht, wenn viele Faktoren in unterschiedlichster Weise zusammenwirken, sodass sich das Ergebnis nicht mehr vorhersagen lässt. So sei es auch mit Supercomputern nicht möglich, die Bewegungen einzelner Moleküle in einer Gaswolke zu modellieren – oder verlässliche Wetterprognosen für mehrere Wochen zu erstellen, sagt Wehr.
Der Physiker und Philosoph, der zudem professioneller Tänzer ist, beschreibt in seinem jüngsten Buch „Komplexe neue Welt – und wie wir lernen, damit klarzukommen“ zwei Arten von „Komplexitätsfallen“: jene natürlichen Ursprungs, die es schon immer gegeben hat – etwa Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Seuchen; und jene, die der Mensch geschaffen hat. Dazu gehören die weltweiten Kommunikationsnetze, die Energieversorgung, die Finanzmärkte oder globale Produktions- und Lieferketten.
„Wir sind abhängig von einer Infrastruktur, die sehr anfällig für Störungen ist“, sagt Wehr. Er erinnert an die Blockade des Suezkanals durch das havarierte Containerschiff „Ever Given“ im März 2021. Die Unterbrechung des Schiffsverkehrs hatte damals nur wenige Tage gedauert, doch die Folgen für die Weltwirtschaft waren auch Monate später noch spürbar.
„In komplexen Systemen können kleinste Veränderungen unerwartete und weitreichende Folgen haben“, so Wehr. Die Chaostheorie beschreibt das mit dem Bild des Schmetterlings, der mit einem Flügelschlag einen Wirbelsturm auslösen kann. Besonders gravierend können die Folgen sein, wenn natürliche und menschengemachte Komplexitätsfallen zusammenwirken. „Dann können sich die Risiken potenzieren“, so Wehr. Ein Beispiel für so ein „Komplexitätsmonster“ sei die Coronapandemie.
Massive Folgen könnte auch der Ausbruch eines Supervulkans haben. „Ein solches Ereignis ist viel wahrscheinlicher als lange angenommen wurde“, sagt Wehr unter Berufung auf aktuelle Studien. Die Folgen wären heute vermutlich schlimmer als beim Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815. Damals kamen vor Ort Zehntausende Menschen ums Leben. Aber auch entfernte Regionen waren betroffen: Die Aschewolke löste im Folgejahr einen Temperatursturz aus, der weltweit zu Missernten und Hungersnöten führte.
Heute gäbe es bei so einem Ereignis nicht nur Probleme mit der Nahrungsversorgung. Auch die Stromproduktion von Fotovoltaikanlagen würde einbrechen. Die Zerstörung wichtiger Datenleitungen durch Erdbeben träfe wiederum jene Branchen hart, die auf ein funktionierendes Internet angewiesen sind – also nahezu die gesamte Weltwirtschaft.
„Ich will den Leuten keine Angst machen, sondern das Bewusstsein für Risiken schärfen“, so Wehr. Er plädiert für eine Infrastruktur, die weniger empfindlich für externe Schocks ist. „Das lässt sich durch kleinere Untereinheiten erreichen, die unabhängig funktionieren – beispielsweise bei der Energieversorgung.“ Oder durch eine Verringerung der Abhängigkeit von nur wenigen Lieferanten bei wichtigen Rohstoffen.
Dass Künstliche Intelligenz helfen könnte, unsere komplexe Welt berechenbarer zu machen, glaubt Wehr nicht: „Es ist eher zu erwarten, dass sie alles noch komplizierter macht.“ Nicht mal die Entwickler könnten nachvollziehen, wie KI-Algorithmen zu ihren Entscheidungen kommen. Das berge unter anderem große Risiken für die Finanzmärkte.
Der zunehmenden Komplexität der Welt steht die Sehnsucht vieler Menschen nach einfachen Antworten gegenüber – wie zuletzt bei den US-Wahlen zu sehen. Das sei eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie, so Wehr. Hinzu komme ein wachsender Nationalismus. Dabei brauche es gerade jetzt mehr internationale Kooperation – etwa im Kampf gegen den Klimawandel oder zur Sicherung der Nahrungsversorgung.
Wehr schaut nicht nur auf die Welt im Ganzen. Ihn beschäftigt auch die Frage, wie jeder Einzelne sein Leben weniger kompliziert machen kann. Seine Ratschläge ähneln teilweise denen antiker Philosophen: sich fragen, was einem im Leben wirklich wichtig ist; dankbar sein für das, was man hat, und sich nicht ständig mit anderen vergleichen; klar zwischen Arbeit und Ruhe trennen.
Für jene, denen Entscheidungen schwerfallen, hat Wehr einen Tipp: „Man muss sich von dem Zwang frei machen, immer das Optimum erreichen zu müssen.“ Wer auf eine Strategie der „klugen Genügsamkeit“ setze, sei am Ende zufriedener. So wie Wehrs Opa mit seinem neuen Radio.